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Heidenrod : Für 90 Bürger ein Klärwerk für Millionen

  • -Aktualisiert am

Abschüssig: Heidenrod empfindet die Topographie als nachteilig. Nach einem Hangrutsch war die Hauptstraße lange gesperrt. Bild: Marcus Kaufhold

Heidenrod muss in Geroldstein unfreiwillig in die Abwasserreinigung investieren.

          3 Min.

          Weder Bitten noch Betteln, weder Versuche der politischen Einflussnahme noch energische Proteste haben etwas ausrichten können. Selbst der von Kommunalpolitikern beschlossene „zivile Ungehorsam“ führte nicht zum Einlenken der Wasserbehörden. Die hochverschuldete Gemeinde Heidenrod muss weitere zwei Millionen Euro in die Abwasserversorgung für die 90 Einwohner des Ortsteils Geroldstein investieren. Den offiziellen Baubeginn für die Anlage, die im Frühsommer 2011 in Betrieb genommen werden soll, nahm Bürgermeister Harald Schmelzeisen (SPD) zum Anlass einer Abrechnung mit den übergeordneten Behörden. Er hätte sich auch kostengünstigere Lösungen vorstellen können.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Seit 25 Jahren investiert die Gemeinde Heidenrod regelmäßig in die Abwasserentsorgung ihrer über eine Fläche von 100 Quadratkilometern verstreuten 19 Ortsteile und erhöht dadurch kontinuierlich ihren Schuldenberg. Alle Versuche, für einzelne Dörfer eine vergleichsweise günstige Lösung zu wählen, wurden von den Aufsichtsbehörden unter Hinweis auf die gesetzlichen Vorgaben und den erforderlichen Stand der Technik vereitelt. Im Ergebnis, so fasst Schmelzeisen zusammen, werden die Haushaltspläne von Heidenrod seit einem Vierteljahrhundert von den Investitionen in die Abwasserbeseitigung beherrscht.

          Deutlich sauberer

          Heidenrod investierte über zwei Jahrzehnte in die Kläranlagen „Dörsbachtal“ in Laufenselden, „Seitztal“ in Niedermeilingen, „Bärbachtal“ in Grebenroth sowie die Anlagen „Obere Wisper“ und „Watzelhain“. In Kemel, wo es seit der Stationierung der Bundeswehr Mitte der sechziger Jahre schon eine Kläranlage gab, musste diese umfassend saniert und erweitert werden. In Springen, wo Anfang der sechziger Jahre die erste Heidenroder Abwasserreinigungsanlage gebaut wurde, waren in den Jahren 1984/85 und zwischen 2004 bis 2006 kostspielige Sanierungen notwendig.

          Insgesamt sind laut Schmelzeisen wohl mehr als 50 Millionen Euro in die Abwasserbeseitigung der nur 8000 Einwohner zählenden Gemeinde geflossen. Allein für das Klärwerk „Obere Wisper“ der Dörfer Dickschied, Nauroth, Hilgenroth, Langschied, Mappershain und Wisper wurden mehr als zehn Millionen Euro investiert. In Geroldstein, wo nur 90 Einwohner leben, werden es einschließlich begleitender Maßnahmen im Straßenbau wohl 2,5 Millionen Euro werden. Schmelzeisen gibt zu, dass die kleinen Untertaunus-Bäche in den vergangenen 25 Jahren deutlich sauberer geworden sind. Es müsse aber die Frage erlaubt sein, ob Umweltschutz jeden Preis rechtfertige und ob der positive Effekt nicht auch mit viel geringerem Aufwand erreichbar gewesen wäre.

          „Geldfressender Moloch“

          Für die Anlage „Obere Wisper“ hatte die Gemeinde beispielsweise ein Konzept für drei kleinere Kläranlagen entwickelt, die von den Behörden aber verworfen wurden. Die Folge war der Bau kilometerlanger Ableitungskanäle für das schon gereinigte Abwasser. Eine Kläranlage oberhalb des Wispersees war wegen der Überdüngungsgefahr für den Wispersee verworfen worden. Stattdessen drangen die Behörden auf eine Anlage im bis dahin nahezu unberührten Reisterbachtal mit Investitionskosten von deutlich mehr als zehn Millionen Euro und, so Schmelzeisen, „immensen Betriebskosten allein für das Abwasserpumpwerk im Ortsteil Dickschied“. Das Pumpen des Abwassers aus Dickschied über eine Strecke von etlichen Kilometer Länge und mehr als 100 Höhenmetern sei zwar eine „ingenieurtechnische Meisterleistung“, aus Sicht der Bürger und der Gemeinde aber ein „geldfressender Moloch“.

          Ähnliches gilt jetzt für Geroldstein. Die Gemeinde schlug kostengünstige Lösungen vor wie ein Trennsystem über drei kleine Kläranlagen, eine zentrale Sammelgrube und den Abtransport des anfallenden Abwassers im Tankwagen in eine andere Kläranlage, oder den Anschluss Geroldsteins an Dickschied und damit indirekt an die Anlage „Obere Wisper“. Alle diese Vorschläge waren mit der Unteren Wasserbehörde und dem Hessischen Umweltministerium erörtert worden. „Leider ohne Erfolg“, wie Schmelzeisen die Diskussionen zusammenfasst.

          „Wasserrechtlicher Wahnsinn“

          Er erinnert daran, dass die Gemeindevertretung im Frühjahr 2007 wegen „finanzieller Überlastung“ einstimmig einen Planungsstopp verhängte und damit bewusst zivilen Ungehorsam übte. Doch auch dieser Hilferuf an die übergeordneten Stellen im Land erzielte nur eine geringe Wirkung: Das Land stockte seinen Zuschuss um bescheidene 25 000 Euro auf. Die Gemeinde musste ihre Proteste letztlich beenden und die Planungen für den Bau der Kläranlage in Geroldstein vorantreiben.

          Dort werden künftig jährlich rund 3700 Kubikmeter Abwasser gereinigt. Würden die Kosten dafür isoliert für Geroldstein abgerechnet, müssten die dort lebenden Bürger je Kubikmeter Abwasser rund 40 Euro als Gebühr zahlen: „Der wasserrechtliche Wahnsinn wird dabei besonders deutlich“, sagt Schmelzeisen. Forderungen der Kommunalaufsicht nach kostendeckenden Gebühren seien vor diesem Hintergrund nicht erfüllbar.

          Dörfer in Gefahr?

          Für den Bürgermeister stellt sich die Frage, ob das in Heidenrod investierte Geld nicht besser für die Abwasserbehandlung in den Großanlagen der Großstädte eingesetzt worden wäre. Es sei sinnlos, das Geld des Steuerzahlers in nicht effiziente Projekte zu pumpen.

          Schmelzeisen sieht dadurch sogar die Dörfer in Gefahr. Es bedürfe nicht erst des demographischen Wandels, um die Dörfer in Existenznöte zu bringen. Abwasser- und Wassergebühren auf Rekordniveau, ebenso die Gebühren für Bestattungen und für die Kindergärten, während die Kindergartengebühren im Umfeld von Frankfurt abgeschafft würden. Hinzu komme der Regionalplan, der für Heidenrod mangels Anbindung an den ÖPNV keine gewerbliche Entwicklung vorsehe: „Schon hat man eine Gemeinde wie Heidenrod ruiniert und auch die letzten jüngeren Einwohner davongetrieben.“

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