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Hanau : Motor für die Entwicklung einer zerstörten Stadt

Neu belebt: Die Hanauer Baugesellschaft hat die Erdgeschosse ihrer Gebäude am Altstädter Markt so hergerichtet, dass dort Gastronomie und Läden einziehen können. Bild: Rainer Wohlfahrt

Seit 75 Jahren schafft die kommunale Baugesellschaft Wohnraum für Hanauer Bürger. Dabei scheut sie auch ungewöhnliche Wege nicht und ist stolz auf das Geleistete.

          Wohnungen bauen, immer wieder Wohnungen bauen: So lautet das Gebot der Stunde für Jens Gottwald, Geschäftsführer der Baugesellschaft Hanau. Die Menschen im Ballungsraum Rhein-Main ziehe es zunehmend in die Städte, da bilde Hanau keine Ausnahme. In der 90 000-Einwohner-Stadt seien in den vergangenen Jahren viele Gebäude errichtet worden, doch bleibe der Wohnungsmarkt angespannt. Jede neue Bleibe helfe, auch eine im oberen Preissegment, denn häufig werde nach deren Bezug eine günstigere frei. Oft handelt es sich dabei um Wohnungen im Bestand der Hanauer Baugesellschaft, deren Kerngeschäft es seit 75 Jahren ist, den Hanauern, auch denjenigen mit einem schmalen Budget, ein Zuhause anzubieten.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Ihre Anfänge waren bescheiden. Mit einem Bestand von rund 100 Wohnungen wurde die Baugesellschaft mitten in den Kriegsjahren als Nachfolgegesellschaft der 1938 aufgelösten Hanauer Baugenossenschaft gegründet. Die Bautätigkeit hielt sich zunächst in Grenzen. Ihrer größten Aufgabe sah sich das städtische Unternehmen nach 1945 gegenüber. „Die Todesstunde des alten Hanaus wurde zur eigentlichen Geburt der Baugesellschaft“, heißt es in der Festschrift zum Jubiläum, die auch Bilder der verheerenden Zerstörung der Innenstadt zeigt, wo kaum ein Stein auf dem anderen blieb.

          1963: Bebauungsplan für den neuen Stadtteil „Tümpelgarten“

          Einer, der sich noch gut daran erinnern kann, ist der frühere Geschäftsführer Hans Heimerl. Die ersten Instandsetzungsarbeiten fanden nach seinen Worten im Frühjahr 1946 in der Arbeitersiedlung am Kinzigheimer Weg im Hafengebiet statt. Bald folgte eine rege Bautätigkeit, die Wohnungsnot war dramatisch. So galt es nicht nur, den vielen ausgebombten Bürgern wieder ein Dach über dem Kopf zu geben, sondern es mussten auch Unterkünfte geschaffen werden für viele tausend Flüchtlinge aus dem Sudetenland, Schlesien und Ostpreußen. Mehr als 2000 Wohnungssuchende waren laut Heimerl damals bei der Baugesellschaft registriert.

          In der Neustadt, wo sich einst die niederländischen und wallonischen Glaubensflüchtlinge angesiedelt hatten, fing die Gesellschaft mit dem Wiederaufbau an, der sich dann auf die zerstörte Altstadt ausdehnte. Die erst kürzlich durch moderne Gebäude ersetzten Häuser an der Französischen Allee waren die ersten Neubauten der Gesellschaft nach dem Krieg. Sie boten etwa 200 Familien ein neues Zuhause. Weitere Blöcke mit Mietwohnungen schlossen sich an, etwa an Nordstraße, Feuerbachstraße und Schlosshof. Um die 2000 Wohnungen schuf die Baugesellschaft in den ersten Nachkriegsjahren in der Innenstadt, weitere stammten von der Nassauischen Heimstätte.

          Aber das reichte bei weitem nicht aus. Deshalb beschlossen die Stadtverordneten 1963 den Bebauungsplan für den neuen Stadtteil „Tümpelgarten“ und beauftragten das kommunale Unternehmen mit dessen Verwirklichung. Oberbürgermeister Herbert Dröse (SPD) legte den Grundstein für die ersten 64 Wohnungen. Insgesamt entstand Wohnraum für 700 Familien.

          Noch größer war das Projekt Weststadt, wo die Baugesellschaft abermals als größter Bauträger aktiv wurde. Dort entstand eine Hochhaussiedlung mit zahlreichen Einfamilienhäusern am Rand des Gebiets. 20 davon errichtete die Baugesellschaft. Alles in allem wurde Platz für rund 10 000 Bewohner geschaffen.

          Baugesellschaft könne auf das Geleistete stolz sein

          Heute steht die Hanauer Baugesellschaft mit einem Bestand von 4100 Wohnungen unter dem Dach der städtischen Beteiligungsholding. Neben den Stadtwerken ist sie mit einem Umsatz von 27,4 Millionen Euro und einem Plus von knapp einer Million im vergangenen Jahr eine der finanziellen Stützen der kommunalen Holding. Dabei sind die Investitionen der Baugesellschaft erheblich, auf 100 Millionen Euro in den vergangenen sechs Jahren beziffert sie Geschäftsführer Gottwald.

          Außer in Neubauten wie an der Französischen Allee floss viel Geld in die Sanierung der Bausubstanz. So wurden unter anderem ein Großteil der Bauten in der Altstadt sowie mehrere Hochhausblöcke in der Weststadt aufwendig auf Vordermann gebracht. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) spricht von dem größten Sanierungsprogramm seit dem Wiederaufbau. In großem Stil sei die Bausubstanz energetisch optimiert und heutigen Wohnstandards angepasst worden. Dabei habe die Gesellschaft auch neue Wege eingeschlagen.

          Eines der außergewöhnlichsten Projekte ist die Wohnanlage Hanauer Hafentor. Gealtert und von Verkehrslärm umgeben, zählten die imposanten Bauten aus den zwanziger Jahren zu den schwierigsten Immobilien im Bestand, sagt Gottwald. Inzwischen sind 142 von 159 Wohnungen wieder vermietet. Mit Kunst am Bau, Wohnungen zum Selbstausbau insbesondere für Künstlerateliers sowie der Reaktivierung der einstigen „Hafenkneipe“ als Treffpunkt machte man nach seinen Worten das Hafentor wieder attraktiv. Viel schöner geworden ist auch der Altstädter Markt mit dem Deutschen Goldschmiedehaus. In den Gebäuden, die den Platz umgeben, wurden die Erdgeschosse umgebaut, um Raum zu schaffen für Gastronomie und Läden.

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          Die Baugesellschaft könne stolz sein auf das Geleistete, sagt Gottwald. Die oft zu hörende Kritik, in Hanau gebe es nicht genügend „bezahlbaren“ Wohnraum, sei nicht der Baugesellschaft anzulasten. Sie biete 750 Wohnungen für Bezieher von Sozialleistungen an, weitere rund 125 gemeinsam mit Sozialpartnern wie Lichtblick und dem Behindertenwerk Main-Kinzig offerierte Bleiben seien zuvor obdachlosen Personen vorbehalten gewesen. Außerdem seien 1200 staatlich geförderte Wohnungen im Bestand, für die die Stadt ein Vorschlagsrecht besitze.

          Wartelisten gebe es zwar, doch oft könnten Suchende schnell versorgt werden. Bei fast 90 Prozent der 4100 Wohnungen betrage die Kaltmiete weniger als sieben Euro. Gottwald: „Damit brauchen wir uns im Rhein-Main-Gebiet wahrlich nicht zu verstecken.“

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