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Hanau : Abbau des einstigen Atomdorfs im Zeitplan

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Von der ehemaligen Fabrik steht nur noch das Heizwerk. Alle anderen Gebäude, in denen einst Uran-Brennelemente für die meisten deutschen und viele ausländische Kernkraftwerke entstanden, sind verschwunden, zum Teil sogar das Erdreich, auf dem sie standen.

          Von der ehemaligen Fabrik steht nur noch das Heizwerk. Alle anderen Gebäude, in denen einst Uran-Brennelemente für die meisten deutschen und viele ausländische Kernkraftwerke entstanden, sind verschwunden, zum Teil sogar das Erdreich, auf dem sie standen. "Wir arbeiten jetzt unterhalb der Grasnarbe", sagt Peter Faber, seit einigen Wochen für den Abbau des ehemaligen Atomdorfes in Hanau-Wolfgang veranwortlich, das zuletzt unter dem Namen Siemens-Brennelementewerk bekannt war.

          Diese Woche nimmt einen besonderen Platz in der Geschichte der Nuklearbetriebe ein. Zum erstenmal ist ein Teil des Areals vom hessischen Umweltministerium aus dem Geltungsbereich des Atomgesetzes entlassen worden. Eine vergleichsweise kleine Fläche zwar, nur etwa 1000 von 32000 Quadratmetern der einstigen Urananlage, aber für Siemens hatte dieses Stück Abbau den Charakter eines Pilotprojekts, bei dem alles unbeanstandet blieb, was die atomrechtliche Genehmigung dem Unternehmen auferlegte.

          Das Teilgelände des Areals "alte Kalkfällung" ist damit frei von jeglichen bedenklichen radioaktiven Kontaminationen aus der Zeit der Brennelementeproduktion. "Diese Fläche kann nun endlich für konventionelle Zwecke, für Industrie und Wohnen, genutzt werden", erklärt Karl-Winfried Seif, Staatssekretär im hessischen Umweltministerium. Kontrollmessungen hätten bestätigt, daß die vorgegebenen Grenzwerte eingehalten würden, selbst in tieferen Erdschichten keine Kontaminationen vorlägen.

          In die Erde mußte Siemens insbesondere deshalb gehen, weil bei der Uranverarbeitung eingesetzte Chemikalien verschüttet worden und in den Boden eingedrungen waren. So wurden beträchtliche Mengen des Geländes ausgehoben, die Baugruben mit unbelastetem Erdreich verfüllt. In weiteren Teilabschnitten, so Faber, geschieht nun gleiches auf den übrigen Flächen der früheren Urananlage, die vor der Übernahme durch Siemens als Reaktor-Brennelement-Union (RBU) Atombrennstoff in alle Welt lieferte.

          Dem Bodenaustausch voran ging der aufwendige Abriß der Gebäude und die Einlagerung der radioaktiv verseuchten Abfälle, die nun, umgossen von Beton, in einem Zwischenlager im Atomdorf darauf warten, in ein noch nicht existierendes Endlager gebracht zu werden. Wegen des offenen Umgangs mit Uran waren die Häuser im Innern kontaminiert. Eine mehrere Millimeter starke Schicht der Innenwände mußte abgefräst und endlagergerecht verarbeitet werden. Schwach kontaminierter Schutt, Boden und Bauteile galt es in Spezialdeponien und Bergwerken zu entsorgen.

          "Wir sind mit der Sanierung genau im Plan", sagt Faber. Mitte nächsten Jahres soll der Abbau der Urananlage samt Bodenaustausch abgeschlossen werden. Etwas länger wird es dauern, bis die alten Produktionsstätten der Mox-Anlage, die ehemalige Alkem, in der Plutonium und Uran zu Mischoxydbrennstoffen verarbeitet wurden, dem Erdboden gleichgemacht sind. Hier haben die Arbeiten, die Faber ebenfalls leitet, später begonnen. Die Gebäude stehen noch, werden erst entkernt und von stärker verseuchten Teilen befreit, ehe der Abriß beginnen kann.

          Bei den kontaminierten Teilen handelt es sich vorwiegend um die Handschuhkästen, in denen mit Plutonium hantiert wurde. Sie werden in Fässer gesteckt, mit Beton umgossen. Mehrere Fässer wiederum werden dann in einen sogenannten Konrad-Container verpackt, nochmals allesamt in Beton gehüllt und zwischengelagert, bis es die Bundesregierung schafft, ihnen ein Endlager zuzuweisen. Rund 1000 solcher Container fallen beim Abbau der Hanauer Nuklearfabriken an, jeder rund 15 Tonnen schwer und frei von schädlicher Strahlung nach außen.

          Als unübersehbares Zeugnis einer Hochtechnologieanlage, die einstmals als die fortschrittlichste und sicherste der Welt gepriesen wurde, bleibt den Hanauern der mächtige Betonbau erhalten, in den allein die Nuklearwirtschaft mehr als 1,1 Milliarden Mark investiert hatte und der einmal Symbol ihrer weltweit führenden Stellung werden sollte. In ihm wurde jedoch nie ein Brennstab hergestellt, er wurde also nicht kontaminiert. Die Energiewirtschaft beschloß den Ausstieg aus der Kernbrennstoffertigung, bevor die Anlage in Betrieb ging. Deshalb verursacht es noch die geringsten Kosten, den Betonkoloß auszuräumen und für eine neue, nichtnukleare Nutzung auf dem Markt anzubieten. Interessenten unterschiedlichster Art sind nach Fabers Angaben da.

          Mit der Demontage der beiden Atomfabriken, für die ein Betrag von mehr als 500Millionen Euro veranschlagt wurde, bauen die verbliebenen Mitarbeiter ihre eigenen Arbeitsplätze ab. Knapp 200 sind es zuletzt noch gewesen. Vom 1. April nächsten Jahres an werden nur noch 73 gebraucht. Ende 2005, wenn auch die Mox-Fabrik beseitigt ist, gehen die letzten von ehemals mehr als 2200 Beschäftigten der Nuklearindustrie.

          Allerdings entstehen auf dem Gelände auch neue Arbeitsplätze. Große Teile des Atomdorfs, die außerhalb des Produktionsgeländes lagen, sind von Siemens in einen Technologiepark umgewandelt worden. Mit der vorhandenen guten Infrastruktur und dem direkten Anschluß an das Autobahnnetz sind es trotz wirtschaftlich schlechter Zeiten gefragte Gewerbeflächen, berichtet Willy Hünerbein, Leiter des Technoparks (www.siemens-technopark-hanau.de). Auf dem 80000 Quadratmeter großen Grundstück, dem nach der Entlassung aus dem Anwendungsbereich des Atomgesetzes auch das gesamte Areal der beiden Produktionsstätten mit nochmals 60000 Quadratmeter Fläche zugeschlagen wird, bietet Siemens derzeit 11000 Quadratmeter Büros und 10000 Quadratmeter Produktions- und Lagerstätten an, daneben auch Land zum Bebauen.

          45 Firmen haben sich eingemietet, weitere schon Land gekauft und bebaut. Zusammen beschäftigen sie etwa 500 Menschen, und die Zahl nimmt stetig zu. Gerade finden wieder Verhandlungen mit Unternehmen statt, die Parzellen erwerben und sich in Wolfgang niederlassen wollen. Berührungsängste wegen der atomaren Vergangenheit gibt es nicht. HOLGER DELL

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