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Schüler reinigen Friedhof : Aus Respekt und als Zeichen von Empathie

Geschichte erleben: Schüler des Ricarda-Huch-Gymnasium aus Dreieich reinigen Grabsteine. Bild: Wonge Bergmann

Schüler des Ricarda-Huch-Gymnasiums in Dreieich reinigen Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof im Stadtteil Sprendlingen. Dabei geht es auch um die Heimatgeschichte der einstigen Jüdischen Gemeinde.

          Der Nationalsozialismus ist in der zwölften Klasse der Ricarda-Huch-Schule, des Dreieicher Gymnasiums, gerade Thema im Unterricht des Leistungskurses Geschichte. Am Freitag legte eine Schülergruppe Hand auf dem Jüdischen Friedhof im Dreieicher Stadtteil Sprendlingen an: Elf junge Leute aus dem Leistungskurs Geschichte und ein Schüler aus dem Grundkurs reinigten dort Grabsteine. Er habe durch die Beschäftigung mit dieser Epoche der deutschen Geschichte erfahren, dass in Sprendlingen einmal eine Jüdische Gemeinde bestanden habe, die damals vernichtet worden sei, sagte der 16 Jahre alte Quentin, während er mit einer Bürste grünen Bewuchs von einem Stein entfernte. Auch dass es in Sprendlingen eine Synagoge und eine Mikwe, ein Ritualbad, gab, habe er dabei gelernt.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          „Es ist wichtig, dass die Steine hier gut erhalten bleiben“, hob die gleichaltrige Jennifer aus Sprendlingen hervor, die ein paar Schritte weiter mit einem Schwamm über einen anderen alten Grabstein wischte. Vor drei Jahren half sie schon einmal mit, die Zeugen der Vergangenheit zu reinigen.

          Einstige Jüdische Gemeinde

          Von der Existenz des Jüdischen Friedhofs, der zwischen dem alten und dem neuen Teil des allgemeinen Friedhofs am Lacheweg liegt, wusste sie schon vorher: Sie wohne nur zwei Minuten entfernt, sagte Jennifer. Sandstein-Gräber seien empfindlicher als solche aus Marmor; da dürfe man nur mit weniger Kraft säubern. Im Jahr 1831 wurde der Jüdische Friedhof in Sprendlingen eingeweiht. Aus jenem Jahr stammen auch die beiden ältesten der mehr als 100 Grabsteine.

          In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts erhielten sie rein hebräische Inschriften; später wurden Namen und Lebensdaten auch in deutscher Sprache angegeben. 2010 übernahm die Ricarda-Huch-Schule die Patenschaft für den Jüdischen Friedhof, für den der Friedhofszweckverband Neu-Isenburg und Dreieich zuständig ist. Damals beschäftigte sich die Arbeitsgemeinschaft „Mitmach-Geschichte“ der Schule mit der Heimatgeschichte und damit auch mit der einstigen Jüdischen Gemeinde.

          Fotodokumentation der Grabstätten

          Da es keine Angehörigen der Beigesetzten in Dreieich gebe, sei die Patenschaft eine gute Möglichkeit, sich genauer damit auseinanderzusetzen und gleichzeitig zu gedenken, sagte Myriam Andres, die Geschichte und Chemie an der Ricarda-Huch-Schule unterrichtet. Sie war von Anfang an Ansprechpartnerin für die Patenschaft. Am Freitag brachte sie Plastikhandschuhe für die Schüler und flüssige Schmierseife mit. In Eimern holten die Jugendlichen Wasser herbei. Anfang April hatte schon eine Ethikgruppe der Jahrgangsstufe zehn Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof gereinigt.

          Der Verein für Heimatkunde „Freunde Sprendlingens“ veröffentlichte 1983 eine Dokumentation über die ehemaligen jüdischen Bürger des Orts. Ein Kapitel war dem Jüdischen Friedhof gewidmet. 2018 entstand dazu eine Fotodokumentation aller Grabstätten. „Sara Finkelstein, 1874 – 1938“ steht auf dem letzten Grabstein, der in der Zeit des Nationalsozialismus errichtet werden durfte. Die Gräber von Emanuel Pappenheimer und Eva Hess, die beide im November 1938 starben, blieben ohne Stein. Den Angehörigen von Pappenheimer verweigerten die Behörden, den Sarg mit dem gemeindeeigenen Leichenwagen zum Friedhof zu bringen.

          Schüler besuchen Konzentrationslager

          Der Schmiedemeister Dreieicher stellte schließlich seinen zweirädrigen Karren zur Verfügung. Julius Bendheim wurde nach der Pogromnacht im November 1938 verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Dort starb er unter nicht bekannten Umständen im Alter von 44 Jahren. Die Urne wurde seinen Angehörigen geschickt und auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt. 2015 brachten die „Freunde Sprendlingens“ auf den drei Gräbern flache Sandsteinplatten mit den Namen, Geburts- und Sterbedaten an. Ein Mahnmal erinnert außerdem an die von den Nationalsozialisten ermordeten Sprendlinger Juden. 1986 und 2010 kamen auf dem Jüdischen Friedhof zwei neuere Gräber hinzu.

          „Was wir hier machen, ist auch ein Zeichen von Respekt und Toleranz“, sagte die 17 Jahre alte Cennet; dies müsse man gegenüber den Menschen, die damals gelitten hätten, auch zeigen. Sie fühle sich wohl dabei, beim Säubern der Grabsteine mitzuhelfen. „Ich finde es sehr wichtig, Empathie zu zeigen“, machte die junge Muslimin deutlich, deren Vorfahren aus der Türkei kommen. Sie habe nicht daran gedacht, nicht mitzumachen, weil es sich um einen Jüdischen Friedhof handele. Vor zwei Jahren besuchte sie mit der Klasse das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Was sie da gesehen habe, könne sie nicht vergessen, sagte Cennet.

          Zweite Patenschaft angestrebt

          Die 17 Jahre alte Emine, ebenfalls Muslimin mit türkischen Wurzeln, war früher schon einmal mit der Geschichts-AG der Schule beim Reinigen der Grabsteine dabei – „aus Respekt und um Empathie zu zeigen“. Während des Nationalsozialismus sei Schreckliches passiert, das sollte man nicht vergessen.

          22 Schüler, darunter jene, die am Freitag die Grabsteine reinigten, werden nach Angaben von Andres in der letzten Schulwoche eine Projektfahrt ins ehemalige Konzentrationslager Auschwitz unternehmen. Die Rückfahrt führt über Nürnberg, wo die Gruppe das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände aufsucht. Andres bezeichnete es als wichtig, „zu wissen, dass Geschichte nicht irgendwo passiert ist, sondern direkt vor der eigenen Haustür“.

          Andrea Mansfeld, die Geschäftsführerin des Friedhofszweckverbands, würde es gutheißen, wenn es gelänge, eine weitere Patenschaft für den Jüdischen Friedhof im Stadtteil Dreieichenhain zu etablieren. Nicht nur Schulen, auch kirchliche Gruppen, etwa Konfirmanden, könnten sich auf diese Weise engagieren.

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