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Gruselorte in Hanau : Kopf auf dem Schafott

Trauernde: Das Grabmal der Petronella Wilhelmina Deines auf dem Hauptfriedhof Bild: Richard Schaffer-Hartmann

Dunkle Kanäle, geheime Gänge und die Gruft der Marienkirche: Der frühere Museumsleiter Richard Schaffer-Hartmann präsentiert zur Herbstlektüre gruselige Orte und Geschichten aus Hanau.

          3 Min.

          Mit den Schauergestalten, die zu Halloween die deutschen Freizeitparks besiedeln, kann der Eremit von Wilhelmsbad zwar nicht mithalten, aber die Vorstellung, dass da einer seit Jahr und Tag in einer Grotte im Wald einsam vor seiner Bibel sitzt, kann schon einen kleinen Schauder auslösen. Der Mann mit einem weißen Bart, gekleidet in eine Mönchskutte, ist in der winzigen Klause mit Küche und Schlafraum schon seit dem Jahr 1785 anzutreffen.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Der Wilhelmsbad-Erbauer Erbprinz Wilhelm IX. wollte es im Kurbad an nichts fehlen lassen, auch nicht an dem im 18. Jahrhundert beliebten Accessoire mit Gruselfaktor in Gärten oder Parks. Lange Freude hatte er an dem Eremiten nicht, denn bald schon zog es Wilhelm als Landgrafen von Hanau nach Kassel. Dafür konnten sich die Kinder und manche Eltern künftiger Generationen beim Besuch der Eremitage schön gruseln. Vermutlich handelt es sich nicht mehr um dieselbe Puppe. Aber auch die jetzige harrt, wie die gesamte Eremitage, einer Überholung. Doch unheimlich ist es dort auf jeden Fall.

          In dem zum Herbstbeginn, der Zeit der Gespenster und Geister, erschienenen Band „Dunkle Geschichten aus Hanau“ befindet sich der Einsiedler von Wilhelmsbad in bester Gesellschaft. Der frühere Hanauer Museumsleiter Richard Schaffer-Hartmann ist wieder einmal in der Stadt und ihren Stadtteilen auf künstlerische Spurensuche gegangen. Nachdem er unter anderem Hanauer Kleinodien, Skulpturen und Kunstwerke in einem Band mit Text und Foto versammelt hat, geht es dieses Mal um Orte in Hanau, die mit Licht und Dunkelheit, mit Tod und Grausamkeiten der Vergangenheit oder morbider Schönheit zu tun haben.

          Gruselstätte:  In einer Grotte im Stadtwald sitzt seit 1785 ein Eremit.
          Gruselstätte: In einer Grotte im Stadtwald sitzt seit 1785 ein Eremit. : Bild: Richsred Schaffer-Hartmann

          Schaffer-Hartmann führt den Leser beispielsweise zu Hanaus dunklen Kanälen, zu einer Kultstätte im Schloss Steinheim, durch geheime Gänge, die ins Nirgendwo führen, zur Klosterruine in Wolfgang, zum Hauptfriedhof oder in die Gruft der Hanauer Marienkirche. Nicht alle Orte sind jederzeit öffentlich zugänglich wie der Eremit von Wilhelmsbad. Die 1602 angelegte Gruft unter dem Chorraum der Marienkirche wird nur selten für Besucher geöffnet, in der Regel am Tag des offenen Denkmals. Dort steht unter anderem der Sarg mit den Gebeinen von Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg, der einst den calvinistischen Wallonen und Niederländern erlaubte, sich in Hanau anzusiedeln.

          Sie errichteten die Hanauer Neustadt und brachten Kultur und Wohlstand nach Hanau. Achtzehn Särge von Adeligen stehen laut Schaffer-Hartmann dicht gedrängt in dem dunklen Gewölbe. Rigoros war man früher bekanntlich, wenn es darum ging, Missetäter zu bestrafen. Am Deutschen Goldschmiedehaus, das einst als Rathaus genutzt wurde, hängt das rekonstruierte, vergrößerte Halseisen des Prangers. Delinquenten, die sich kleinere Vergehen wie Schlägereien, Fluchen oder Unzüchtigkeit hatten zuschulden kommen lassen, wurden öffentlich an den Pranger gestellt. Der bestand laut Schaffer-Hartmann aus einem gut zwei Meter hohen hölzernen Pfahl auf einem niedrigen Podest, an dem mit einer Kette das Halseisen angebracht war. Es wurde dem Beschuldigten um den Hals gelegt, die Hände schloss man mit Ketten an einen schweren Stein. Dann konnte sich das Publikum daran ergötzen, den so Gefangenen zu verhöhnen oder ihn mit Unrat zu bewerfen, ohne dass dieser sich schützen konnte.

          Noch elender erging es bemitleidenswerten Menschen, die auf den fassförmigen Prügelbock im Zeughaus am Paradeplatz, heute Freiheitsplatz, gelegt wurden, um dort Stockhiebe zu erleiden. Auch Todesstrafen wurden in Hanau vollstreckt: Auf dem Schafott schlug ein Scharfrichter mit einem Beil oder Schwert dem Verurteilten den Kopf ab. Das Hochgericht befand sich zunächst in der heutigen Hanauer Weststadt, später zog es auf das Areal des heutigen Wohngebiets Lehrhöfer Heide um. Sein steinerner Sockel wurde dem Autor zufolge 1980 als Denkmal restauriert. Es befindet sich bis heute dort.

          Früher Hinrichtungsstätte – jetzt ein Denkmal: Im Lehrhöfer Wohnpark wurden einst Menschen mit dem Beil geköpft.
          Früher Hinrichtungsstätte – jetzt ein Denkmal: Im Lehrhöfer Wohnpark wurden einst Menschen mit dem Beil geköpft. : Bild: Richard Schaffer-Hartmann

          Die letzte Hinrichtung fand im Januar 1861 statt. Trotz eisiger Kälte kamen um die 12 000 Schaulustige zum Richtplatz, um die Tötung eines Mannes mitzuverfolgen, der eine Frau bestialisch ums Leben gebracht haben sollte.

          An dieser Stelle wird es in dem Gruselbuch erstmals richtig blutig. Laut einem Chronisten hatten sich auch vier von der Fallsucht betroffene Personen eingefunden. Sie sollen „das rauchende Blut des gerichteten Raubmörders“ getrunken haben „in dem Wahne, dadurch geheilt zu werden“.

          Der Band „Dunkle Geschichten aus Hanau“ von Richard Schaffer-Hartmann ist erschienen im Wartberg Verlag und kostet 12 Euro.

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