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Großinvestition von Novartis : Mehr Impfstoffe aus Marburg für die Welt

Großbaustelle: Neben dem fast fertiggestellten Gebäude für Qualitätskontrolle wird die neue Impfstoffproduktion entstehen Bild: Novartis Behring

Selbst in dem mit Investitionen verwöhnten Rhein-Main-Gebiet verbauen Industrieunternehmen nur selten derart viel Geld. Novartis Behring investiert fast 170 Millionen Euro in Marburg und verzehnfacht die Produktion von Impfstoffen gegen Tollwut und Hirnhautentzündung. 60 Arbeitsplätze kommen hinzu.

          Selbst in dem mit Großinvestitionen verwöhnten Rhein-Main-Gebiet verbauen Industrieunternehmen nur selten derart viel Geld. Annähernd 170 Millionen Euro steckt der Impfstoffehersteller Novartis Vaccines in sein Werk in Marburg. Bis Ende nächsten Jahres will die deutsche Tochtergesellschaft des schweizerischen Arzneimittelkonzerns Novartis die neue Produktionsanlage in der Stadt an der Lahn fertig haben und von 2011 an Impfstoffe gegen Tollwut und Hirnhautentzündung herstellen. An diesem Freitag wird der Grundstein für das Gebäude gelegt, das eines der zurzeit größten Investitionsvorhaben in Hessen darstellt. Novartis Vaccines investiert in diesem Jahr nur in ein Werk in den Vereinigten Staaten mehr als in dasjenige in Mittelhessen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Den Marburgern kommt dabei ihr Geschäftsmodell zugute. Während andere Unternehmen von der Finanz- und Wirtschaftskrise getroffen werden, hängt die Nachfrage nach Impfstoffe nicht vom Konjunkturzyklus ab. Sondern im Falle Hirnhautentzündung (FSME) vielmehr von der Jahreszeit: Die Krankheit wird durch Bisse von Zecken, die den Erreger in sich tragen, im Frühjahr verursacht. Zudem gehört das Unternehmen zu einem Weltkonzern, der im vergangenen Jahr rund 6,5 Milliarden Euro verdient hat.

          „Wichtige Zukunftsentscheidung“

          Die 1200 Mitarbeiter zählende Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH & Co. KG, die sich unter Anspielung auf seine historischen Wurzeln kurz Novartis Behring nennt, steuert einen hohen dreistelligen Millionenbetrag zum Konzernumsatz bei, wie Geschäftsführer Markus Leyck Dieken sagt. Diese Summe entspricht nach seinen Worten etwa einem Drittel aller Erlöse der Impfstoffsparte von Novartis weltweit.

          Beim symbolischen Spatenstich für die Impfstoffanlage, zu der auch ein Gebäude für die Qualitätskontrolle zählte, sagte Hessens damaliger Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU), das Ereignis streiche die Rolle des Landes als Wissenschafts- und Technologiestandort heraus. Marburgs Stadtoberhaupt Egon Vaupel (SPD) lobte die „wichtige Zukunftsentscheidung“ und die Stärkung des Standorts.

          Das mag pflichtgemäß und hölzern klingen, trifft allerdings zu: Novartis Behring stockt mit der neuen Anlage seine Produktion von Impfstoffen gegen Tollwut und Hirnhautentzündung kräftig auf. Rund 20 bis 40 Millionen Dosen Vakzine wird diese Fabrik einmal Jahr für Jahr ausstoßen können – zehnmal soviel wie derzeit. Die Menge hängt davon ab, was hergestellt wird: Wird mehr Tollwut-Impfstoff nachgefragt, sinkt die Rate, weil die Ausbeute in der Produktion geringer ist als bei FSME-Vakzinen, wie es bei dem Unternehmen heißt. Grundsätzlich steige die Nachfrage in beiden Fällen weltweit; Novartis Behring komme mit der Produktion kaum hinterher.

          Neue Märkte vor Augen

          Hirnhautentzündung breite sich in Deutschland im Zuge des Klimawandels immer weiter aus. Die befallenen Zecken wanderten mit in die Gebiete, in denen es wärmer werde. Nach 230 Fällen im Jahr 2007 sind es im vergangenen Jahr hierzulande schon 270 gewesen, wie Geschäftsführer Leyck Dieken sagt, der von Hause aus Arzt ist. Vor allem aber in Osteuropa trete FSME stark auf und werde nach Einschätzung von Fachleuten weiter zunehmen. Etwa in Russland will sich das Unternehmen, das bei Impfstoffen gegen Tollwut nur mit dem Arzneimittelhersteller Sanofi-Aventis konkurriert, laut Leyckdieken neue Märkte erschließen und seine Marktführerschaft festigen.

          Neben der neuen Produktionsanlage in Marburg ziehen Bauarbeiter ein Gebäude für die Qualitätskontrolle hoch, das beinahe fertiggestellt ist. 300 Beschäftigte werden dort einmal arbeiten, das sind 60 mehr, als derzeit mit der Herstellung von Impfstoffen gegen Tollwut und Hirnhautentzündung beschäftigt sind. Die neuen Fachkräfte wirbt Novartis Behring in ganz Europa an.

          Nähe zum Frankfurter Flughafen wichtig

          Das Unternehmen ist eine Wiege der Impfstoffproduktion. Es wurde vor 105 Jahren als Behringwerke AG gegründet und gehörte jahrzehntelang zur Hoechst AG, bevor es Ende der neunziger Jahre mit vom amerikanischen Unternehmen Chiron übernommen wurde. Seinerzeit zählte es rund 500 Beschäftigte. In den Folgejahren und seit der Übernahme durch Novartis im Jahr 2006 wuchs die Belegschaft in der Stadt an der Lahn stetig. Schon wenige Wochen nach der Übernahme begannen die Schweizer, in Marburg kräftig zu investieren.

          Zu den Pluspunkten des Standorts im konzerninternen Wettbewerb mit Billiglohnländern um Investitionsgelder zählt auch und gerade das in Jahrzehnten gewachsene Fachwissen der Mitarbeiter, wie es heißt. Hinzu kommt die Nähe zum Frankfurter Flughafen, über den Novartis Behring schon in mehr als 80 Länder liefert.

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