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Groß-Gerauer Gemarkung : Auf Äckern, unter Siedlungen

  • -Aktualisiert am

In der Römerabteilung: der Groß-Gerauer Museumsleiter Jürgen Volkmann Bild: Helmut Fricke

In der Groß-Gerauer Gemarkung finden sich seit Jahrzehnten archäologische Belege einer frühen Besiedelung. Heimatforscher sprechen von einer reichen Fundstätte, das Stadtmuseum sammelt eifrig.

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          Einen Klumpen Blei im Inneren eines Brustkorbs hat der Groß-Gerauer Heimatforscher Wilhelm Hermann Diehl gefunden, als er um 1900 am ehemaligen Galgenberg ein Skelett ausgrub. An der Stelle, an der seit 1929 der Wasserturm steht, wurden vom Spätmittelalter bis in die Neuzeit unterschiedliche Todesstrafen vollzogen. Es ist überliefert, dass solch äußerst grausame Hinrichtungen stattfanden. So indem flüssiges Blei dem Verurteilten eingeflößt wurden. Das gab es bei Juden, aber auch bei Geldfälschern, die Bleimünzen herstellten.

          Dass das Wissen darüber der Nachwelt erhalten blieb, ist dem Wirken vieler ehrenamtlicher Heimatforscher zu verdanken. Und die aufstrebende Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, die Archäologie, brachte noch viel mehr Geschichte zum Vorschein: Mitte des 19. Jahrhunderts entstand unter GroßGerauer Bürgern eine enorme Neugier gegenüber regionalen archäologischen Artefakten, die Landwirte beim Pflügen zum Vorschein brachten. Bildungsbürger unterstützten Interesse und Forscherdrang der Bevölkerung: In den 1860er Jahren war es der Lehrer Ernst Franck von der Höheren Bürgerschule, der Schüler für Archäologie begeistern konnte: „Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit lauschten die Schüler meinen Erläuterungen und Anweisungen und trugen sie mit erstaunlicher Genauigkeit in weitem Umkreis um die Stadt unter die Bevölkerung. So kam es, dass sehr bald die ganze Umgegend sich mit Fragen und Berichten an mich wandte und mir bald einzelne Gegenstände oder Gruppen von Funden, bald einzelne Skeletteile oder sachgemäß behandelte Schädel oder auch ganze Körbe voll Scherben überbrachte“, notierte der Lehrer.

          Das meiste verbrannte während des Zweiten Weltkriegs

          Daraufhin untersuchte Gymnasialprofessor Eduard Anthes aus Darmstadt im Herbst der Jahre 1898 und 1899 die Gemarkung und entdeckte in der Flur „Auf Esch“ ein römisches Kastell. Anthes wurde 1909 zum hauptberuflichen „Denkmalpfleger für Altertümer“ bestellt und war damit vermutlich der erste hauptamtliche archäologische Denkmalpfleger in Deutschland. In seiner im Jahre 1910 herausgegebenen Chronik der Stadt Groß-Gerau bezeichnet der Heimatforscher Diehl die Gemarkung als „überaus reiche Fundstätte von Altertümern“ und gründete 1929 ein Museum in Groß-Gerau mit Ausstellungsräumen im Historischen Rathaus. Mehr als hundert römische Münzen, von Landwirten auf ihren Äckern gefunden, zählte Diehl schon damals.

          Auch in der Nachbargemeinde Büttelborn brachte um 1910 ein Pädagoge Archäologie in das Bewusstsein der Bürger: Der Lehrer Ernst Martin behandelte Nekropolen im Unterricht. Als er Schwerter, Lanzen und Schilde der „alten Deutschen“ an die Tafel zeichnete, meldete sich ein Mädchen und berichtete, ihr Vater habe dergleichen auf dem Acker gefunden. Zwischen 1903 und 1906 entdeckte der Lehrer schließlich mit Hilfe von Experten aus Darmstadt die ersten 44 Gräber. Einen Teil der Funde übernahm das Landesmuseum, doch das meiste verbrannte während des Zweiten Weltkriegs. Erst als die Gemeinde Büttelborn begann, ein neues Baugebiet zu planen, erinnerte man sich an das fränkische Reihengräberfeld; daher untersuchten Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege, Abteilung hessenArchäologie, nach Lehrer Martins Angaben zwischen 1998 und 2013 das mittlerweile mit Wohnhäusern bebaute Gelände. Das Gräberfeld umfasst bis zu 450 dokumentierte Grablegungen, die Funde sind beim Landesamt für Denkmalpflege gelagert.

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