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Grävenwiesbach in Hessen : Wo die Feuerwehr nicht nur löscht

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Ausnahmen: Die Windräder von Grävenwiesbach sind außer denen in Weilrod die einzigen im Hochtaunuskreis. Bild: Wolfgang Eilmes

Am Rand liegt Grävenwiesbach in Hessen nur beim Blick auf die Kreiskarte. Die Einwohner beschwören den Zusammenhalt. Er wird von der Corona-Pandemie jedoch auf die Probe gestellt.

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          An den Freitagabend im März kann sich Carsten Haubl noch gut erinnern. Natürlich war schon überall von dem neuartigen Virus die Rede. Aber wozu lebt man in einer kleinen Gemeinde, die nach dem Entwurf des neuen Landesentwicklungsplans zum „dünn besiedelten ländlichen Raum“ gehört? Es war schon nach 22 Uhr und dunkel, als es mit der Weltabgeschiedenheit vorbei war.

          An Haubls Fenster im Grävenwiesbacher Ortsteil Mönstadt mit seinen nicht einmal 400 Seelen rollte langsam ein Feuerwehrwagen mit flackerndem Blaulicht vorbei. Über Lautsprecher mahnte die Stimme von Bürgermeister Roland Seel (CDU) „wegen einer Häufung entsprechender Erkrankungen in unserer Gemeinde“, nur für die allernötigsten Einkäufe aus dem Haus zu gehen. „Das hat Eindruck hinterlassen“, sagt Haubl, der in seiner Freizeit den Chor „Fa una canzone“ leitet.

          Nach einer Geburtstagsfeier, an der auch Kommunalpolitiker teilgenommen hatten, zeigten damals 60 Personen schwere Symptome. „Da haben wir uns entschieden, die ganze Gemeinde noch am Freitagabend zu warnen, bevor die Leute am Samstag unbedarft Brötchen einkaufen gehen“, sagt der Bürgermeister. Der Krisenstab war kurz davor, eine Ausgangssperre zu verhängen.

          Ähnlich weit weg wie die Polkappe

          Alle Verdachtsfälle wurden getestet. „Am Ende waren weniger als zehn tatsächlich mit Sars-CoV-2 infiziert“, berichtet Seel heute. Die übrigen hätten unter einem anderen Atemwegsvirus gelitten. Dennoch: An jenem Wochenende traf Corona Grävenwiesbach mit Wucht. Einen kleinen Ort, der sich der Pandemie stellen muss.

          Bürgermeister Roland Seel verspricht, nicht viel mehr Einwohner anzulocken.

          Der Nordpol ist, von wenigen Tagen im Winter abgesehen, dauerhaft eisfrei. Nicht arktische Kälte lässt Bürgermeister Seel gelegentlich zu der Metapher greifen, wenn von seiner Gemeinde die Rede ist. Sondern er weiß, dass für manche Regionalpolitiker Grävenwiesbach ähnlich weit weg scheint wie die Polkappe. Aus Frankfurter Sicht liegt es hinter dem Taunuskamm, am äußersten Rand des Hochtaunuskreises.

          Eine seltene Ausnahme im Hochtaunuskreis: Gerade sind mit dem Windpark Siegfriedeiche sechs Windräder in Betrieb gegangen. Weitere drehen sich nur noch in Weilrod. Von Grävenwiesbach aus ist man mit dem Auto 40 Minuten bis in die Frankfurter Innenstadt unterwegs, falls der Stau auf der Saalburgchaussee nicht zu lang ist. Aber man kann sich auch in die Taunusbahn setzen, die in den nächsten Jahren elektrifiziert wird. Zunächst allerdings nur bis Usingen – ein bisschen in der zweiten Reihe sitzt die Gemeinde halt schon.

          Zur Arbeit in Richtung Frankfurt

          Aber auch das ist eine Frage der Perspektive. Für Hendrik Solz liegt Grävenwiesbach mittendrin statt am äußersten Rand. „In weniger als einer Stunde ist man nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Limburg und Gießen.“ Für viele hier sind die Städte gleichberechtigte Ziele. Auch sonst vermisst der Wehrführer der Grävenwiesbacher Feuerwehr nichts und zählt auf, was sich alles im Ort findet: „Kinderarzt, Zahnarzt, Apotheke, Grundschule, Metzger, Bäcker, Bank.“

          Zum Arbeiten fahren die meisten allerdings Richtung Frankfurt, Solz selbst bis Bad Homburg. Was also, wenn es tagsüber brennt? „Wir haben neben unseren 44 Aktiven noch acht Tageseinsatzkräfte“, erklärt der Wehrführer. Das sind Feuerwehrleute, die woanders wohnen, aber in Grävenwiesbach arbeiten. Tagsüber verstärken sie die hiesige Wehr.

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