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„Glücksfabrik“ von Koziol : Das Reh im Schneegestöber

Koziol hat´s erfunden: die Traum- oder Schneekugel Bild: ©Helmut Fricke

In 80 Jahren hat sich der Familienbetrieb Koziol mehrmals neu erfunden. Manches Produkt war aus der Not geboren. Im neuen Mitmach-Museum „Glücksfabrik“ wird Firmengeschichte des Designprodukte-Herstellers aus Erbach erlebbar.

          „Well, it's one for the money“, röhrt Elvis auf Knopfdruck aus dem Lautsprecher. Immer wieder. Auf „two for the show“ kommt es hier nicht an. Der Refrain ertönt nicht aus Jux als Endlosschleife. Kurz nach dem Knopfdruck setzt sich ein Laufband hinter der Plexiglasscheibe der Anlage in Gang, bevor sich eine Art Vorhang öffnet und den Blick freigibt auf eine Spardose mit Nick-Kopf.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf eine andere Tastenkombination hin erscheint zur „Förster vom Silberwald“-Melodie ein röhrender Hirsch. Wie die Spardose ist die Figur auf einem Präsentierteller plaziert, aus Kunststoff und ein Odenwälder: Die Firma Koziol hat sie vor gut 40 Jahren in Erbach hergestellt, als die deutsche Wirtschaft auf Hochtouren lief. Noch ist es wenigen Personen vorbehalten, Spardose, Hirsch und andere Plastikteile heranfahren zu lassen. Doch ändert sich das an diesem Samstag, wenn der Designprodukte-Hersteller die Türen seiner neuen „Glücksfabrik“ erstmals öffnet.

          Mix aus Jukebox und dem „laufenden Band“

          In dem interaktiven Firmenmuseum erwarten allerlei eigens gefertigte kuriose Maschinen die Besucher. Vor allem steht die Mitmach-Ausstellung für die Innovationskraft des Familienunternehmens, das sich mehrmals neu erfunden hat: Es fing als Elfenbeinschnitzerei an, stellte Schmuck und Accessoires aus Spritzguss-Kunststoff her, fertigte nach dem Krieg Haarspangen und Armreifen aus Plexiglas-Bomberkuppeln und produziert heute Haushaltshelfer und andere Designprodukte aus Kunststoff. Und zwar in Erbach - statt, wie die Konkurrenz, in Asien.

          Der Chef im Käfer vor der riesigen Schneekugel: Stephan Koziol in der neuen „Glücksfabrik”

          Eines der kuriosen Geräte ist der „Wirtschaftswunder-Machine“ genannte Mix aus Jukebox und dem „laufenden Band“ von Rudi Carrell. Vorgeführt wird neben Hirsch und Nick-Spardose unter anderem auch die Koziolsche VW-Käfer-Blumenvase. Am Anfang steht indes der „Time Cone“ - der Zeit-Tunnel, der die Besucher aus der Gegenwart an das Ende der zwanziger Jahre zurückführt, als das Unternehmen von Bernhard Koziol, dem Vater des jetzigen Inhabers Stephan Koziol, gegründet wurde. Seinerzeit fertigte Koziol Blumen- und Tiermotive aus Elfenbein, eine im Odenwald bis heute beheimatete Handwerkskunst.

          Haarspangen aus Bomberkuppeln

          Nicht einmal zehn Jahre später stellte das Unternehmen auf Spritzguss um. Die Maschinen waren zwar handbetrieben, aber dennoch bei vielen unbeliebt. Als „Deivelsmaschin'“ - Teufelswerk - verschrien, stand das erste Gerät dieser Art im Keller des Chefs. „Die Oma hat drauf aufgepasst“, erinnert sich Stephan Koziol - und schiebt nach, dass seine Oma sehr streng habe sein können, wenn ihr jemand quer gekommen sei. Bernhard Koziol ließ sich aber von Kritikern nicht beirren und fertigte mit seiner technischen Innovation für alle Welt Schmuck aus Kunststoff, der deutlich billiger war als jener aus den Stoßzähnen von Elefanten.

          Die „Ivory Machine“ soll jene Tage wieder erlebbar machen. Dann wartet schon die „Peace Machine“. Diese Station ist den Jahren 1939 bis 1949 gewidmet, in denen die Firma zuerst die Produktion von Schmuck auf Nazi-Geheiß einstellen und auf „kriegswichtige“ Ware wie Kämme, Knöpfe und Augengläser für Gasmasken umschwenken musste, bevor sie nach Kriegsende abermals umdenken musste. Da Kunststoffgranulat kaum zu bekommen war, andererseits sich bei Röhm in Darmstadt die Plexiglas-Kuppeln für Kampfflugzeuge stapelten, kauften die Erbacher kurzerhand die Restbestände auf und machten daraus etwa Broschen und Armreifen.

          „Wir polarisieren - ganz klar“

          Wer noch nicht weiß, dass Koziol auch die Traum- oder Schneekugeln erfunden hat, erfährt an der „Traumkugel Machine“ nicht nur dies -, sondern auch, wie es dazu kam. Der Besucher kann in einem VW-Käfer Baujahr 1958, den die Firma über Ebay ersteigert hat, die Initialzündung zu einem Verkaufsklassiker nachvollziehen. Beim Tritt auf das Gaspedal fliegen kleine weiße Kugeln, „Schneeflocken“ symbolisierend, hinter dem Auto auf. Dem Firmengründer war einst bei seiner Begegnung mit einem Reh im Schneegestöber auf der Landstraße die Idee gekommen, die Szene in einer kleinen Halbkugel zu verewigen. Wer im Museum zu viel Gas gibt, wird von einer Radarfalle vor dem Wagen geblitzt. Punkte in Flensburg gibt's dafür aber nicht - vielmehr wirft das Gerät ein Foto aus, dass der Besucher mitnehmen kann.

          Vier weitere Maschinen, wie die anderen von einer Schmittener Firma gebaut, führen durch die nächsten Jahrzehnte Firmengeschichte bis in die Gegenwart, bevor die Besucher in die Produktion schauen dürfen. Konzipiert worden ist die Ausstellung vom Wiener Designer Tino Valentinitsch. „Glücksfabrik“ heißt das Ganze, weil Koziol selbstbewusst sagt: „Unsere Produkte machen glücklich.“ Doch weiß er auch, dass Gießkanne „Camilla“ oder Gemüsebürste „Tweetie“ nicht jedem zusagen: „Wir polarisieren - ganz klar.“ Vom röhrenden Hirsch ganz zu schweigen.

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