https://www.faz.net/-gzg-9q9hl

Demokratie verteidigen : „Omas gegen rechts“ kontern mit Respekt

  • -Aktualisiert am

Die Gießener Psychoanalytikerin Dorothea von Ritter-Röhr will sich überall dort einmischen, wo sie Unrecht erkennt. Bild: Marcus Kaufhold

Auch Großmütter wenden sich gegen Rechtsextremismus. In Gießen hat Dorothea von Ritter-Röhr einen Ableger der Bewegung gegründet, die aus Österreich stammt. Zusammen mit 180 anderen Frauen will sie die Demokratie verteidigen.

          3 Min.

          Dorothea von Ritter-Röhr ist eine Dame von Kopf bis Fuß. Braungebrannt, schlank, lässig-elegant gekleidet, mit breitkrempigem Hut sticht sie aus der Menge hervor. Die 76 Jahre alte promovierte Psychoanalytikerin mit eigener Praxis sprüht vor Energie. Zusammen mit Angelika Körner hat sie den Gießener Ableger der „Omas gegen rechts“ gegründet, zu dem sich sieben gleichgesinnte Frauen im Oktober 2018 zusammenfanden. Seither ist die Gruppe rasant gewachsen. Mittlerweile zählt sie annähernd 180 Mitglieder, davon sind 20 bis 30 wirklich aktiv. Ursprünglich kommt die Bewegung aus Österreich, wo sie im November 2017 entstand.

          „Wir sind politisch denkende Frauen, die zu ihrer Verantwortung für folgende Generationen stehen“ – so umschreibt Ritter-Röhr die Motivation der Damen. „Hier geht es nicht um ein geselliges Treffen zum Stricken, sondern um die Verteidigung der Demokratie.“ Die Gießener „Omas gegen rechts“ möchten sich nicht dem Vorwurf ihrer Enkel aussetzen, sie hätten zu politischen Fehlentwicklungen in Deutschland geschwiegen.

          Mit Führungsstrukturen haben es die Omas nicht so. Sie wollen niemandem hinterherrennen. Organisiert sind sie daher als lockere zivilgesellschaftliche, überparteiliche Initiative. Mitglied werden kann jede Frau, die sich zum Gießener Manifest bekennt. Die Kommunikation erfolgt größtenteils über eine eigene Facebook-Gruppe und per E-Mail, manchmal auch telefonisch. Die Aktionen werden während der monatlichen Zusammenkünfte geplant.

          Checkliste für Demos

          Die Interessen der Frauen sind breit gefächert. Sie unterstützen diverse Bewegungen wie die Organisation Seebrücke, die sich für die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer einsetzt. Im Februar stellten sich annähernd 50 Omas einer Handvoll „Lebensschützer“ entgegen, die eine Mahnwache vor der Praxis einer Gießener Ärztin hielten; diese war zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt worden, weil sie auf ihrer Internetseite Informationen zum Schwangerschaftsabbruch veröffentlicht hatte. Während die Abtreibungsgegner laut beteten und Bilder von Babys gen Himmel streckten, sangen die Frauen Lieder wie „Die Gedanken sind frei“ und den alten Partisanensong „Bella Ciao“. Auch die umgedichtete „Moritat von Mackie Messer“ aus Brechts Dreigroschenoper gehört zum Repertoire, das sie regelmäßig als Mittel gegen gebrüllte Parolen einsetzen. Im März demonstrierten sie aus Anlass des Frauentags am Kugelbrunnen in der Gießener Innenstadt gegen rechte Hetze, außerdem nahmen sie an der 1.-Mai-Kundgebung in Erfurt teil.

          Ritter-Röhr hat eine Checkliste für Demos aufgestellt und instruiert die Teilnehmer vorher. Das klappt aber nicht immer. „Die haben alle ihren eigenen Kopf“, sagt die Frau, die sich selbst als durchsetzungsfähig bezeichnet. Zur Veranschaulichung schildert sie, dass bei der Demonstration „Pro Europa“ in Frankfurt kurz vor der Europawahl im Mai eine Frau aus der Gießener Gruppe plötzlich verschwunden war. Sie hatte etwas gesehen, das sie mehr interessierte – und sich kurzerhand dem zugewandt.

          Es gab auch Aktionen, bei denen sich Ritter-Röhr gefragt hat: Was mache ich eigentlich hier? Als Beispiel führt sie eine DGB-Protestaktion gegen die AfD an. Da hätten überwiegend Männer überwiegend überholte Slogans gerufen. Die Teilnehmer seien offensichtlich nicht im 21. Jahrhundert angekommen.

          Konstruktive Gespräche mit der AfD

          Apropos AfD: Viele Mitglieder der Partei vertreten zwar Positionen, die die „Omas gegen rechts“ aus tiefstem Herzen ablehnen. Aber die Partei ist trotzdem nicht ihr Feindbild. Die Frauen suchen lieber den Dialog. Erst kürzlich veranstalteten sie ein Seminar, bei dem ein Experte von der Uni Marburg zeigte, wie man mit AfD-Anhängern konstruktiv ins Gespräch kommen kann. „Kompetenztraining zur Bewältigung von Diskriminierung – kontern mit Respekt“, so lautete das Motto.

          Männer dürfen bei den Aktionen der Gießener Omas gerne mitmachen, bei den Mitgliederversammlungen sind sie jedoch ausgeschlossen. „Wir haben das Machogehabe in den Diskussionen satt“, sagt Ritter-Röhr. „Seit Jahrhunderten erklären sie den Frauen großspurig die Welt und erwarten von ihnen, dass sie bewundernd und kritiklos an ihren Lippen hängen. Jetzt reicht’s.“

          Der Psychoanalytikerin ist, wie wohl den meisten „Omas gegen rechts“, wichtig, dass sie sich auch im Alter mit etwas Sinnvollem beschäftigt und am Puls der Zeit lebt. Die Schwarzweißmalerei, die sie früher so geliebt hat, ist dabei einer differenzierten Betrachtung gewichen. „Es gibt so viele Missstände, die öffentlich angeprangert werden müssen“, meint Ritter-Röhr. „Das wollen wir. Nicht von ungefähr heißt es: Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Britische Parlamentswahl : Auf Boris!

          Die Tories wollen die Parlamentswahl in alten Labour-Hochburgen gewinnen – vor allem im „Schwarzen Land“ in den West Midlands. Auch weil Parteichef Corbyn so unbeliebt ist, stehen ihre Chancen nicht schlecht.

          Zweiter Weltkrieg : Hemingway im Hürtgenwald

          Der amerikanische Schriftsteller nahm vor 75 Jahren an der grausamen Schlacht bei Aachen teil. Seine traumatischen Erlebnisse im Hürtgenwald brachte er aber nur in Ansätzen zu Papier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.