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Gießen : In der Bücher-Nische dem Branchenriesen Thalia trotzen

Bald nicht mehr Unternehmer, sondern Thalia-Manager: Dieter Schormann Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Vorsteher des Börsenvereins schließt seine Buchhandlung in Gießen. Der Platzhirsch wechselt gleichzeitig zum Branchenriesen Thalia, der sich in der Stadt niederläßt. Die verbleibenden Buchhändler setzen weiter auf ihr Nischendasein.

          Wer die Signale hören wollte, konnte sie vernehmen. Vor einigen Wochen machten Meldungen die Runde, der Platzhirsch unter den Gießener Buchhändlern spreche mit dem Branchenriesen Thalia, der in fünf Wochen in der Stadt eine 2000 Quadratmeter große Filiale eröffnen wird. Auch von einer Betriebsversammlung bei der vom Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann, geführten alteingesessenen Firma war die Rede. „Und wir wußten schon, daß die Wahrscheinlichkeit, aufzugeben, größer ist als die, weiterzumachen“, sagt Robert Balser, der Vorsitzende des Arbeitskreises Handel. Gleichwohl äußert er sich „betroffen“ von dem angekündigten Rückzug Schormanns. Am 12. November schließt dessen Ferber'sche Universitäts-Buchhandlung.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jede Geschäftsaufgabe eines Einzelkämpfers unter den Einzelhändlern schmerzt die Mitglieder des Arbeitskreises. Schließlich schreitet die Filialisierung auch auf der Gießener Einkaufsmeile Seltersweg weiter voran, während in Nebenlage der Trend zu „klein, aber fein“ geht. „Und wir verlieren ein Stück Tradition in Gießen“, fügt Basler hinzu. Schormann führte seit 1969 die Geschäfte der 1822 gegründeten Ferber'schen, die er 1975 übernahm.

          Förderer des städtischen Kulturlebens

          In dieser Funktion ist er bisher einer der wesentlichen Unternehmer in der Stadt an der Lahn, um deren kulturelles Leben er sich verdient gemacht hat. So gehörte er zu den maßgeblichen Unterstützern der Stadtrauminszenierungen „12 Stunden“ im Jahr 1997 und „Zeitenwende“ im Sommer 2000, die Zehntausende nach Gießen lockte. Er hat die Stadt überregional ins Gespräch gebracht, wie Balser hervorhebt.

          Von Mitte November an wird Schormann, der auch „Weltbild plus“-Läden in Gießen und Wetzlar betreibt, in der Thalia-Filiale für PR, Marketing und Veranstaltungen zuständig sein. Mit dieser Position verbindet der Arbeitshandel die Hoffnung, daß Schormann seinen künftigen Arbeitergeber in das kulturelle Leben der Stadt einbinden kann, dem sich Filialisten gemeinhin entziehen - vor allem wenn es ums Zahlen geht.

          Offen ist auch die Frage, was das Ende der Ferber'schen Buchhandlung für diese Branche in der Stadt bedeutet. Das Angebot wird verwechselbar werden, da eben der zum Douglas-Konzern zählende Filialist künftig dominieren dürfte. In den verbleibenden inhabergeführten Betrieben wird der Thalia-Einzug indes nicht als konkurrenzgefährdend empfunden. Sowohl die in einer Nebenstraße der Fußgängerzone gelegene Universitäts-Buchhandlung Holderer, die im Juli von der gelernten PR-Fachfrau Bettina Dittus übernommen wurde, als auch die Ricker'sche Universitäts-Buchhandlung am Rande der Innenstadt hat sich spezialisiert und ihre jeweilige Nische gefunden.

          „Gehen Sie doch als Geschäftsführer zu Thalia“

          „Wir haben keinen großen Anteil an Belletristik, sondern vor allem Fachliteratur für Studenten, Wissenschaftler und Rechtsanwälte im Angebot“, berichtet Ralph Kohlheyer von der Lernkiste GmbH, der die Ricker'sche gehört. Herzstück der Buchhandlung ist das schulpädagogische Fachbuchzentrum. „Bei Fachliteratur für Lehrer finden Sie in Hessen kein größeres Angebot“, sagt der Geschäftsführer selbstbewußt. Mit diesem Sortiment könne der Betrieb „ganz gut überleben“. Und im Zweifelsfall könne er flexibler als ein Branchenriese wie Thalia auf veränderte Nachfrage reagieren.

          Ähnlich sieht Dittus ihre Situation. Holderer verfüge über einen festen und treuen Kundenstamm und beliefere regelmäßig die Universität mit Fachliteratur. Die Umsätze machten sie nicht reich, aber sie komme zurecht. Dittus rechnet nach eigenen Worten weder mit steigenden noch fallenden Erlösen infolge der Eröffnung der Thalia-Filiale. Schließlich verschwindet mit der Ferber'schen ein Wettbewerber vom Markt, obwohl Schormann dort noch einen Mietvertrag bis 2010 hat.

          Mit Blick auf das nahende Ende der Ferber'schen sagt Dittus: „Es ist genauso gekommen, wie ich es vorausgesehen habe. Ich habe zu Schormann selber gesagt: Gehen Sie doch als Geschäftsführer zu Thalia.“

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