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Mittelhessisch Mittelalterfest : Glutenfreies im Schälchen, Gromis am Stand, Feuer vor den Füßen

Echt Retro: Mittelalterliche Gewänder, gesehen auf dem Schiffenberg zu Gießen Bild: thwi.

Das Mittelalter ist so nah, fast das ganze Jahr über. Mitten in Hessen hat es gerade begonnen. Gewandete und Leute, die sich dafür halten, treffen sich auf dem Gelände eines früheren Klosters. Gromis, Felle und Feuer inklusive.

          2 Min.

          Während es den steinigen Weg, gesäumt von Büschen, Gräsern und einsamen Traubenhyazinthen, steil bergan geht, zieht der schnaufende angehende Festgast nebst seiner Sippschaft den typischen Geruch glimmender Holzkohle ein. Es kann nicht mehr weit sein. Und nach ein paar Minuten stehen sie vor der Tür in der Mauer aus grob behauenem Vogelsberger Lungenstein da: drei Gewandete mit viel Filz am Leib, Mützen wie aus einem Robin-Hood-Film und Lanzen in den Händen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dem freundlichen Gruß folgt die neugierige Frage: „Wart Ihr schon an der Kasse?“ Kopfschütteln auf der anderen Seite. „Dann kommt mit!“ Denn bei aller Leidenschaft für das Mittelalter oder das, was daraus heutzutage so gemacht wird, stehen die Gäste hier vor einem Markt. Einem temporären Mittelaltermarkt. Und der will organisiert sein, das kostet wiederum Taler, wie der Euro ereignisabhängig heißt. Acht Taler je Erwachsenennase, Nachwuchs unter 12 Jahren kommt gratis rein. Nun denn.

          Felle, viele Felle

          Der Lanzenträger mit der Haube aus Filz schreitet voran und bahnt den Gästen den Weg, einem Schwätzchen nicht abgeneigt. „Könnte wärmer sein“, meint einer im Gefolge angesichts der vielleicht sieben Grad über Null. Nun ja, lautet die knappe Antwort, es gehe gerade noch. Aber wie sich die Mittelalter-Fans von heute denn nachts wärmten, um auch am Sonntag ihren Markt noch aushalten zu können und Freude dabei zu haben? „Da wärmen wir uns von innen.“ Met und so, schon klar. Ansonsten gebe es viele Felle von echten Tieren und brennendes Holz in der Feuerschale. 

          Modern war schon damals in: Gluten- und laktosefreie Leckereien auf dem Mittelaltermarkt in Gießen

          Ganz ohne tierische Beigaben kommt die Frau aus, die echt mittelalterliche Leckereien aus Süditalien feilbietet. Sie desillusioniert per weißer Aufschrift auf schwarzer Tafel gleich all jene, die an der Mär festhalten, glutenfrei und laktosefrei seien Ausdrücke aus der kulinarischen Postmoderne. Alles schon mal dagewesen, ihr Stand ist der Beweis. Und vor allem ihre Erläuterung: Mandelmehl, Honig, Kaffee, Walnüsse - daraus lasse sich nettes Gebäck machen. Ohne Milch und Weizenmehl. Alles ganz genussvoll-unideologisch. Ob die Rezepte wirklich vintage sind oder doch nur retro, ist da schon egal.

          High waist auf mittelalterlich

          Echt alt ist dagegen die Vorlage, die die Sagenschneiderey Bettina für ihre handgenähten Thorsberghosen. Da sind einst als Reiterhosen verwendete Beinkleider, nachempfunden jenen Textilien, die ehedem im Thorsberger Moor gefunden wurden. Die Sagenschneiderey näht sie aus Tweeds, gewebt aus Wolle in England und Schottland, wie es sich gehört. Zum Niederknien schöne Stoffe. Deshalb haben die taschenlosen Hosen mit einem Bund auf Bauchnabelhöhe - High waist, sozusagen -  auch ihren Preis: 119 Taler. Cash.

          Auch wenn die Preise ganz zeitgenössisch sind und etwa ein Fischbrötchen vier Taler kostet und ein Hanffladen mit Röstfleisch 6,50 Taler: 119 davon führt nun nicht jeder Gast im Geldbeutel mit sich. Ob das Geschäft dennoch gut läuft: Die aus Frankreich angereiste Schneiderin spitzt den Mund, zieht eine Augenbraue, nickt ein paar Mal und sagt: „Ich mache das jetzt seit 20 Jahren.“ Dann muss es sich schon lohnen, zumal sie keinen Webshop habe und nur auf Märkten verkaufe. Wie zum Beweis kommen zwei Gewandete an den Stand und kaufen ein. Bei diesen Stoffen ist das ja auch kein Wunder.

          Wachsende Community

          Sie gehören zu einer augenscheinlich immer weiter wachsenden Schar von Frauen und Männern, die sich näher mit dem Mittelalter beschäftigen. Je öfter das Smartphone sich meldet, je technischer die Welt wird, desto größer wird diese Schar augenscheinlich. Stichwort: Selbst-Erdung. Die Community ist zudem international. Zu den Schaukämpfen mit Schwertern und Ähnlichem reisen die Kämpfer aus verschiedenen Ländern an.

          Stöberey: Der Stand der Sagenschneiderey Bettina auf dem Schiffenberg zu Gießen während des laufenden Mittelaltermarkts

          Und dann gibt es noch jene, die von Hardcore-Mittelalterfans mit dem Label „Gromi“ belegt werden. Das Kürzel steht für „Grob Mittelalter“ und meint solche Frauen und Männer, deren Zuordnung zum Mittelalter höchst eigenwillig ist, weil ihr Outfit an einen Fantasy-Film erinnert oder ein Heavy-Metal-Konzert. In solchen Fällen könnte eine Thorsberghose nicht schaden. Wäre immerhin ein Anfang.

          Mittelaltermarkt in Gießen auf dem Schiffenberg

          Der Mittelaltermarkt auf dem Schiffenberg in Gießen ist an diesem Sonntag, 14. April, von 11 Uhr bis 18.30 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 8 Euro, ermäßigt sieben Euro. Die Familienkarte kostet 20 Euro. Kinder unter 12 Jahren kommen gratis hinein. Zu sehen sind vor den Toren des ehemaligen Klosters zünftiges Lagerleben, drinnen bieten Händler an 80 Ständen allerlei Leckeres und Hübsches an, wobei die Schönheit wie stets im Auge des Betrachters liegt und jeder für sich entscheiden, was schmeckt und was nicht. (thwi.)

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