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Natur-Gewinnspiel in Bad Soden : Schnitzeljagd ohne Schnitzel

Was verbirgt sich dahinter? Das Wasserwerk bei Bad Soden-Altenhain ist eine Etappe der Schnitzeljagd. Bild: Lando Hass

Manche Fragen sind zu leicht, andere lassen grübeln. Bei einem Gewinnspiel in der Natur rund um das hessische Altenhain geht es um Speierling, Tote und Eisenbakterien. Anhand von QR-Codes lässt sich die Heimat ganz neu entdecken.

          3 Min.

          Hundert Meter vor dem Hort der Nachtgeister zwitschern Vögel, zirpen Grillen und reifen Brombeeren. Der Morgen in den Feldern von Altenhain ist himmelblau und duftet nach sonnenwarmen Hecken und Wiesen. Wir sind auf Schnitzeljagd, und bisher ist uns noch kein Mensch begegnet.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor einer halben Stunde haben wir das Auto am Parkplatz unten im Ort abgestellt, der ein Stadtteil von Bad Soden ist. Wir sind einen Berg emporgestiegen, vorbei an der Grundschule im Sommerschlaf, hinter der sich die erste Station von „Der Natur auf der Spur“ befindet. So heißt der Rundweg mit Fragen in den Kategorien „Klein“ und „Groß“, den die Grünen Bad Soden noch bis Ende des Monats anbieten. Jeder geht für sich allein oder mit seiner Familie, geleitet von einem Ausdruck der Schnitzeljagd aus dem Internet oder mit Hilfe der QR-Codes, die an den Stationen kleben und sich mit dem Handy scannen lassen.

          „Wozu gibt es Insektenhotels?“

          Wie am Insektenhotel hinter der Schule. Es steht an der Kante einer Schlucht, tief unten mähen Schafe. Die Frage „Klein“ finden die Kleinen in der Gruppe zum Lachen: „Wie viele Stockwerke hat das Insektenhotel?“ Die sind schnell gezählt, aber über die Frage „Groß“ reden wir länger: „Wozu gibt es Insektenhotels?“ Ein paar Informationen stehen auf dem Ausdruck. Uns fallen aber noch mehr Gründe ein, warum Insekten wichtig sind.

          Wir schreiben alles auf einen Notizblock und ziehen weiter zu den Bienenstöcken. Die Frage „Klein“ sorgt abermals für Gekicher: „Was ist in den Bienenstöcken drin?“ Nachdem wir über die Folgen des Bienensterbens gesprochen haben, marschieren wir Richtung Station 3: Dort soll der Hort der Nachtgeister sein. Erst jetzt kommt uns ein Mensch entgegen. Der Jogger im Neonshirt hält zwei kleine Hunde an der Leine und kämpft sich den Hügel hinauf. Wir tauchen ein in ein waldiges Schattenreich. Auf einmal ist alles dunkelgrün und kühl. Wir lesen, dass wir im Quellgebiet des Sulzbachs stehen. Das war ursprünglich ein Eisweiher. Im Winter wurde das Eis geerntet und in Sodener Kellern gelagert, bis es sich im Sommer an Frankfurter Brauereien verkaufen ließ.

          Ein trauriger Anblick

          An einem Baum hängt vorn ein Zeichen mit dem Sodener Wappen, dem Reichsapfel, und hinten das Nachtgeister-Heim: ein Fledermauskasten. Wir zeigen mit den Fingern, wie winzig Zwergfledermäuse sind. Die Flügel spannen sich höchstens zweieinhalb Zentimeter weit. Zurück in die Sonne. Wir klettern von hinten über einen Grashügel auf das alte Wasserwerk am Hang, beim Herunterschauen vorne wird uns mulmig. Gegenüber lässt ein Mann braune Hennen aus dem Hühnermobil auf die Wiese. Das Vieh gackert lebhaft, dabei ist das hier der Totenweg. Bis ins 16. Jahrhundert brachten die Altenhainer ihre Verstorbenen über diesen Weg zum Kirchhof ins Nachbardorf Schneidhain. Wir erfahren außerdem, dass Altenhain damals zum Herrschaftsgebiet des Limburger Abtes gehörte. Hinter dem schwarzen Gitter einer Kapelle stehen Grablichter und Kunstblumen.

          Die Bad Sodener Grünen haben es sich nicht nehmen lassen, in der Schnitzeljagd auch auf andere Tote am Totenweg hinzuweisen. Deren Anblick ist traurig: In einer Reihe hoher Fichten wechseln sich grüne und verdorrte Bäume ab. Wie genau das mit dem Borkenkäfer und dem Klimawandel zusammenhängt, haben die Jüngeren in der Gruppe vorher nicht genau gewusst. Jetzt schreiben sie die Antwort auf, bevor wir zu einer Streuobstwiese abbiegen. Wir sehen Pflaumen, Birnen und Mirabellen, aber nicht den versprochenen Speierling, den die Apfelweinfreunde unter uns gern entdeckt hätten.

          Stattdessen eine Pferdekoppel. Die ist von einem Elektrozaun umgeben, was zur Frage Anlass gibt: „Sollte man Wölfe abschießen, um Rehe und Wildschweine zu schützen?“ Eins der Kinder antwortet: „Nein! – Oder?“ Auch bei der nächsten Frage geht es politisch zu. Wo jetzt Gras wächst, war bis 1870 die Eisenkaut. „Kaut“ ist Althochdeutsch und bedeutet Mulde. In einem Urzeitmeer lebten dort Eisenbakterien. Als das Meer schwand, faltete sich der Taunus auf – der Große Feldberg mit seinen vier Türmen war vorhin prächtig zu sehen. Das Eisen blieb, in den Stollen schufteten Altenhainer Kinder, schoben Loren, wuschen Erz aus. Es ist derselbe Ort, aber an diesem Sommermorgen scheint das weit weg.

          Am Ende verlaufen wir uns, weil wir eine Kreuzung zu früh abbiegen. Das liegt vermutlich am Speierling-Mangel und der Tatsache, dass wir uns schließlich auf einer Schnitzeljagd befinden. Jedenfalls stehen wir plötzlich vor der Gaststätte „Zum Grünen Baum“ unten im Ort. Leider ist es für Bembel und Paniertes zu früh am Vormittag. Außerdem müssen wir noch zur Kirche und zum Biohof Pfeifer gegenüber, von dem es mit den richtigen Antworten und Glück einen Gutschein für den Hofladen zu gewinnen gibt. Wir sollen die Nester im Gebälk des Stalls zählen. Schwalben stieben über einem Dutzend Kühen und drei Kälbern umher. Auf dem Weg zurück zum Auto nach ungefähr zwei Stunden Schnitzeljagd sind sich alle einig: schöner Sommermorgen, schöner Ort.

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