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Gewalt und sexueller Missbrauch : Vorwürfe gegen Kilianeum

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Ansprechpartner für Opfer sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg: Klaus Laubenthal Bild: dpa

Im früheren Bischöflichen Knabenseminar, dem heutigen Jugendhaus St. Kilian in Miltenberg, sollen Schüler misshandelt worden sein.

          Gewalt und sexuellen Missbrauch soll es in katholischen Einrichtungen in Miltenberg und Aschaffenburg gegeben haben. Im ehemaligen Kilianeum, dem heutigen Jugendhaus St. Kilian in Miltenberg, sollen Internatsschüler Ende der sechziger und in den frühen siebziger Jahren brutal misshandelt worden sein. Zwei Schüler des Bischöflichen Knabenseminars Kilianeum, das 1982 geschlossen wurde, meldeten sich in dieser Woche während der Telefonaktion der Diözese Würzburg „Kirche in der Krise – Was ich mal sagen will“ und sprachen über die Vorfälle.

          Aschaffenburgs Stadtdekan Stefan Eirich, der die beiden Anrufe entgegennahm, berichtet von „Schlägen und Züchtigungen“. Einer der Männer habe ihm geschildert, wie ihm das Nasenbein von einem der Präfekten gebrochen worden sei. Er habe den Männern die Telefonnummer des externen Missbrauchsbeauftragten der Diözese Würzburg, Klaus Laubenthal, gegeben und sie ermutigt, sich dort zu melden. Der in Aschaffenburg geborene Jurist ist seit Mitte März Ansprechpartner für Opfer sexuellen Missbrauchs und von Gewalt im Bistum Würzburg.

          Archiv der Diözese Würzburg soll recherchieren

          Zurzeit muss Laubenthal sich auch mit einem Fall aus seiner Heimatstadt beschäftigen. Ein älterer Mann hatte sich an ihn gewandt und von Misshandlungen im früheren katholischen Aschaffenburger Studienseminar berichtet. Er und andere seien unter anderem mit dem Rohrstock auf die Genitalien geschlagen worden. Dem Mann gehe es darum, dass die Vorfälle aus der Zeit zwischen 1949 und 1952 bekannt werden, sagt Laubenthal. Der Missbrauchsbeauftragte kooperiert mit dem Bistum und informiert Bischof Friedhelm Hofmann und Generalvikar Karl Hillenbrand über die jeweiligen Anschuldigungen.

          Wie der Pressesprecher des Bistums Würzburg, Bernhard Schweßinger, auf Anfrage mitteilte, ist das Bistum in dem Aschaffenburger Fall aktiv geworden. Das Archiv der Diözese Würzburg sei beauftragt worden, bezüglich des Studienseminars Aschaffenburg zu recherchieren. Es sollen die „näheren Sachverhalte und die personelle Besetzung in den vierziger und fünfziger Jahren geklärt“ werden.

          Zwei Drittel der Betroffenen männlich

          Einen anderen Fall aus dem Landkreis Aschaffenburg leitete Laubenthal sofort an die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg weiter. Er betrifft eine Frau, die 1982 als sechs Jahre altes Mädchen bei einer Filmvorführung in einem Pfarrheim sexuell missbraucht worden sein soll. Sie sagte Laubenthal, dass der Filmvorführer von ihr verlangt habe, ihn im Dunkeln unsittlich zu berühren. Die Frau, die damals in der ersten Klasse war, wisse allerdings nicht mehr, wer der Mann gewesen sei. Laubenthal ist mit dem Fall an die Öffentlichkeit gegangen, da er die Hoffnung hat, dass der unbekannte Täter noch ermittelt werden kann, wie er sagt. Er geht davon aus, dass es kein Einzelfall war, „das war richtig inszeniert“, und sich weitere Betroffene melden werden.

          Der Missbrauchsbeauftragte legte Ende April eine erste Zwischenbilanz seiner Tätigkeit vor. Er sprach von 54 „relevanten Kontakten“ in 40 Tagen. Mittlerweile seien zwölf weitere Fälle dazugekommen, in fünf Fällen ermittle die Staatsanwaltschaft. Viele Menschen seien dem Aufruf von Bischof Friedhelm Hofmann gefolgt, sich bei ihm zu melden. „In den ersten Stunden meiner Tätigkeit ging eine Flut von E-Mails bei mir ein.“ Zwei Drittel der Betroffenen seien männlich. Bei fast zwei Dritteln der Delikte gehe es um sexualbezogene Handlungen, bei etwas über einem Drittel um physische Gewalt. Die meisten Fälle ereigneten sich in den fünfziger und sechziger Jahren. Nach Laubenthals bisherigen Erfahrungen brauchen Betroffene lange Zeit, bis sie über die Vorfälle reden können. „Sie wollen das dann endlich loswerden.“ Er erhalte mehrseitige Mails von Menschen, die sich alles von der Seele schreiben wollten. Der Jurist steht mit mehreren Betroffenen seit Wochen in Kontakt.

          Anrufer forderten Reformen in der Kirche

          Auch Dekan Stefan Eirich hat während der Telefonaktion „Kirche in der Krise“ mit vielen Frauen und Männern gesprochen, die sehr offen über weit zurückliegende Ereignisse berichtet haben, wie er sagt. Besonders bewegt habe ihn der Anruf einer Frau aus Aschaffenburg, die nach 40 Jahren ihr Schweigen gebrochen und erzählte habe, dass sie von ihrem Onkel sexuell missbraucht worden sei. Viele Anruferinnen hätten die Hotline genutzt, um über Erlebnisse in ihren Familien zu sprechen. Das bestätigt auch das Bistum in einer Pressemitteilung zur Telefonaktion. Es sei den Anrufern wichtig gewesen, sexuellen Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Problem zu sehen und vor allem auf sexuellen Missbrauch in Familien hinzuweisen.

          Im Aschaffenburger Diözesanbüro gingen 25 Anrufe ein. Insgesamt riefen während der vierstündigen Aktion 117 Frauen und Männer aus zehn Städten in Unterfranken bei den jeweiligen Diözesanbüros an. Wie das Bistum mitteilte, waren es vor allem Menschen zwischen 40 und 80 Jahren, die telefonisch ihre Erfahrungen schilderten und Reformen in der Kirche forderten. Sie hätten vor allem den Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen, die Zulassungsbedingungen zur Weihe, die Rolle der Frau in der Kirche und die Sexualmoral der Kirche kritisiert. Nur Einzelne hätten ihr Leid angesichts erlittener Misshandlungen in kirchlichen Einrichtungen geklagt, heißt es in der Mitteilung. Bei konkreten Vorwürfen verwiesen die Seelsorger die Anrufer an Klaus Laubenthal. Der Missbrauchsbeauftragte soll demnächst eine Ärztin als Stellvertreterin bekommen.

          Opfer von sexuellem Missbrauch und von Gewalt erreichen Laubenthal unter der Telefonnummer 09 31 / 3182372 oder per Mail: kls.lbnthl@googlemail.com.

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