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Gesundheit : Vorsorge bei Kindern soll Pflicht werden

  • Aktualisiert am

Eine bundeseinheitliche Regelung fehlt: Hessen will Standards setzen Bild: picture-alliance/ dpa

Der Gesundheitsschutz für Kinder in Hessen soll verbessert werden. Pflichtuntersuchungen sollen ermöglichen, schwere Erkrankungen, Verwahrlosung und Misshandlungen rechtzeitig zu erkennen.

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          In Hessen sollen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder vom nächsten Jahr an verbindlich sein. Gesundheitsministerin Silke Lautenschläger (CDU) brachte einen Gesetzentwurf zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes für Kinder in den Landtag ein. Darin wird die Teilnahme an den neun Vorsorgeuntersuchungen in den ersten fünf Lebensjahren vorgeschrieben, die von den Krankenkassen finanziert werden.

          Pflichtuntersuchungen ermöglichten es, Verwahrlosung und Misshandlungen zu erkennen, schwere Erkrankungen rechtzeitig zu behandeln und die Bereitschaft zu Impfungen zu stärken, sagte Lautenschläger. Zwar brächten neun von zehn Müttern ihre Kinder zur U5-Untersuchung im sechsten oder siebten Lebensmonat, doch gehe es gerade darum, auch die verbleibenden zehn Prozent zu erreichen. Da eine bundeseinheitliche Regelung nicht zustande gekommen sei, müsse Hessen nun selbst Standards setzen.

          Gesetzentwurf findet im Landtag breite Zustimmung

          Die Oppositionsfraktionen SPD, Grüne und FDP signalisierten Zustimmung zu dem Gesetzesvorschlag, äußerten sich aber skeptisch zu einzelnen Bestimmungen. Florian Rentsch (FDP) verlangte einen strengen Schutz der sensiblen Daten, zu denen auch Blutuntersuchungen zählen. Thomas Spies (SPD) bezweifelte, dass Misshandlungen bei Routineuntersuchungen festgestellt werden könnten.

          Die Leiterin des Frankfurter Gesundheitsamts, Sonja Stark, hat die Initiative von Gesundheitsministerin Lautenschläger gutgeheißen. Es wäre wünschenswert, dass Eltern künftig verpflichtet seien, Vorsorgeangebote für ihre Kinder wahrzunehmen, sagte sie. Zugleich bezweifelte Stark, dass dadurch mehr Fälle von Verwahrlosung oder Missbrauch entdeckt werden könnten. Eltern, die ihre Kinder beispielsweise schlügen, wüssten in der Regel, wie sie die Misshandlungen geheim halten könnten.

          Deshalb sei es notwendig, zusätzliche Hilfe anzubieten, etwa durch das von der Stadt geplante „Familienhebammen-Projekt“, bei dem Kinderärzte Familien zu Hause aufsuchten und berieten. Auf diese Weise würden jene Eltern erreicht, die ihre Kinder misshandelten oder aus Nachlässigkeit falsch ernährten, meint Stark. Eine Zielgruppe seien vor allem Zuwandererfamilien. Viele ließen ihre Kinder gar nicht untersuchen, weil sie sich nicht mit den Ärzten verständigen könnten. In der Statistik schneidet Frankfurt übrigens wesentlich schlechter ab als das gesamte Land: Nur etwa 60 Prozent aller Kinder werden laut Stark vom Säuglingsalter bis zur Einschulung regelmäßig medizinisch untersucht.

          329 Kinder in Frankfurt in Obhut genommen

          Julius Niebergall, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut beim Frankfurter Kinderschutzbund, würdigte ebenfalls die Gesetzesinitiative der Sozialministerin. „Kinder haben ein Recht auf gesundheitliche Vorsorge“, sagte er. Nötig seien darüber hinaus jedoch niedrigschwellige Hilfsangebote für Familien. Florian Lindemann, Geschäftsführer des Kinderschutzbunds, gab zu bedenken, dass Kinderärzte durch das neue Gesetz zu Kontrolleuren würden, was das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und ihren Patienten schädigen könne. Die Meinung unter den Kinderärzten hierzu ist offenbar geteilt. Während die einen die Pflichtuntersuchung als nötig ansehen, fordern andere, mehr zu tun, um Familien zu Hause zu besuchen.

          Die Einschätzung Lindemanns teilt auch Katja Hering, Offenbacher Kreisvorsitzende des Landesverbands der Hebammen. Für nötig erachtet sie es hingegen, Eltern mehr als bisher über den Sinn der Untersuchungen aufzuklären. Hering lobte das Engagement der Landesregierung in der Fortbildung von Familienhebammen. Derzeit gibt es in drei Städten Fortbildungskurse für Hebammen aus ganz Hessen, die künftig sozial belasteten Familien beistehen sollen.

          Nach einer Mitteilung des Frankfurter Magistrats wurden im vergangenen Jahr 329 Kinder von der Stadt in Obhut genommen. Bei rund 13 Prozent von ihnen habe es Anzeichen von Misshandlungen gegeben, bei 4,3 Prozent Hinweise auf sexuellen Missbrauch. Die Zahl von Inobhutnahmen habe sich in den vergangenen Jahren stetig erhöht, auch weil die Bevölkerung sensibler auf Vorfälle reagiere.

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