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Archiv der Corona-Zeit : „Bis vor kurzem war es für mich ein exotisches Bier“

Der Mund: Jenes Körperteil, das in der Pandemie so oft verborgen bleibt. Bild: Edition Pauer

60 Autoren aus dem Main-Taunus-Kreis erzählen von den ersten Monaten der Pandemie – fiktiv oder ganz persönlich. Zusammengekommen sind 80 Geschichten, Gedichte und Reflexionen, die in einem Band gesammelt sind.

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          Nach drei Seiten innerem Monolog ist Lena an der Kasse angekommen, hat die neuen Klamotten bezahlt, den Laden verlassen und sich die Stoffmaske vom Gesicht gerissen. Es ist der Corona-Sommer 2020, in der Warteschlange hat Lena unter dem Mund-Nasen-Schutz geschwitzt, um Atemluft gerungen, um ihr Leben gebangt und sich jede Menge tiefgründiger Gedanken über Maskenpflicht, Mimik und Make-up gemacht. Als das Gesicht draußen befreit ist, beschleicht die Frau ein ungewohntes Gefühl: Ohne Mund-Nasen-Schutz fühlt sie sich nackt.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Kurzgeschichte „Nackt“ der Kelkheimerin Anne Zegelman ist ein Beitrag aus dem Band „Liebende . . . auf Mindestabstand“, der auf gut 200 Seiten 80 Geschichten, Gedichte und Reflexionen von Autoren vor allem aus dem Main-Taunus-Kreis versammelt. Manches kommt protokollarisch daher, anderes fiktiv. Die Lyrik im letzten Teil des Bandes spart oft mit Worten und streift die Pandemie stattdessen mit kargen Strophen: „Stillstand / Im Außen / Im Inneren / Flächenbrand“, heißt es in einem Gedicht aus der Region, und in einem Haiku: „verwaister park / die Spatzenkorona / ohne Sicherheitsabstand“.

          Die Idee kam Herausgeber Gerd Müller-Droste im März. Wie er im Vorwort berichtet, hatte er selbst als „Gefährdeter“ zu diesem Zeitpunkt schon zwei Geschichten geschrieben. Der Frankfurter Theaterpädagoge, der Darstellendes Spiel an der Albert-Einstein- Schule in Schwalbach unterrichtet, ließ sich dabei von Johann Peter Hebels um 1800 entstandenen „Kalendergeschichten“ inspirieren.

          Kaum Schreiberfahrung

          Viele der 60 Autoren kommen aus dem Main-Taunus-Kreis und der weiteren Region, andere aus anderen Bundesländern. Von der Schülerin bis zum Rentner sind viele Altersklassen vertreten. Manche schreiben beruflich, andere schon seit längerem privat, wieder andere haben kaum Schreiberfahrung. Müller-Droste hat sie über soziale Netzwerke und die Presse gefunden.

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          Verlegt hat den Band Paul Pfeffer aus Kelkheim, die Illustrationen stammen von Mike Kuhlmann. Der Frankfurter Künstler variiert einen Mund, also jenes Körperteil, das in der Pandemie so oft verborgen bleibt – und beim Masken-Abreißen bloßgelegt wird. Kuhlmanns Mund aber ist nicht irgendeine Schnute, sondern ein tiefroter Kussmund – das passt zum amourös anmutenden Titel.

          Anders als das Deckblatt suggeriert, geht es aber in vielen Texten eher um Liebe im weiteren Sinne, etwa um die Liebe zum Frühling – oder um liebgewonnene gesellschaftliche Gewohnheiten wie das Pils am Tresen. Erika Lützner-Lay aus Schwalbach macht sich Gedanken über Helden, weil die in Corona-Zeiten wieder gefeiert wurden. In ihrem Text ist die Heldin aber keine Krankenschwester anno 2020, sondern eine Christin, die sich kurz vor Kriegsende 1945 auch vor einem Polizisten als solche zu erkennen gab und Mitmenschen Mut machte.

          Rassismus in den Restaurants und Arztpraxen

          Andere Beiträge schweifen in die Corona-Zukunft. Margot Rothweiler, früher Lehrerin an der Gesamtschule Am Rosenberg in Hofheim, schreibt den Brief einer „Online-Oma“ an einen Schulanfänger, der in desinfizierten Zeiten lebt – und mit einem grünen Kreuz für „virenfrei“ auf dem Shirt einmal in der Woche für eine Stunde seine neue Schule betreten darf. Der Rest geschieht am Tablet.

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          Viele Texte kreisen um persönliche Erlebnisse, ob im Homeoffice oder im besonders getroffenen Spanien. Bärbel Hoffmann aus Schwalbach erzählt beispielsweise ein Gespräch auf Abstand nach, das sie vom Balkon herunter mit ihrem Sohn geführt hat. „Er hat einen Risikoberuf, ich bin Risikoperson vom Alter her.“ Die junge Koreanerin Sieun Park beschreibt den Rassismus, den Asiaten in deutschen Restaurants und Arztpraxen erlebten, als Corona noch in erster Linie etwas war, das aus China kam.

          Wer das Buch in ein paar Jahren oder Jahrzehnten wieder zur Hand nimmt, wird sich vermutlich wieder an viele kleine Details und Gefühle erinnern, die ihm oder ihr in der Zwischenzeit längst entfallen sein werden. Zum Beispiel bei Sätzen wie diesem über das Händchenhalten und Umarmen: „Erst jetzt, wo uns diese Dinge weggenommen werden, erkennen wir den Wert.“ Oder, etwas profaner: „Corona, bis vor kurzem war es für mich einfach ein exotisches Bier. Da ich keine Biertrinkerin bin, war es völlig uninteressant.“ Insofern ist das Buch vielleicht vor allem eins: ein Archiv des unvergleichlichen Jahres 2020.

          Gerd Müller-Droste (Hrsg.), Liebende . . . auf Mindestabstand. Gedichte und Geschichten in Corona-Zeiten mit Illustrationen von Mike Kuhlmann. Edition Pauer 2020.

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