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Gesamtschule : Kreisbewegung von Protest und Zustimmung

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In den ehemals politisch umkämpften Gesamtschulen ist Normalität eingekehrt Bild: AP

Erst geschmäht, heute beliebt: die Integrierte Gesamtschule. Einst machte sie in einem Flächenversuch im Hanauer Umland nur negative Schlagzeilen. Ein Jubiläum und deshalb ein Rückblick.

          Normalität ist eingekehrt. Die Jahre, in denen der Schulkampf tobte und vor allem CDU-Politiker gegen die flächendeckend im einstigen Altkreis Hanau-Land eingerichtete Integrierte Gesamtschule (IGS) zu Felde zogen, die Jahre, in denen die Klassen sich leerten, sind fast vergessen. Existenzängste kennen die fünf verbliebenen Gesamtschulen Hanauer im Umland längst nicht mehr. Auch nicht kennt sie die Gesamtschule Bruchköbel, die seit 1987 Heinrich-Böll-Schule heißt und deren Geschichte vor 40 Jahren begann.

          Die Kinder laufen den Gesamtschulen der ersten Stunde nicht mehr weg. Das Gegenteil ist der Fall. Mit 1150 Schülern hat die siebenzügige Heinrich-Böll-Schule in Bruchköbel ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Und obwohl in diesem Jahr wegen des Schüleransturms ausnahmsweise eine achte Klasse im fünften Jahrgang eingerichtet wurde, musste die Schulleitung noch 20 Kinder abweisen, die gern gekommen wären.

          Es war eine wilde Zeit des Umbruchs nicht nur wegen der Studentenrevolten. Auch in den Schulen sollten alte Zöpfe abgeschnitten, die tradierten Formen Haupt-, Realschule und Gymnasium durch eine einzige, vermeintlich bessere ersetzt werden. Mit der Integrierten Gesamtschule sollte Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit ins Bildungswesen einziehen. Die neue Schulform wurde von 1968 an gleich flächendeckend eingeführt im ehemaligen Kreis Hanau-Land. Die heutigen Orte Bruchköbel, Erlensee, Hanau-Großauheim (damals noch im Landkreis), Langenselbold, Maintal-Bischofsheim, Maintal-Dörnigheim und Nidderau waren die Standorte.

          Nach der vierten Klasse in der Grundschule wurde der zweijährige Besuch der Förderstufe Pflicht, es gab keine Selektierung mehr in Hauptschüler, Mittelschüler und Gymnasiasten von der fünften Klasse an. Und in der Gesamtschule blieben dann vom siebten bis neunten oder zehnten Schuljahr fort die Kinder unterschiedlicher Begabung und Leistungsfähigkeit weiter im selben Klassenverband, in der Stammgruppe, zusammen. Getrennt wurden sie durch den Unterricht in Leistungs- und Wahlkursen. „Diese Kombination von Lernen im Klassenverband und Kursen hat sich seit Jahrzehnten bewährt und verhilft den Schülern zu einem ihrem Leistungsvermögen entsprechenden Abschluss“, sagt Bernd Herchenröther, Leiter der Heinrich-Böll-Schule. Heute wie zu Beginn bleibt in der Gesamtschule niemand mehr sitzen. Besonders Hessen mit Kultusminister Ernst Schütte (SPD) und seiner Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher (FDP) an der Spitze hatte sich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre für die damals neue Schulform stark gemacht, von der man sich versprach, dass sie mehr Kindern einen höheren Bildungsabschluss ermögliche. Beim Hanauer Landrat Martin Woythal (SPD), der in Maintal zudem das dann nie gebaute und dennoch teuer bezahlte „klassenlose Krankenhaus“ propagierte, rannten die Befürworter offene Türen ein. Im Eiltempo wurden die riesigen Schulbauten errichtet, die den wegen des Kurssystems großen Raumbedarf decken sollten. Schon bald wurden sie abfällig „Mammutschulen“ genannt.

          Eine Missachtung des Elternwillens

          Schüttes Nachfolger Ludwig von Friedeburg, später Kultusminister in Hessen, forcierte von 1969 an die Einrichtung neuer Förderstufen und Gesamtschulen. Das traditionelle, gegliederte Schulsystem sollte nach seiner Vorstellung ganz abgeschafft werden. Bald nach der Einführung in Hanau-Land breitete sich die Gesamtschule flächendeckend über den Kreis Wetzlar aus. Wie im Hanauer Umland gab es keine Möglichkeit mehr für die meisten Eltern, ihr auszuweichen. Es sei denn, sie verfügten über Mittel und Zeit, weite Wege zu den weiterführenden Bildungseinrichtungen eines anderen Schulträgers auf sich zu nehmen.

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