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Idee des Landesrechnungshofs : Gemeindefusion – nein danke

Eigenständig: Den Bürgern von Freigericht steht nicht der Sinn nach einer Fusion mit einer anderen Kommune, auch wenn der Rechnungshof das fordert Bild: Rainer Wohlfahrt

Kleine Gemeinden sollten fusionieren, meint der Chef des hessischen Landesrechnungshofs. Er hat Kosten im Blick. Den Bürgern der jeweiligen Orte geht es aber um etwas anderes – wie schon zur Zeit der ungeliebten Gebietsreform 1977.

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          Der Vorschlag des Präsidenten des Landesrechnungshofes, Gemeinden mit weniger als 8000 Einwohnern sollten mit einem anderen Ort fusionieren, ruft Erinnerungen hervor an die Gebietsreform der siebziger Jahre. Die Kommunen und Landkreise sollten sich auch damals zu effektiveren Verwaltungseinheiten zusammenschließen. Wer sich den Vorstellungen der Landespolitik nicht beugte, dem drohte die Zwangszusammenlegung. Vielerorts entstanden Kommunen mit aneinandergereihten Ortsteilen, denen die Mitte und eine gemeinsame Identität fehlten. Die Bürger wurden damals nicht gefragt, sie hatten sich mit den neuen Gegebenheiten abzufinden.

          Das war jetzt in Erlensee und Neuberg anders. Dort entschieden die Bürger am Sonntag über die Zusammenlegung. Doch der erste Praxistest der Idee, die Walter Wallmann zwei Tage zuvor geäußert hatte, muss ihn ernüchtern: Wie die beiden Bürgerentscheide zeigen, sind kommunale Zusammenschlüsse bei den Menschen heute noch genauso unerwünscht wie vor 50 Jahren.

          Menschen interessieren keine Machbarkeitsstudien

          Nun kann darüber diskutiert werden, ob die Rathauschefs Stefan Erb und Iris Schröder, die ihr Vorhaben seinerzeit überraschend präsentiert hatten, die Bürgerbeteiligung falsch angepackt haben. Erlensee und Neuberg stehen aber für einen Trend, der in den höheren Etagen von Politik und Verwaltung nicht gerne gesehen wird. Gemeinden und Verwaltungen sollen sich zusammenschließen, um Strukturen zu straffen, schlagkräftigere Einheiten zu schaffen und Geld einzusparen. Allein im Main-Kinzig-Kreis wären es neun Kommunen mit weniger als 8000 Einwohnern, die sich nach dem aktuellen Vorschlag des Präsidenten des Landesrechnungshofs mit einer anderen zusammentun sollten.

          Doch die Menschen interessieren keine Machbarkeitsstudien, die den Verwaltungen Millioneneinsparungen versprechen. In einer immer komplizierter werdenden Zeit wollen sie ihre noch halbwegs übersichtliche Welt bewahren und an ihrer heimatlichen Identität festhalten. Sofern sie sich überhaupt für solche Themen interessieren, sehen sie in erster Linie das, was sie eventuell aufgeben müssten, und nicht, was gewonnen werden könnte.

          Das Internet macht es Kritikern überdies leicht, einseitige und emotional geprägte Argumente zu verbreiten. Um Identität und Stärkung des Selbstbewusstseins geht es beispielsweise auch bei den Autonomiebestrebungen der Stadt Hanau, die bis zum 1. April 2021 den Main-Kinzig-Kreis verlassen will. Das Vorhaben birgt viele Risiken, doch in Hanau regen sich keine erkennbaren Widerstände, man hofft auf einen Bedeutungszuwachs der Stadt. Auf eine Unterstützung der Bürger sollten diejenigen, die Fusionen anstreben, also lieber nicht hoffen.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

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