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: Gelnhausen: Vom "Zitronehäusche" zum "Living Room"

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"Altes Fachwerkhaus Hessens" - mit dieser Aufschrift und der rot aufgepinselten Jahreszahl 1340 wirbt ein gotisches Haus an der Kuhgasse um staunende Passantenblicke. In der Altstadt von Gelnhausen wimmelt es von schwarz-weißem Fachwerk.

          "Altes Fachwerkhaus Hessens" - mit dieser Aufschrift und der rot aufgepinselten Jahreszahl 1340 wirbt ein gotisches Haus an der Kuhgasse um staunende Passantenblicke. In der Altstadt von Gelnhausen wimmelt es von schwarz-weißem Fachwerk. Doch die alten Schmuckstücke haben, was die Attraktion anbelangt, Konkurrenz bekommen: An der Kuhgasse 15 steht ein Zwittergebäude zwischen überdimensionaler Kommode, Schaukasten, Wohnhaus und Kunstwerk, das die Blicke förmlich aufsaugt. "Living Room" heißt das Projekt, an dem die Architekten Gabriela Seifert und Götz Stöckmann seit fünf Jahren arbeiten: Der Gelnhäuser Beitrag für die Architektur-Biennale in Venedig.

          Bevor der "Living Room" an der Kuhgasse wachsen konnte, mußte ein anderes Gebäude weichen. Dem im Volksmund "Zitronehäusche" genannten Vorgänger wurde eine ordentliche Trauerfeier gewidmet. Vom Erdboden bis zum Giebel mit einem Netz aus roten Nelken verhangen, verabschiedeten sich Architekten und Gelnhäuser Bürger von dem gelb verputzten Gebäude, das aus Abbruchmaterialien des Dreißigjährigen Kriegs entstanden war. Den Auflagen des Denkmalschutzes folgend, imitierten Götz Stöckmann und Gabriela Seifert dann mit ihrem Neubau den Grundriß des "Zitronehäusche". Als "ziemlich geradeaus" beschreibt der Architekt den Charakter seines Gebäudes. Das heißt, ohne verschlungene Architekturtheorie, sondern eine einfache Metapher: unten die Erde, oben der Himmel, dazwischen die Lebensreise. Die Erde: Anstelle eines gewöhnlichen Fußbodens liegt ein 40 Tonnen schwerer Monolith im Erdgeschoß. Geröll füllt den Abstand bis zur Außenwand. Für Stöckmann bildet der Stein "den Horizont". Über Basaltsäulen balancierend, gelangt man zur Bücherwand, zwischen dem Geröll machen sich Kakteen breit. Auf dem sechs mal drei Meter großen steinernen Riesen wurde ein Eßtisch installiert, durch den sich ein bronzener Kaktus bohrt - ein Entwurf des Bildhauers Wolfgang Luy.

          Der Himmel: Unter dem Giebel öffnet sich der Blick über die Dächer der Altstadt. Gleichzeitig ist die Erde so nah: Über eine Geländergalerie hinab ist der Monolith zu sehen. Die beiden oberen Geschosse hängen wie separate Boxen im Gebäude, das ganze Haus ist ein Raum. Und der Blick, der sich auf die einzige Innenwand richtet, wird imaginär in den Weltraum enthoben: der Mond schimmert auf der Wandinstallation.

          Am Kopfende der Betten im Zwischengeschoß prangt ein roter Not-Ausschalter. Er bremst im Notfall den Clou des Hauses: die Ausfuhr des gesamten Schlafraums wie ein Art Schublade über die Kuhgasse. Drei Meter weit läßt sich das Geschoß mit einem Elektromotor "herausziehen", für eine Nacht unter den Sternen oder ein Frühstück im Bett in der Morgensonne. Wie ein Schiff aus dem Hafen gelassen werde, löse sich der Schlafplatz aus seiner Verankerung, meint der Architekt: Anker lichten für die Lebensreise. Die Verbindung von innen und außen war den Architekten besonders wichtig. Die Außenwände seien die Membran, durch die das Haus atme. Durchlässig von innen nach außen und umgekehrt, "wie eine Privatosmose", meint Stöckmann. 52 Fenster zählt man, dem Blick des Passanten entgeht nicht viel. Durch Lautsprecher werden die Geräusche aus dem "Living Room" auf der Kuhgasse hörbar. Leicht verfremdet allerdings, Geheimnisse werden nicht ausgeplaudert. Gleiches geschieht mit den Geräuschen der Umgebung, die in Echtzeit in den Innenraum übertragen werden.

          An ein Gesamtkunstwerk glaubt Stöckmann nicht. Sein Haus sei eher eine Station für Arbeiten befreundeter Künstler. Auf dem Grund des Kanals, der um das Haus führen soll, wird ein Zitat aus dem "Simplicissimus" zu lesen sein. Eine Reminiszenz an den Barockdichter Grimmelshausen, der wenige Straßen vom Living Room entfernt geboren wurde. Die Fassade hingegen schmückt das Gedicht "Das Haus ist der Mundraum" des Lyrikers Thomas Kling. "das haus ist der text seiner bewohner" heißt es in einer Zeile. Und: "was werden, sohn, die nachbarn sagen?"

          Die haben den "Living Room" überraschend gut aufgenommen, erzählt Stöckmann. Viele, die sich von der Straße auch einmal hineintrauen, seien verblüfft: "Da kann man ja drin wohnen." Und auf der aktuellen Ausgabe der Touristikkarte ist der "Living Room" auch schon vermerkt. Keine Frage, Gelnhausen ist um eine Attraktion reicher. Bis zum 7. November wird das Wohngebäude-Modellhaus-Kunstwerk auf der Architektur-Biennale in Venedig von sich reden machen. rsch.

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