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Aus für Regionalzeitung : Sinkende Auflage, weniger Leser

Hat bald eine Tageszeitung weniger: Gelnhausen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Das Aus für das „Gelnhäuser Tageblatt“ bestürzt viele. Ganz unerwartet kommt es aber nicht.

          Seit mehr als 20 Jahren ist das „Gelnhäuser Tageblatt“ die Morgenlektüre des Bürgermeisters Thorsten Stolz (SPD). Am 31.März wird er die Zeitung am Frühstückstisch zum letzten Mal aufschlagen, denn von diesem Tag an wird es sie nicht mehr geben. Der Anruf, dass die Gelnhäuser Traditionszeitung 184 Jahre nach ihrer Gründung ihr Erscheinen einstellen wird, erreichte den Rathauschef am Donnerstag, nur wenig später wurde auch die Öffentlichkeit informiert. Die Nachricht sei völlig überraschend gekommen und löse in ihm Bestürzung aus, sagte Stolz gestern dieser Zeitung. Das „Tageblatt“ sei die Traditionszeitung im Osten des Main-Kinzig-Kreises. Mit ihr gehe ein wichtiges Stück Zeitungsgeschichte verloren.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          So wie dem Bürgermeister erging es vielen Menschen im Kreis, die sich dem Blatt verbunden fühlen. Gysin Langner zum Beispiel, die Anfang der achtziger Jahre in der Gelnhäuser Redaktion das Zeitungswesen als Volontärin von der Pike auf lernte. Eigentlich wollte sie Jura studieren, aber nachdem sie ein Praktikum beim „Tageblatt“ gemacht hatte, stand für sie die journalistische Laufbahn fest. Damals, erinnert sich Langner, die heute Pressesprecherin im Hanauer Rathaus ist, sei das Blatt eines der ersten gewesen, das schon mit Fotosatz gearbeitet habe. Auch dass es damals noch eine Mittagszeitung war, sei eine Besonderheit gewesen. Dass es die Zeitung nun nicht mehr geben soll, kann sich Langner ebenso wenig vorstellen wie zahlreiche besorgte Anrufer im Gelnhäuser Rathaus. Denen konnte Bürgermeister Stolz keine Hoffnung machen: Die Entscheidung des Verlags stehe fest.

          Die „Gelnhäuser Neue Zeitung“ könnte profitieren

          Auch Landrat Erich Pipa (SPD) traf die Botschaft unvorbereitet. Für ihn gehe „ein kurzer Draht“ verloren, denn die Lokalredaktion des „Tageblatts“ liegt schräg gegenüber der Kreisverwaltung in Gelnhausen. Die Lektüre der Zeitung habe für ihn seit Anbeginn seiner politischen Laufbahn zum Tagesablauf gezählt. Dass sie aufgeben werde, schreibt der Landrat in erster Linie der Konzentration in der Zeitungslandschaft als Reaktion auf die digitalen Medien zu. Zwar sei die Zukunft des „Tageblatts“ in den vergangenen Jahren immer wieder in Frage gestellt worden, die aktuelle Schließungsbotschaft komme aber in dieser Härte überraschend. Mit ihr gehe eine Ära zu Ende, schließlich sei es für lange Zeit eine Besonderheit gewesen, dass zwei Tageszeitungen in einer Kreisstadt wie Gelnhausen mit rund 23.000 Einwohnern erschienen seien.

          Die zweite Lokalzeitung ist die „Gelnhäuser Neue Zeitung“. Auch für Oliver Naumann, Verleger und geschäftsführender Gesellschafter der Druck- und Pressehaus Naumann GmbH & Co. KG, ergibt sich durch die bevorstehende Schließung des Konkurrenzprodukts eine neue Situation – „völlig unerwartet“, wie er gestern feststellte. Seit 1988 gibt das Pressehaus die „Gelnhäuser Neue Zeitung“ heraus und arbeitete sich zur führenden lokalen Tageszeitung im mittleren Main-Kinzig-Kreis hoch. Die verkaufte Auflage der täglichen Ausgabe beträgt laut Naumann gut 8500 Exemplare. Man habe sich nicht nur in einem wirtschaftlichen, sondern auch immer in einem sportlichen Wettbewerb zum „Tageblatt“ gesehen, so Naumann. Das habe zu einer wichtigen publizistischen Vielfalt in der heimischen Region beigetragen. „Wir sehen uns nun in der besonderen Verantwortung, bodenständig und volksnah zu bleiben und das regelmäßige Qualitätstraining weiterhin zu betreiben“, sagt der Verleger.

          Sinkende Auflage und Gratiskultur im Internet

          Zwei Tageszeitungen in einer Kleinstadt mit zumeist ländlichem Umfeld, das sei bundesweit einmalig gewesen. Dass beide Zeitungen langfristig nicht aufrechtzuerhalten sein würden, hätten viele befürchtet und geahnt. Außer der sinkenden Auflage habe vor allem die permanente Abkehr der Leser der Tageszeitung schwer zu schaffen gemacht, sagt Naumann. Die zur Mainzer Verlagsgruppe Rhein-Main gehörende Gießener Anzeiger Verlags GmbH & Co KG gibt das „Gelnhäuser Tageblatt“ heraus. Erstmals auf den Markt kam es am 6. Januar 1833 unter dem Namen „Wöchentliches Unterhaltungsblatt“ als Zeitung für den Altkreis Gelnhausen. Ihr Verbreitungsgebiet umfasst neben Gelnhausen noch Bad Orb, Biebergemünd, Birstein, Brachttal, Freigericht, Flörsbachtal, Gelnhausen, Gründau, Hasselroth, Jossgrund, Linsengericht und Wächtersbach. Die verkaufte Auflage beträgt nur noch gut 4600 Exemplare, was einen Rückgang um 34 Prozent seit 1998 bedeutet.

          Eingestellt werden auch das „Gelnhäuser Tageblatt extra“ und das „Gelnhäuser Tageblatt zum Sonntag“. Außer der sinkenden Auflage und einer „ausgeprägten Gratiskultur im Netz“ wird auch die Einführung des Mindestlohnes für die Zeitungszusteller als Gründe für die wirtschaftliche Schieflage der Publikation genannt. Wie viele Mitarbeiter von der Schließung betroffen sein werden, ist noch nicht bekannt. Bis Ende dieses Jahres soll auch die Druckerei in Gießen aufgegeben werden. Dort arbeiten 30 Menschen. Kritische Töne kamen gestern vom Deutschen Journalistenverband Hessen. Mit der Einstellung des Blattes schreite in der Region und in ganz Hessen die Pressekonzentration fort, verbunden sei damit ein Verlust an Meinungsvielfalt, schreibt der stellvertretende Vorsitzende des DJV Hessen, Kud Zilian, in einer Stellungnahme. Zu befürchten sei unter anderem eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der freien Journalisten in der Region. Die Sorge gelte auch den Inhabern der sechs redaktionellen Arbeitsplätze, obwohl der Betriebsrat versuchen werde, den Kollegen andere Stellen in der Verlagsgruppe Rhein-Main anzubieten. Der Journalistenverband erwartet laut Zilian, dass den Arbeitnehmern ein großzügiges Angebot bei den angekündigten Verhandlungen über einen Sozialplan unterbreitet werde.

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