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Offenbacher Fanprojekt : Gelegentlich auch eine Art Seelsorger

Initiatoren des OFC-Fanprojekts: Sascha Djordjevic und Antje Hagel Bild: Daniel Vogl

Das Fanprojekt der Offenbacher Kickers sieht sich als Dienstleister für die Anhänger des Traditionsvereins. Eine fußballvernarrte Kulturwissenschaftlerin ist von Beginn an dabei.

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          An einer Autobahnraststätte halten zwei Busse zufällig nebeneinander. Im einen sind Fans von Kickers Offenbach, im anderen von Eintracht Frankfurt. Es bleibt nicht bei Worten. Der Bus mit den Kickers-Fan ist schon wieder auf der Strecke, als die Polizei eintrifft – und verletzte Eintracht-Fans vorfindet. Diese Begebenheit liegt Jahre zurück, und doch gehört sie zu den Ereignissen, die bei Leuten fern der Fußballwelt das Bild von Fans prägen. Der Vorfall hat sich tatsächlich so zugetragen. Und doch sagen derlei Geschichten, die es schnell in die Nachrichten schaffen, über die Lebenswelt von Fußballfans nicht wirklich etwas aus, wie Antje Hagel sagt.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Die Kulturwissenschaftlerin muss es wissen, denn sie ist Leiterin des OFC-Fanprojekts und schon beinahe zwei Dekaden in der Sozialarbeit rund um den Fußball in Offenbach engagiert. Die Frau, die durch ihren Partner dereinst zum Fußball kam, bestreitet nicht, dass es unter den Fans auch eine gewaltbereite Gruppe gibt. Hagel hält es aber für abwegig, daraus einen generellen Hang von Fußballanhängern zur Gewalt abzuleiten.

          Von Herzen Fußballfans

          Im Gespräch wird schnell klar, dass Hagel und ihr Kollege Sascha Djordjevic nicht nur im Sinne der soziologischen Forschung teilnehmende Beobachter sind, sondern selbst von Herzen Fußballfans. Wenn etwa die Mittfünfzigerin Hagel strahlend davon berichtet, welche positiven Gefühle es auslöst, am Bieberer Berg dicht am Spielfeld zu stehen und Teil einer großen, mächtigen Menge zu sein, die mit Choreographien und Chören zu einem guten Spiel der angefeuerten Mannschaft beiträgt, kann auch der weniger fußballaffine Zuhörer die besondere Anziehungskraft des Stadion-Erlebnisses nachvollziehen. Das Oval sei für echte Fans so vertraut wie das eigene Wohnzimmer, sagt Hagel. So erklärt sich auch, dass Fans schon einmal spenden, um ihr zweites Wohnzimmer zu verschönern – in Rot-Weiß natürlich.

          In Rot-Weiß: Fanartikel-Galerie in den Räumen des OFC-Fanprojekts

          Es spricht viel dafür, dass diese Empathie es den beiden Fanprojekt-Mitarbeitern überhaupt erst ermöglicht, ihre professionelle Sozialarbeit zu leisten, die darin besteht, das Klientel zwischen zwölf und 27 Jahren gewissermaßen in Freud und Leid zu begleiten. „Wir sind Seismographen in der Fan-Szene. Wir nehmen auf, was sie umtreibt“, sagt Hagel.

          Die meistens männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen finden im lichtdurchfluteten Hinterhaus der Offenbacher Luisenstraße 61 beispielsweise auch Platz fürs Entwickeln und Einüben der zum Teil ziemlich komplexen Choreographien, die sich dann später im Stadion beobachten lassen. In der Luisenstraße haben die Fans auch einen Ort, um gemeinsam über Verbesserungsvorschläge für die Stadionleitung zu diskutieren – etwa in Sachen Catering. Sie können dort aber auch nur ein paar Runden Tischfußball spielen unter den Wimpeln ihres Traditionsvereins und unter etlichen Bildern aus früheren – auch großen – Tagen.

          In der Nationalmannschaft

          Beispielsweise aus denen, als Erwin Kostedde zwischen 1971 und 1975 für die Kickers stürmte. Dem ersten dunkelhäutigen Spieler der deutschen Nationalmannschaft haben die Offenbacher Fans denn auch ein ganz besonderes Denkmal gesetzt: Sie gaben einem Magazin, in dem sie begannen, über Kickers Offenbach zu schreiben, weil das andere ihrer Ansicht nach nicht in ausreichendem Maße taten, seinen Namen: Erwin. Das Heft gibt es noch heute. In der Luisenstraße existiert auch ein Erwin-Archiv, eine Fundgrube für jeden Fußballhistoriker.

          So unverwüstlich wie der nicht eben vom Glück verwöhnte Verein scheint auch die Redaktion des Fan-Magazins zu sein. „Fußball spielen konnten wir nicht ausreichend gut genug, an einem Koffer mit Geld mangelt es auch, aber wir können wenigstens versuchen, die Laune im Vereinsumfeld zu heben“, heißt es in einem Zitat auf der Internetseite des OFC.

          Die Arbeit von Hagel und Djordjevic reicht weit über das Stadion und sein Umfeld hinaus. Sie stehen auch bereit, wenn es um Sorgen des täglichen Lebens geht. Das können persönliche Schläge sein wie der Tod eines Angehörigen, Beziehungsschwierigkeiten, der Verlust des Arbeitsplatzes oder auch die vergebliche Suche nach einem Ausbildungsplatz. Man könne zwar nicht direkt einen neuen Job oder eine Lehrstelle vermitteln, aber man verfüge inzwischen über so viele gute Verbindungen in der Stadt, dass man den Hilfesuchenden zumindest raten könne, wohin sie sich wenden sollten, sagt Hagel.

          Etat von 188.000 Euro

          Die Leute vom Fanprojekt sind aber laut Djordjevic auch nah dran, wenn es um den Kern der Sache geht: ums Spiel. Wenn etwa bei Auswärtsspielen zuvor das Sicherheitskonzept in der jeweiligen Stadt besprochen werde, seien auch sie eingebunden. Offensichtlich ist inzwischen in der Szene anerkannt, dass die Projektmitarbeiter die Befindlichkeiten der Fans oft besser einschätzen können als andere. Dabei stellt Hagel klar, dass man mit den Fans im stetigen Gespräch sei, aber sie nicht kontrolliere und auch nicht überwache. Sie versteht ihre Arbeit als Projekt für Fans, die Freude am Fußball haben. Kontrolle sei Sache der Polizei.

          Das Fanprojekt arbeitet unter dem Dach des Internationalen Bundes. Der Etat von 188.000 Euro speist sich aus Geld vom Land Hessen und der Stadt Offenbach, die zusammen 94.000 Euro aufbringen. Die andere Hälfte schießt der organisierte Fußball zu – der Deutsche Fußballbund und die Deutsche Fußball Liga.

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