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Gedenken : „Stolpersteine“ zur Erinnerung

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Walramstraße 31 in Wiesbaden: Gunter Demnig verlegt „Stolpersteine” Bild: F.A.Z. - Frank Röthj

Gunter Demnig setzt überall in Deutschland „Stolpersteine“ zur Erinnerung an Nazi-Opfer ins Pflaster. Damit ist er vielerorts willkommen, nur nicht in München.

          Für sein Werk braucht Gunter Demnig zunächst einmal schweres Gerät, um ein Stück gepflasterten oder auch geteerten Bürgersteigs aufzubrechen. Mit seinem breitkrempigen Hut und seiner handfesten Arbeitskleidung erinnert er ein wenig an Josef Beuys, wenn er darangeht, die von ihm gefertigten „Stolpersteine“ fachgerecht in den Boden zu versenken. „Stolpersteine“: Das sind kleine Betonwürfel, in die eine zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte mit Namen und Daten von Opfern des Nazi-Regimes eingelassen ist. Der Bildhauer und Aktionskünstler verlegt sie vor die Haustüren der Gebäude, in denen sie einmal gewohnt haben, bis sie verschleppt und ermordet wurden.

          Zum Beispiel die Familie Stock, die in der Wiesbadener Walramstraße 31 gelebt hat. Demnig hat im vorigen Jahr für Johanna und James Stock sowie deren Kinder Joseph und Rosel Stock, die 1942 deportiert und im Konzentrationslager Majdanek umkamen, vier solcher Gedenksteine mit den einleitenden Worten „Hier wohnte . . .“ verlegt. Mittlerweile liegen in Wiesbaden 68 „Stolpersteine“, bundesweit sind es mehr als 9000 in 186 Städten. Sein eigenwilliges Gedenkprojekt ist zum Selbstläufer geworden. Und so umstritten es ist, so erfolgreich scheint es sich auszubreiten.

          Münchner Stadtrat läßt illegale Steine herausreißen

          Längst ist der Künstler auch in Österreich aktiv, im nächsten April wird er die ersten „Stolpersteine“ in Budapest verlegen, und auch aus Rom gibt es bereits Nachfragen. Obgleich mit 58 Jahren nicht mehr der Allerjüngste, scheint er guter Hoffnung zu sein, auf diese Weise noch allen europäischen Opfern der NS-Zeit „ ihren Namen zurückgeben“ zu können.

          Dabei machen es ihm längst nicht alle Städte so leicht wie etwa Wiesbaden, wo das Stadtparlament dem Vorhaben auf Antrag von SPD und Grünen hin fraktionsübergreifend zugestimmt hat. Oder auch Hamburg, wo es sich der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) nicht hat nehmen lassen, bei der Verlegung von vier an Opfer in der Familie seiner Mutter erinnernden „Stolpersteinen“ zugegen zu sein.

          In München vor allem sind die „Stolpersteine“ Anstoß andauernder Auseinandersetzungen. Der Stadtrat will sie nicht und hat zwei illegal verlegte prompt wieder herausreißen lassen - der in England lebende Neffe der Ermordeten, Peter Hess, beklagte sich daraufhin schriftlich beim Oberbürgermeister: „Herr Ude, Sie haben meine Verwandten ein zweites Mal deportiert.“ Christian Ude (SPD) seinerseits soll kürzlich bei Bundespräsident Horst Köhler (CDU) schriftlich protestiert haben, weil er dem mittlerweile unter anderem mit dem German Jewish History Award für seine „Verdienste um die Erinnerung an jüdische Geschichte in Deutschland“ ausgezeichneten Demnig auch noch den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland überreicht hat. In jüdischen Kreisen ist das Projekt besonders umstritten: Während sich etwa der stellvertretende Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, wie auch sein Generalsekretär

          Demütigung durch Stiefeltritte?

          Stephan J. Kramer sehr positiv dazu geäußert haben, gehört seine neue Präsidentin Charlotte Knobloch zu den prononcierten Kritikern. Sie könne es nicht ertragen, schrieb Knobloch, die seit mehr als 20 Jahren der Israelitischen Kultusgemeinde München vorsteht, an Hess, „daß Stiefel und Schuhe auf Namen von Opfern des Naziregimes herumtreten“. Es müsse doch andere Möglichkeiten geben, „sich derer zu erinnern, die zum großen Teil durch Stiefel und ähnliches gedemütigt und verletzt wurden“. In Wiesbaden waren vier von fünf Vorstandsmitgliedern der jüdischen Gemeinde auf Anhieb von der Idee angetan.

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