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Gastronomie : Vom Dienen und Verdienen

„Keine Streikkultur”: Personal in Hotels legt selten die Arbeit nieder Bild: Foto Visum

Etwas mehr Geld bitte: Ein Ritual auch für Mitarbeiter in Hotels und Gaststätten, doch in Hessen sind sie seit Monaten tariflos. Jetzt wollen etliche in Streik treten. Aktionen wird es nur in wenigen Hotels geben, dort wo 20 bis 30 Prozent der Mitarbeiter der Gewerkschaft angehören.

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          Es ist ein kalter, klarer Morgen, als die Tarifkommission der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten im DGB-Haus in Frankfurt tagt. Vor dem Fenster fließt der Main vorbei, und das Hotel Intercontinental ist nur ein paar Schritte entfernt. In der polierten Halle dort nehmen lächelnde Angestellte die Kreditkarten entgegen, mit denen Geschäftsreisende, die Trolleys neben sich, oft das Handy am Ohr, ihre Zimmerrechnung zahlen. Die Betriebsräte nebenan sprechen derweil davon, dass diese Angestellten so wenig verdienten, dass sie sich im teuren Frankfurt kaum noch eine Wohnung leisten könnten. Und das, so ist der Tenor in der Runde, sollten ruhig einmal so viele wie möglich zu hören bekommen. Wenn am Mittwoch die Musikmesse beginnt, soll gestreikt werden.

          Jacqueline Vogt
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aktionen wird es nur in wenigen Hotels geben, dort wo 20 bis 30 Prozent der Mitarbeiter der Gewerkschaft angehören. Im Durchschnitt liegt der Organisationsgrad in dem Gewerbe nur bei rund zehn Prozent. 60 000 sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter sind im hessischen Hotel- und Gaststättengewerbe beschäftigt. Ein Drittel von ihnen, sagt Peter Artzen, Regional-Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, arbeite in Betrieben mit weniger als fünf Beschäftigten. 5,5 Prozent Lohn- und Gehaltserhöhung fordert die Gewerkschaft. Eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 38,75 auf 40 Stunden und dafür zweieinhalb Prozent mehr Geld bieten die Arbeitgeber. „Die denken offenbar, dass wir nicht rechnen können“, sagt Yudakul Köroglu, Vorsitzender des Betriebsrats im Frankfurter Marriott-Hotel.

          1435 Euro für Wäschereihelfer

          „Wer denkt an die Erfordernisse kleiner Betriebe“, sagt Gerhard Köhler, der frühere Direktor des Hotels Hessischer Hof in Frankfurt, der für die Arbeitgeber die Verhandlungen leitet. „Wer denkt an die Mitarbeiter in den kleinen Betrieben“, sagt Hans-Ulrich Fäth, Betriebsratsvorsitzender im Intercontinental in Frankfurt, einem großen Hotel mit mehr als 200 Mitarbeitern. Die können sich freuen, denn für sie ist gerade ein Hausabschluss ausgehandelt worden: zwei Prozent Lohn- und Gehaltserhöhung rückwirkend zum 1. März und einmal 100 Euro für jeden, der am 28. Februar sechs Monate beschäftigt war. 3017 Euro brutto beträgt zukünftig die Vergütung in der höchsten Bewertungsgruppe (Hauptabteilungsleiter), 1435 Euro in der niedrigsten (Wäscherei-Helfer zum Beispiel).

          Mit den großen Hotelgesellschaften Haustarifverträge auszuhandeln und über diesen Umweg zum Flächentarifvertrag zurückzukehren heißt die Gewerkschaftsstrategie. Der erste Teil ist im „Interconti“ so gut wie spruchreif. Fäth ist zufrieden. Ganz wohl ist ihm dennoch nicht, denn Arbeitnehmerinteressen könnten eigentlich nur über den Flächentarif gewahrt werden, meint er. Preis- und Konkurrenzkämpfe dürften nicht „über die Mitarbeiter geführt“ werden. Berufe zum Reichwerden haben die ohnehin nicht, 100 Prozent beim dreizehnten Monatsgehalt etwa sieht der ausgelaufene Tarifvertrag für Arbeitnehmer erst nach 14 Jahren Betriebszugehörigkeit vor. Im Steigenberger-Konzern, wo schon seit längerem eine Hausvereinbarung gilt, beträgt die Frist vier Jahre.

          Auch wenn das große Geld in anderen Jobs liegt, ist die Messlatte für Berufsanfänger hoch. Für eine Ausbildungsstelle als Hotelfachmann muss einer heute fast überall das Abitur mitbringen, schon um Koch zu werden, genügt der Hauptschulabschluss nicht mehr. Nicht so sehr, weil die Tätigkeiten so kompliziert wären, sondern weil Minderjährige nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit beschäftigt werden dürfen. Wer länger zur Schule ging, ist älter - so einfach ist das. „Und wenn wir samstags abends durch Frankfurt gehen und aus den Hotels alle Azubis auf die Straße rufen, arbeitet drinnen keiner mehr“, sagt Peter Artzen. Der Manteltarifvertrag war zum Jahresende 2006, der Entgelttarifvertrag schon im August ausgelaufen. Neue Gesprächstermine gibt es nicht, beide Seiten nennen die Verhandlungen festgefahren. Seit 15 Jahren ist Artzen in der Tarifkommission: „Ich weiß wirklich nicht, was die Arbeitgeber dieses Mal reitet“, sagt er. „Still ruht der See“, sagt Gerhard Köhler. Dass es um persönliche Animositäten mindestens so sehr gehe wie um die Inhalte, sagt auch mancher.

          Kostendruck und Einsatz von Fremdfirmen

          Ein Streik, selbst wenn er wohl keine spektakulären Ausstände mit sich bringt, werde Zeichen setzen, hofft der Gewerkschafter Artzen, „auch nach innen“. Es könne nicht schaden, wenn jene, zu deren Beruf ein ausgeprägt nichtkonfrontatives Auftreten gehöre, einmal ihre Meinung zeigten.

          Vincenzo Ambrosio hat damit kein Problem. Der Restaurantdirektor und Betriebsratsvorsitzende im Arabella Sheraton Grand Hotel in Frankfurt ist ein immer eleganter, immer zurückhaltender Mann. Dennoch findet er deutliche Worte, um ein insgesamt düsteres Bild der Branche zu zeichnen: Überall Kostendruck und Einsatz von Fremdfirmen, immer weniger Personal in immer mehr Hotels und Direktoren, die ihre Budgets auf dem Rücken der Mitarbeiter erfüllten. Es gebe Häuser, in denen nicht einmal mehr die Köche eigene Angestellte seien, und es gebe keine neuen Jobchancen mehr für die, die älter würden. „Übertarifliche Bezahlung existiert praktisch nicht mehr.“ Das Argument, dass gerade im Service das Trinkgeld das ausgleiche, sei indessen langlebig. Doch das Gästeverhalten habe sich geändert. „In Zeiten von electronic cash stirbt das Trinkgeld aus“, sagt auch Hans-Ulrich Fäth, „und in der Buchhaltung hat sowieso noch nie jemand was bekommen.“

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