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Langener Waldsee : Für Kies fallen die Bäume

  • -Aktualisiert am

Der Kies- und Sandabbau der Firma Sehring am Langener Waldsee ist ein Kahlschlag auf Zeit. Bild: Rainer Wohlfahrt

Umweltschützer kritisieren die Rodungen am Langener Waldsee, die Bannwald betreffen. Vor Gericht haben sie bisher mit ihren Klagen verloren. Die Stadt ist aber mit Ersatzpflanzungen zufrieden.

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          Was ist Bannwald in Hessen überhaupt noch wert? Diese Frage stellen sich Naturschützer wie Thomas Norgall vom BUND Hessen immer wieder. Tatsächlich wurde in den vergangenen Jahren schon öfter Bannwald für Großprojekte geopfert, zum Beispiel für den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Mit einem Federstrich hat die Politik den besonderen Schutzstatus des Waldes in solchen Fällen zunichtegemacht. Und jetzt auch rund um das Kieswerk Sehring am Langener Waldsee.

          Doch was ist Bannwald überhaupt? Nahezu jedes Bundesland hat dafür eine eigene Beurteilung. In Hessen ist ein Bannwald ein Wald, der wegen seiner Lage, flächenmäßigen Ausdehnung und seiner außergewöhnlichen Bedeutung für Wasserhaushalt, Klima und Luftreinigung in seiner Flächensubstanz erhalten werden muss und deshalb nur in Ausnahmefällen gerodet werden darf, so die Definition.

          Durch die Regionalplanung werden die entsprechenden Waldflächen bestimmt, was meist in Ballungsräumen oder in waldarmen Gebieten geschieht, um dort weiteren Waldverlust zu vermeiden. Die Regierungspräsidien als obere Forstbehörden erklären dann die ausgewählten Gebiete zu Bannwald.

          Zur Rettung geklagt

          Um den Bannwald um den Langener Waldsee zu retten, hatte der BUND gegen die Genehmigung der Erweiterungspläne der Firma Sehring geklagt und bisher sowohl vor dem Verwaltungsgericht Darmstadt und dem Verwaltungsgerichtshof (VGH) Kassel verloren. Die Gerichte stuften das öffentliche Interesse an einer gesicherten Versorgung mit Baustoffen höher ein als die Schutzbedürftigkeit des Waldes. Der Verwaltungsgerichtshof hat allerdings eine Revision beim Bundesverwaltungsgericht zugelassen.

          Gerade in einer Zeit des Waldsterbens ganze Waldflächen für die Industrie zu opfern, ist für das Aktionsbündnis Langener Bannwald, dem mehrere Bürgerinitiativen aus der Region und auch der BUND angehören, nicht länger vertretbar. Die Pläne des Kiesabbauunternehmens, 60 Hektar Wald zu roden, verstoßen nach Meinung der Umweltschützer gegen die Artenschutzbestimmungen und das Bundesnaturschutzgesetz.

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          Es diene keineswegs dem Gemeinwohl, wenn Bannwald, der in einem Landschafts- und Wasserschutzgebiet liege, für den Sand- und Kiesabbau geopfert werde. Der VGH Kassel hat dem Unternehmen hingegen bescheinigt, alle Belange des Natur- und Umweltschutzes würden berücksichtigt, zudem werde der Bannwald nach der Auskiesung wieder aufgeforstet.

          Langens Bürgermeister Jan Werner (parteilos) fordert die Rodungsgegner auf, „endlich einen Schlussstrich unter den Protest zu ziehen“. Nach der Bekanntgabe des Urteils im Februar sagte Werner, das Traditionsunternehmen Sehring habe „viel Gutes in und für die Stadt getan“. Jährlich kämen von Sehring mehr als eine Million Euro Gewerbesteuer in die Stadtkasse, zudem seien durch die geplante Erweiterung 100 Arbeitsplätze langfristig gesichert.

          „Die ständigen ungerechtfertigten Anschuldigungen gegen die Firma Sehring müssen nun endgültig aufhören“, sagte der Bürgermeister, der auf die Bemühungen des Unternehmens verweist, den Waldverlust an anderen Stellen wieder auszugleichen. Bei der Rekultivierung entstehe „ein ökologisch hochwertiger Zustand“. Auf 14 Prozent der Fläche entstünden Biotope: „Angesichts der vielen Vorteile ist eine temporäre Nutzung des Waldes für diesen Zweck sinnvoll.“

          Wegen Corona keine Proteste

          Die Rodungsgegner bedauern, derzeit wegen Corona nicht zu Protestveranstaltungen aufrufen zu können. Da die mehr als 100 Seiten umfassende Urteilsbegründung erst vor einigen Tagen zugestellt wurde, prüft der BUND noch, ob der Gang zum Bundesverwaltungsgericht sinnvoll ist. Das Aktionsbündnis sammelt unterdessen Geld für einen weiteren Rechtsstreit.

          Allein die Tatsache, dass der VGH eine Revision zugelassen hat, macht den Gegnern des Projektes Hoffnung. Thomas Norgall, stellvertretender Geschäftsführer des BUND Hessen, befürchtet unterdessen, bis zu einer Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof, die wohl erst in einigen Jahren erfolge, könnten schon Fakten geschaffen sein, denn derzeit erhält das Unternehmen alle zwei Jahre über den sogenannten Hauptbetriebsplan die Erlaubnis, im Südosten des Areals weitere Flächen zu roden.

          Bislang sind von den 60 Hektar laut Auskunft der Firma Sehring schon 24,4 Hektar gerodet. Ersatzaufforstungen würden „im Rhein-Main-Gebiet und dessen Umfeld“ erfolgen und seien mittlerweile völlig in die Tat umgesetzt. Auf der Fläche am Langener Waldsee selbst werde nach und nach wieder aufgeforstet. Die ersten Rekultivierungen wegen der Südosterweiterungen seien 2020 begonnen worden.

          Bei dem Wald, dessen Bäume nach und nach fallen, handele es sich um Mischwald und jüngere Laubwaldbestände. Der Wald befindet sich „in dem für das Rhein-Main-Gebiet typischen Zustand“, die Wälder sind im Besitz der Stadt Langen. Die Nutzung der 60 Hektar Bannwald garantiert laut Planfeststellungsbeschluss den Kies- und Sandabbau bis 2038.

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