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Frühere Offenbacher Lohwald-Siedlung : Bürgerliches Quartier statt sozialer Brennpunkt

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Mark Medlock ist der bekannteste Bewohner eines Offenbacher Viertels, das es nicht mehr gibt: Elf Jahre - von 1986 bis 1997 - lebte der Sänger im „Lohwald”. Bild: Marcus Kaufhold

Die Stadtwerke Offenbach wollen „An den Eichen“ 110 Grundstücke verkaufen und den schlechten Ruf des Viertels vergessen machen. Mark Medlock ist der bekannteste Bewohner des Offenbacher Lohwald-Viertels, das es nicht mehr gibt.

          Mark Medlock ist der bekannteste Bewohner eines Offenbacher Viertels, das es nicht mehr gibt: Elf Jahre - von 1986 bis 1997 - lebte der Sänger im „Lohwald“. Das im Offenbacher Osten gelegene Viertel einen „sozialen Brennpunkt“ zu nennen wäre beschönigend. Es war ein Sozialghetto, Armut und Kriminalität gehörten zum Alltag vieler Bewohner in den tristen Wohnblocks der Nassauischen Heimstätte. Die Polizei unterhielt dort sogar ein eigenes Revier. Die Bahntrasse, die das Lohwald-Viertel vom Stadtgebiet abschnitt, markierte denn auch eine soziale Trennlinie. Vergeblich mühten sich mehrere Generationen von Sozialarbeitern, den Menschen aus dieser Sackgasse zu helfen. Noch vor zehn Jahren wohnten dort mehr als tausend Leute. Jetzt soll das Areal zu einem bürgerlichen Wohnquartier werden.

          Ende der neunziger Jahre wagte der seinerzeitige Oberbürgermeister Gerhard Grandke (SPD), die Auflösung des Lohwalds-Viertels in den Blick zu nehmen. Das politisch umstrittene Vorhaben endete 2003 mit dem Auszug des letzten Bewohners und dem nachfolgenden Abriss der maroden Wohnhäuser. Wer zuvor im „Lohwald“ gelebt hatte, wohnt nun mit Hilfe der Kommune in einem ganz normalen Stadtteil. An die Stelle des Sozialghettos sollte nach Beschluss der Stadtverordneten unter dem Namen Waldheim-Süd eine „Gartenstadt“ mit Reihenhäusern für 1200 Menschen entstehen. Ein Plan, der fehlschlug, da ein Quadratmeterpreis von mehr als 400 Euro am Markt nicht zu erzielen war.

          Baugebiet droht zu Euro-Grab zu werden

          Das 7,6 Hektar große Baugebiet, von neuen Straßen durchzogen und mit Bäumen bepflanzt, drohte zum Euro-Grab zu werden. Städtische Gesellschaften hatten schon 14 Millionen Euro in den Kauf und Abriss der Lohwald-Blocks, die Freimachung der Grundstücke, den Bau von Straßen und Grünanlagen investiert. So nahm im vorigen Jahr die Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) nach Änderung des Bebauungsplans durch die Stadtverordneten einen neuen Anlauf: „An den Eichen“ heißt das Areal jetzt in der Vermarktung.

          Stilles Örtchen: Noch wohnt kaum jemand im Neubaugebiet „An den Eichen” in Offenbach, wo einst die Lohwald-Siedlung war

          Doch etwas von dem Stigma, das dem Lohwald-Viertel anhaftete, hat überdauert. Dieter Lindauer, Geschäftsführer der OPG Projektverwaltungsgesellschaft, ein Tochterunternehmen der SOH, weiß das. Denn er sucht das Gebiet als Wohnviertel für eine bürgerliche Klientel zu entwickeln: „Bei Interessenten aus Offenbach spielt die Geschichte der Lohwald-Siedlung noch eine Rolle. Doch alles in allem haben wir es geschafft, das Image zu drehen.“ Lindauer ermutigt, dass im vorigen Monat zur Besichtigung eines Musterhauses 120 Interessenten kamen, viele von ihnen aus Frankfurt, Mühlheim, Hanau oder Obertshausen. Gleichwohl verläuft der Grundstücksverkauf schleppend. Erst drei der etwa 110 Grundstücke sind bisher verkauft, nur ein Haus schon bewohnt. In den nächsten Monaten soll die Werbung verstärkt werden, eine Fremdfirma den Vertrieb übernehmen.

          Dreingabe für Bauherren, die Solarthermie nutzen wollen

          Das geänderte Angebot und die Preisgestaltung hält Lindauer für marktfähig. Ein durchschnittlicher Quadratmeterpreis von 380 Euro sei gut. Auch komme man den Interessenten beim Grundstückszuschnitt entgegen. Freistehende Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften seien ebenso möglich wie sogenannte Kettenhäuser und mehrstöckige Wohngebäude. Vor allem aber soll das Wohngebiet „An den Eichen“ ein Vorzeigeprojekt für energetisches Bauen werden. Energieeffizienzhäuser nach KfW-Standard 55 werden ebenso angeboten wie eine Dreingabe für Bauherren, die Solarthermie zur Wasserbereitung nutzen wollen.

          Die OPG spendiert dem Bauwilligen eine Anlage im Wert von 5000 Euro. Einen Widerspruch zu den bereits von der Energieversorgung Offenbach verlegten Erdgasleitungen sieht Lindauer nicht. „Wir wollen auch energetisch eine gute Mischung haben. Es werden genügend Häuser da sein, die Erdgas brauchen.“ Auch für die Elektromobilität will Lindauer das Viertel rüsten und Fahrern von Elektrorollern eine Ladestation bauen. Derweil muss die einzige Familie, die dort wohnt, mit dem eigenen Auto ins neue Heim fahren oder mit dem Bus. Die Offenbacher Verkehrsbetriebe lassen in Erwartung von noch mehr neuen Bewohnern schon die Linie 120 dort enden.

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