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Frühere Papierfabrik umgebaut : Jüdische Spuren zwischen Lofts

Aufwertung: In der alten Papierfabrik werden schicke Lofts gestaltet Bild: Marcus Kaufhold

Auf dem Gelände einer ehemaligen Papierfabrik in Hattersheim nahe Frankfurt werden schicke Apartments gebaut. Aber die Zukunft eines alten Backsteinhäuschens ist unklar.

          3 Min.

          Die ersten Lofts am Main auf dem Gelände der früheren Cellulose- und Papierfabrik Phrix im Hattersheimer Stadtteil Okriftel sind schon verkauft. Nach und nach nimmt der Umbau der viele Jahre leerstehenden Industriebrache Gestalt an. 230 Wohneinheiten sind geplant, 500 Menschen sollen in den aufwendig sanierten Gebäuden einmal leben – doch für ein etwa 120 Quadratmeter großes denkmalgeschütztes Backsteinhäuschen hat die Prinz von Preußen Grundbesitz AG, die dieses Projekt als Investor anstieß, nach Aussage von Unternehmenssprecherin Margit Schmitt „noch keine rechte Ideen“. Sogar über einen Verkauf der kleinen Immobilie werde nachgedacht, berichtet sie. Da es sich bei dem denkmalgeschützten Bau aber um die letzte Spur des einst regen jüdischen Lebens in Okriftel handelt, mehren sich in der Bevölkerung die Stimmen, die ein würdiges Gedenken auf dem Areal der alten Fabrik fordern.

          Heike Lattka
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Fürsprecher einer kleinen Dauerausstellung in dem Gebäude, die an die Geschichte „der Phrix“ und auch die jüdische Unternehmensfamilie Offenheimer und das jüdische Leben der früher selbständigen Gemeinde erinnern soll, sind die Arbeitsgemeinschaft Opfergedenken und der Hattersheimer Geschichtsverein.

          Wohltätige Familie Offenheimer

          Das Häuschen sei lange Jahre nicht nur als Bibliothek, sondern auch als jüdische Schule und Synagoge genutzt worden. Es müsse deshalb als ein Ort des Gedenkens an den Holocaust und die einst so wohltätige Familie Offenheimer bleiben, forderte die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft, Ulrike Milas-Quirin. An diesem Ort bündele sich Geschichte vom wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerzeit bis zu den dunklen Momenten der jüdischen Verfolgung und Beschäftigung von Zwangsarbeitern, erläuterte sie. Dort müsse eine Form der mahnenden Erinnerung gefunden werden, die sich nicht auf die Stolpersteine in Erinnerung an die 1938 in die Vereinigten Staaten geflüchtete Unternehmensfamilie beschränke. Dieses Ansinnen unterstützt auch der frühere Hattersheimer Bürgermeister und Vorsitzende des Geschichtsvereins Hans Franssen (SPD): Die letzten Spuren jüdischen Lebens dürften nicht aus Okriftel verschwinden, sagt er.

          Wohltäter: Unternehmer Philipp Offenheimer (1861 bis 1930)
          Wohltäter: Unternehmer Philipp Offenheimer (1861 bis 1930) : Bild: Foto: AG Opfergedenken

          Philipp Offenheimer sei eine weit über die Grenzen des Ortsteiles hinaus prägende Gestalt des Unternehmertums der Gründerzeit gewesen, berichtet Milas-Quirin. Die 1886 gegründet Papierfabrik war in ihrer Zeit für viele Jahrzehnte neben den Farbwerken Hoechst und dem Opel-Werken in Rüsselsheim der wichtigste Arbeitgeber in der Region. Offenheimer engagierte sich als Mäzen und trug zum Beispiel dazu bei, dass die Gemeinde an die elektrische Beleuchtung angeschlossen wurde. Er unterstützte die Feuerwehr und half mit beim Bau des Rathauses. Für seine Belegschaft gründete der Fabrikant eine Arbeiterstiftung.

          Nach dem Tod des Gründers übernahmen Sohn und Schwiegersohn die Unternehmensleitung, bis sie 1938 die Fabrik nach immer stärker werdender Schikanen durch die Nationalsozialisten zu einem Spottpreis an den Berliner Unternehmer Friedrich Minoux verkaufen mussten. Dieser hatte nach Aussage von Milas-Quirin den Rückhalt in der Industrie- und Handelskammer Frankfurt und bei den NS-Funktionären in der deutschen Wirtschaft, was sich auch darin zeige, dass dessen Villa 1942 trauriger Schauplatz der Wannsee-Konferenz gewesen sei. Unsichtbar bleibe auf dem Phrix-Gelände bisher auch das Schicksal von mindestens 152 Männern, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in der Phrix-Fabrik zu Schwerstarbeit gezwungen worden seien.

          Gestaltungsspielraum: Was mit dem kleineren Backsteinbau passieren soll, auf dessen Areal einst eine jüdische Schule und eine Synagoge waren, ist noch offen
          Gestaltungsspielraum: Was mit dem kleineren Backsteinbau passieren soll, auf dessen Areal einst eine jüdische Schule und eine Synagoge waren, ist noch offen : Bild: Marcus Kaufhold

          Milas-Quirin erinnerte an das Planungskonzept, das Stadtentwickler Albert Speer und Partner 2016 im Auftrag des Investors für die Umgestaltung des Gebäudebestands vorgelegt hatte. Dort heiße es ausdrücklich: „Zur Dokumentation der zum Teil schmerzvollen Standortgeschichte, vor allem während des Zweiten Weltkrieges, ist geplant, die Jüdische Schule als Denkmal zu erhalten und einer Ausstellungsnutzung zu Denkmal-Werten der ehemaligen Phrix-Werke zuzuführen.“ Nichts anderes wolle die AG Opfergendenken erreichen, sagt Milas-Quirin.

          Auf Schützenhilfe von der Stadt Hattersheim kann sie zur Durchsetzung ihres Anliegens nicht bauen. Der im städtebaulichen Vertrag mit der Prinz Preußen Grundbesitz AG vereinbarte Infrastrukturausgleich sei in Form einer Rad- und Fußwegeverbindung entlang des Mains und durch einen Beitrag zum Bau einer neuen Kindertagesstätte erfüllt, sagte ein Sprecher von Bürgermeister Klaus Schindling (CDU). Deshalb stehe der Investor „in keinerlei Bringschuld gegenüber der Stadt“.

          Zukunftsfragen: Das Backsteinhaus (linkes Bild, Bildmitte) könnte eine Ausstellung beherbergen, während aus der Fabrik ein Wohngebiet wird. Fotos Kaufhold

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