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Früchteklau : Auf Patrouille durch die Obstplantagen

  • -Aktualisiert am

Kirschenanbau als Hobby: Der ehemalige Lehrer Werner Margraf bei der Ernte in Ockstadt. Bild: Helmut Fricke

Die Kirschenbauern im hessischen Ockstadt ärgern sich über Diebstähle auf den Obstwiesen. Doch auch der Klimawandel macht ihnen zu schaffen.

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          Werner Margraf greift sich mit einem Lächeln an den Bauch. Soll heißen: „Ich esse auch ganz gerne, was ich ernte.“ Zum Ende der Kirschenernte hat der drahtige Ockstädter deshalb immer etwas mehr auf den Rippen. Aber das nehme er gerne in Kauf, sagt er. Schließlich enthalte das Steinobst neben relativ viel Fruchtzucker auch viele gesunde Stoffe.

          Margraf ist ein gefragter Experte in Sachen Kirschen. Als zweiter Vorsitzender des örtlichen Obst- und Gartenbauvereins ist er ein kundiger Gesprächspartner, als Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins weiß er die Kirsche an sich sogar geschichtlich einzuordnen. Denn wer früher etwas auf sich hielt, der hatte einen Garten mit Kirschbäumen. Den durfte das einfache Volk selbstredend nicht betreten. Und fand sich doch ein Dieb in den Bäumen, dann bekam ihm das nicht gut. „Daher kommt das Sprichwort, mit dem ist nicht gut Kirschen essen“, sagt Margraf.

          „Ganze Grundstücke abräumen“

          Tausend Bäume bewirtschaftet der Ockstädter. Ein reines Familienprojekt, denn Erntehelfer beschäftigt er – zumindest in dieser Saison – überhaupt nicht. Deshalb gibt es reichlich Arbeit, die nicht erst im Frühsommer beginnt. Geerntet werde normalerweise vom 1. Juli an. Aber was ist angesichts des Klimawandels und Corona-Pandemie schon normal? In diesem Jahr wurden die ersten Früchte zwei Wochen früher geerntet, teilweise sogar noch zeitiger.

          Arbeit mache das Gehölz das ganze Jahr hindurch, wie Margraf erzählt. Mit Schnitt, Pflege und Ernte kennt sich die Familie seit langem aus. Neu seien allerdings Diebesbanden, die durch die Obstplantagen ziehen und „ganze Grundstücke abräumen“, berichtet Margraf. „Mundraub hat es schon immer gegeben, aber das hier sind Profibanden, die in der Dunkelheit mit Stirnlampen einfallen.“ Das Dumme: Die Täter seien von den legalen Erntehelfern nicht zu unterscheiden und könnten oft entsprechend unbehelligt abräumen.

          Auf frischer Tat erwischen

          Auch Ortsvorsteher Günther Weil weiß um die Diebstähle, die seit einigen Jahren zunehmen. Neben dem Ernteverlust sei auch der Schaden an den Bäumen durch abgerissene und abgeknickte Äste zu beklagen. Viele forderten ihn auf, das Ordnungsamt einzuschalten, damit sich die Beamten der Sache annähmen. „Das ist allerdings nicht Aufgabe des Ordnungsamts“, sagt Weil. Seit einigen Jahren setze man nun in Ockstadt auf ein Detektivbüro aus dem Ort. Die Security-Männer patrouillieren in den Abendstunden mit mehreren Wagen in den Wiesen, um Diebe möglichst auf frischer Tat zu erwischen. Die Täter werden im besten Fall gestellt, um sie der Polizei zu übergeben. „Für die Obstbauern ist das alles eine Riesenkatastrophe“, sagt Margraf. Ebenfalls ärgerlich: Die meisten, die Kirschen stehlen, machen das auf Armeshöhe. Und wenn die Bäume unten abgegrast seien, dürfe er sich mit der Leiter in die oberen Äste begeben, um seine eigene Ernte einzufahren.

          Die Polizei in Friedberg kennt die Schwierigkeiten. „Das Thema hat uns in den vergangenen Jahren immer wieder beschäftigt“, sagt Pressesprecherin Corina Weisbrod. Dass viel mehr gestohlen werde als früher, könne sie nicht bestätigen. „Wir können natürlich nur etwas zu den Fällen sagen, die tatsächlich angezeigt werden“, sagt Weisbrod. Momentan liegen den Beamten etwa eine Handvoll Fälle vor, die entweder von der Detektei oder von den Obstbauern direkt angezeigt wurden. In der Regel würden aber nicht mehr als zwei bis vier Kilogramm gestohlen, vergangenes Wochenende seien es jedoch größere Mengen gewesen. Hinzu komme der Schaden an den Bäumen.

          Spaß nicht nehmen lassen

          Das alles nervt Margraf. Aber den Spaß an seinem Hobby möchte er sich dennoch nicht nehmen lassen. Auch wenn inzwischen vieles gegen den Anbau spricht. Allein die trockenen Gerippe, die zwischen den rotgetupften Bäumen in der Reihe stehen, zeugen von den neuen Sorgen der Obstbauern. Es ist einfach zu trocken.

          Auch nach den ergiebigen Regenfällen vor einigen Wochen habe sich an dem niedrigen Grundwasserspiegel und der durchdringenden Trockenheit in tieferen Erdschichten nichts geändert. „Wahrscheinlich habe ich auch den Fehler gemacht, zu spät zu wässern“, sagt Margraf – zu sich selbst. Einige Bäume haben mehr Wasser bekommen, die tragen jetzt deutlich dickere Früchte. Obwohl auch diese nicht mit denen aus früheren Zeiten mithalten können. „Das sind höchstens Vierundzwanziger“, schätzt er. Und meint damit die Fruchtgröße, die in Millimetern gemessen wird. Ziel seien aber mindestens 28, besser 30 Millimeter. Die kleineren Kirschen könnten nicht verkauft werden, die Familie verarbeite sie zu einem Kirschen-Secco.

          Doch trotz aller Widrigkeiten möchte Margraf, der von Beruf Lehrer ist, nicht auf seine Obstbäume verzichten. Und er hofft, dass seine Kinder die Tradition fortführen. Seine Tochter ist Agraringenieurin und hat das notwendige Wissen. „Tradition verpflichtet“, findet er. Schließlich sei Ockstadt das Kirschendorf, und das wolle man auch bleiben.

          Um Platz für Neues zu machen, will er aber das Grundstück, auf dem er an diesem Morgen steht, komplett roden und neu bepflanzen. Allerdings erst von Oktober an, da die Arbeiten nur zwischen Oktober und März zulässig sind. Neue Kirschbäume sollen dann die alten ersetzen. Dass die Gehölze nur noch 15 bis 20 Jahre alt würden, müsse bedacht werden. Früher konnte ein Kirschbaum durchaus zwischen 50 und 80 Jahre stehenbleiben, sagt Margraf. Aber das Gute ist: Früchte trage er nach wie vor schon vom zweiten Jahr an.

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