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Hessen : Freiwilligendienste weniger gefragt

Hilfestellung: Nur ein kleiner Teil der jungen Leute entscheidet sich für den Dienst an der Gesellschaft. Bild: dpa

Das Interesse an einem freiwilligen sozialen oder ökologischen Jahr war trotz der Pandemie stabil. Doch nun gehen die Bewerberzahlen deutlich zurück. Nicht nur Sportverbände und Vereine leider darunter.

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          Die Bewerberzahlen für Freiwilligendienste in Hessen sind in diesem Jahr zurückgegangen. Wie verschiedene Träger berichten, haben sich deutlich weniger Menschen um einen Freiwilligendienst für den Jahrgang 2022/2023 beworben als ein Jahr zuvor. Zwar liegt die amtliche Statistik erst am 1. Dezember vor. Viele Träger berichteten aber schon jetzt von einem deutlichen Rückgang, zumal die meisten Stellen zum 1. September besetzt werden.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Größter Anbieter und Vermittler von Freiwilligenplätzen in Hessen ist das Unternehmen Volunta, eine Tochtergesellschaft des Deutschen Roten Kreuzes. „Es gibt einen Bruch. In Spitzenzeiten haben wir 2000 Leute. In diesem Jahr sind wir glücklich, wenn 1650 anfangen“, sagt Christine Orth, Sprecherin von DRK-Volunta.

          Verunsicherung bei jungen Menschen

          Sie vermutet, dass viele junge Menschen in der Pandemie die Orientierung verloren haben und noch nicht wissen, wie sie ihre Zukunft gestalten sollen: „Die Corona-Zeit hat zu einer solchen Verunsicherung geführt, dass man gerne mal zu Hause bleibt.“ Volunta vermittelt vor allem Stellen im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), beispielsweise im Hausnotruf und Blutspendedienst, aber auch in Kitas und Schulen, in der Pflege und in psychiatrischen Einrichtungen.

          In Hessen bieten mehr als 30 Träger Freiwilligendienste an. Sie haben sich in der Landesarbeitsgemeinschaft Freiwilligendienste Hessen zusammengeschlossen. Deren Sprecher Nathanael Seitz berichtet, dass einige Träger einen Rückgang beobachten: „Sie liegen hinter den üblichen Werten zurück.“ 2021 hatten 5772 Personen in Hessen ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. Das entspricht einem Anteil von 8,5 Prozent an der jungen Bevölkerung zwischen 16 und 27 Jahren. Hinzu kommen rund 1200 sogenannte Bufdis, die einen Bundesfreiwilligendienst absolvieren.

          Die Anzahl der Freiwilligen hatte sich 2020 und 2021 im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit kaum verändert. Seitz führt das darauf zurück, dass Freiwilligendienste auch in der Pandemie möglich blieben: „Viele Angebote sind in der Corona-Zeit weggebrochen, die Freiwilligendienste wurden aber nicht ausgesetzt.“ Seitz hofft, dass sich offene Stellen noch besetzen lassen. Viele Plätze würden erst im Herbst besetzt, es gebe erfahrungsgemäß einige Bewerber, die sich erst spät entschieden.

          Inzwischen haben die Dienste aber wieder mehr Konkurrenz bekommen. Der Landesfeuerwehrverband Hessen berichtet von einem deutlichen Rückgang. Gab es in den Vorjahren stets zwischen 37 und 41 Bewerber, so seien es in diesem Jahr nur 28. Nur zwei Drittel der verfügbaren FSJ-Stellen in Hessen seien bislang besetzt worden. „Sicherlich spielen die nun wieder bestehenden Präsenzveranstaltungen an Hochschulen sowie weitere Ausbildungsangebote genauso eine Rolle wie das Bedürfnis, die Einschränkungen der vergangenen Jahre zu kompensieren“, meint Geschäftsführer Harald Popp. Die Sprecherin der Sportjugend Hessen bestätigt den Trend. Zwar laufe das Bewerbungsverfahren noch, aber die Nachfrage sei um rund ein Drittel zurückgegangen. „Wir bekommen unsere Stellen nicht mehr besetzt“, sagt sie. Die Sportvereine und Verbände litten darunter.

          Die Angebote wurden vielfältiger

          Auch Annelie Ohl berichtet von einer geringeren Nachfrage. Sie koordiniert in der Landesvereinigung Kulturelle Bildung die Vergabe von 135 Stellen in kulturellen Einrichtungen in Hessen. Dort haben sich die Bewerberzahlen halbiert: Habe es vor zehn Jahren noch acht Bewerbungen auf einen Platz gegeben, so seien es aktuell nur noch vier. Zwölf Stellen seien derzeit noch unbesetzt. Ohl meint, dass es heutzutage weniger Einschränkungen gebe als auf dem Höhepunkt der Pandemie, die Angebote seien vielfältiger geworden.

          „Jugendliche tendieren eher dazu, wieder ins Ausland zu gehen. Sie haben einen großen Drang, rauszukommen und sich die Welt anzuschauen.“ Außerdem habe in der Corona-Zeit auch das ehrenamtliche Engagement gelitten. Jugendliche, die sich ohnehin schon sozial engagierten, schlössen oft ein Freiwilliges Soziales Jahr an. „Da fehlt der natürliche Übergang“, meint Ohl.

          Eine Referentin für Freiwilligendienste im Bistum Fulda berichtet, dass die Bewerberzahl dort um rund zehn Prozent zurückgegangen sei. Sie erklärt sich das damit, dass es wieder mehr Optionen gibt als auf dem Höhepunkt der Pandemie. Der Freiwilligendienst sei auch für potentielle Studienanfänger attraktiv gewesen, weil die Onlinelehre an den Hochschulen und das eingeschränkte Studentenleben abgeschreckt hätten. Freiwilligendienste seien zudem auch für junge Menschen interessant gewesen, deren Plan, in der Gastronomie zu jobben, in der Pandemie nicht realisierbar war. Nun seien solche Tätigkeiten nicht mehr eingeschränkt.

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