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Zeugen widersprechen sich : Freispruch im Prozess um angeblichen Angriff auf syrische Kinder

Prozess: Ein 41 Jahre alter Mann soll eine Gruppe von jungen Syrern am S-Bahnhof Schwalbach beleidigt und verletzt haben. Bild: dpa

Ein 41 Jahre alter Mann soll eine Gruppe von jungen Syrern am S-Bahnhof Schwalbach beleidigt und verletzt haben. Im Prozess widersprechen sich die Zeugen. Sogar die Staatsanwältin fordert einen Freispruch.

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          Die Anklage war schwerwiegend: Einem Mann aus Wiesbaden ist am Dienstag vor dem Amtsgericht Königstein ein fremdenfeindlicher Angriff auf Flüchtlingskinder zur Last gelegt worden. Doch nach vier Stunden voller widersprüchlicher Zeugenaussagen ließ die Staatsanwaltschaft ihre Vorwürfe fallen und beantragte Freispruch für den Angeklagten. Das Amtsgericht folgte dem, so dass der 41 Jahre alte Jürg N. als Unschuldiger den Gerichtssaal verlassen konnte.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Anklageschrift war ihm unterstellt worden, er habe im Juli des vergangenen Jahres am S-Bahnhof Schwalbach-Nord eine Gruppe aus acht jungen Syrern mit einem Schlagstock angegriffen und die Kindern und Jugendlichen mit Reizgas verletzt, nachdem er sie als „Insekten“ und „Parasiten“ beleidigt hätte.

          In ihrem Plädoyer gab Staatsanwältin Eva Croissant schließlich zu, weder die Misshandlung noch die Beleidigung könne nachgewiesen werden. Sie glaube zwar, es habe bei der Begegnung am S-Bahnhof zwischen dem Angeklagten und einem der Jugendlichen wechselseitige Beleidigungen gegeben. Aus den Aussagen der jungen Syrer sei aber der genaue Wortlaut nicht zu ermitteln.

          Keinen Beweis für Reizgas-Angriff

          Nicht zu widerlegen sei vielmehr die Aussage des Angeklagten, zwei männliche Jugendliche aus der Gruppe hätten ihn bedrängt und bedroht. Für den Einsatz von Pfefferspray gebe es keinen Beweis. Das gehe aus der Aussage eines Polizeibeamten hervor, direkt nach dem Vorfall mit den Jugendlichen gesprochen habe. Nach dessen Worten waren ihre Augen nicht gerötet. Wäre tatsächlich der Reizstoff versprüht worden, wäre dessen extreme Wirkung nicht zu übersehen gewesen, sagte die Staatsanwältin.

          In der Urteilsbegründung hieß es, die Schilderung des Angeklagten sei schlüssiger als die unterschiedlichen Versionen des Geschehens, welche die drei Zeugen aus der Gruppe der jungen Syrer, zwei männliche Siebzehnjährige und ein vierzehnjähriges Mädchen, vor Gericht präsentiert hätten. Ein Siebzehnjähriger hatte behauptet, eine Verletzung an der Schulter erlitten zu haben, weil der Angeklagte ihn gegen ein Metallgeländer gestoßen habe. Mal war von der rechten, mal von der linken Schulter die Rede. Ein ärztliches Attest legte der Zeuge aber nicht vor.

          Zeugenaussagen sind widersprüchlich

          Nach Auffassung des Gerichts war auch die Schilderung der Zeugen zu den eingesetzten Waffen widersprüchlich. Die Jugendlichen sprachen am Dienstag in ihren Aussagen von Pfefferspray, von einem Schlagstock und von einem Nunchaku, einer Waffe aus Asien, die aus zwei Stöcken besteht, die mit einer Kette verbundenen sind. Mal hieß es, der Mann habe erst das Nunchaku und dann plötzlich den Schlagstock in der Hand gehabt, mal soll er alle drei Waffen gleichzeitig geführt haben.

          Der Angeklagte selbst gab an, beim Entgegenkommen auf der Treppe der Bahnstation habe es ein Wortgefecht gegeben. Einer der jungen Männer habe gefragt, ob er dessen Schwester „angemacht“ habe, und ihn „Hurensohn“ genannt. Dagegen habe er sich verbal gewehrt, sagte Jürg N. Die Gruppe habe sich entfernt, er habe ihnen nachgerufen „Allah stinkt“, das sei ein Fehler gewesen. Zwei männliche Jugendliche hätten ihn verfolgt, so dass er Angst bekommen habe.

          Deshalb habe er einen zusammenklappbaren Selfie-Stick, eine Stange zum Fotografieren aus seinem Gepäck, schützend vor sich gehalten. Der Angeklagte sagte, er habe Deodorant versprüht in der Absicht, die Angreifer sollten es für Pfefferspray halten und sich entfernen. Einer der Jugendlichen habe Steine aus dem Gleisbett nach ihm geworfen, ihn aber verfehlt. Der Jugendliche gab die Steinwürfe zu.

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