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Hilfskonvoi für Ukraine : Eine Nacht bis zum Krieg

Übergabe an der Grenze: Der ukrainische Arzt Jaroslaw M. wird sie in Lemberg verteilen. Michael Gierse lädt eine Kiste mit Nahrungsmitteln aus. Bild: Theresa Weiß

Freiwillige Helfer fahren Kartons voller Desinfektionsmittel, Nudeln und Windeln in die Ukraine. Diese Hilfe ist zwar nur ein Tropfen auf dem heißen Stein – aber vor Ort wird jede Kiste gebraucht.

          6 Min.

          Omar Abu Rashed würgt den Motor ab. Zum ersten Mal, nach 1300 Kilometern. Von Frankfurt bis in einen winzigen polnischen Ort ist er gefahren. Ruhig und sicher, alle zwei Stunden im Wechsel mit seinem Kollegen Michael Gierse, nie hat er den Schulterblick vergessen. Jetzt sind die beiden Männer an der polnisch-ukrainischen Grenze, der Transporter rollt auf die Absperrung zu, die die Europäische Union von dem Land trennt, das seit dem 24. Februar von russischen Streitkräften attackiert wird. Fast geschafft. Aber nun müssen sie die chirurgischen Handschuhe, die Kanister voll Desinfektionsmittel und die Spritzen noch dorthin kriegen, wo sie gebraucht werden: in die Ukraine. Die zwei Männer sind nervös: Wird man sie durchlassen? Der Motor springt wieder an. Und Omar Abu Rashed steuert langsam auf den Schlagbaum zu.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es wird keine Spazierfahrt, das ist den beiden klar, als sie 16 Stunden zuvor in den Transporter geklettert sind. 1300 Kilometer durch die Nacht, bis zum Krieg. Die Autobahn 4 führt von Nordhessen durch Deutschland und Polen direkt bis nach Lemberg in der Westukraine. Omar Abu Rashed hat einen Notfallschlafsack eingepackt, man weiß ja nie. Michael Gierse hat nur ein paar Flaschen Wasser, eine Brotdose mit Gemüsefrikadellen und 300 Euro Spenden für den Tank dabei. Der Plan lautet: Hilfsgüter in Frankfurt und Hanau einsammeln, an die ukrainische Grenze bringen, sie dort irgendwie an Galina und Jaroslaw aus Lemberg übergeben, dann schnell zurückkommen, damit der nächste Transport losfahren kann.

          Die zwei Männer sind keine Kraftfahrer. Sie arbeiten bei Union Investment als Fondsmanager. Eigentlich beobachten sie die Weltlage und analysieren, wie diese sich auf den Aktienmarkt auswirken könnte. Jetzt sind sie von ihrem Arbeitgeber freigestellt und fahren Richtung Osten. Vielleicht sind sie der Weltlage in diesem Moment aber näher als sonst.

          Spritgeld, Windeln und Konserven

          Los geht es an der Zeppelinallee 25 im Frankfurter Westend. Dort hat Halina, eine Ukrainerin, die seit einigen Jahren in Frankfurt lebt, ein Lager für die vielen Sachspenden gefunden. Gebraucht werden vor allem Nahrung, Verbandsmaterial, Hygieneartikel und Medikamente. Halina, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, weiß das, weil ihre Schwägerin Galina in der Nähe von Lemberg in einem Krankenhaus arbeitet. Dort sieht sie, welche Auswirkungen der Krieg hat und was fehlt.

          Omar Abu Rashed und Michael Gierse fahren die Hilfsgüter in die Ukraine.
          Omar Abu Rashed und Michael Gierse fahren die Hilfsgüter in die Ukraine. : Bild: Theresa Weiß

          Jeden Tag bringen Frankfurter an der Zeppelinallee Hilfsgüter vorbei. Autos halten, ausgeladen werden Babynahrung, Windeln, Konserven. Einige Großspenden und etwas Geld für den Sprit hat der Lions Club Frankfurt-Römer organisiert. Die Fahrer sucht Halina privat. Michael Gierse kennt sie über dessen Frau. Als sie ihn fragte, ob er die Reise auf sich nehmen würde, sagte er sofort Ja. Einen zweiten Fahrer suchte er im Intranet seiner Firma. Omar Abu Rashed antwortete innerhalb von Minuten.

          Der erste Stopp wenige Kilometer hinter Frankfurt: ein Vereinsheim von Bundeswehrreservisten in Klein-Auheim. Dort sollen noch medizinische Hilfsgüter im Wert von mehreren Tausend Euro eingeladen werden; auch die hat der Lions Club eingeworben. Dieser Krieg bringt zusammen, was sonst kaum zusammenfindet: Die Mitglieder des Lions Clubs, die Fondsmanager, zwei Reservisten, vier ukrainische Bauarbeiter und eine Frau, die für alle Chili gekocht hat, packen die Kisten in den Transporter. Um 18 Uhr rollt der Wagen Richtung Autobahn.

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