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Frankfurter Flughafen wird 75 : Experiment mit Folgen: Der lange Weg zum Ausbau

Solche Szenen des Protests wie hier im November 1981 vor dem Bau der Startbahn West gab es vor dem Bau der neuen Landebahn nicht - Protest in anderen Ausprägungen aber schon: Bild: dpa

Vom Tabubruch zum Experiment mit Folgen: Der Ausbau des Frankfurter Flughafens ist das am akribischsten vorbereitete und am intensivsten durchleuchtete Infrastrukturprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik.

          Fast wirkt es so, als habe sich alles gefügt, dass die Nordwestlandebahn rechtzeitig zum Jubiläum fertig wird. Kaum einer redet noch davon, dass nach den ursprünglichen Planungen diese Zukunft auf Rhein-Main eigentlich schon zwei oder drei Jahre früher hätte beginnen sollen. Dann wäre aber, wie mancher Flughafenmanager nun mit Erleichterung konstatiert, die neue Landebahn ausgerechnet in einer kurzen Phase des Abschwungs als Folge der Finanzkrise fertiggestellt worden.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bei Projekten dieser Dimension sind Verzögerungen allerdings ohnehin üblich. In Frankfurt kam hinzu, dass die Idee des abermaligen Ausbaus Mitte der neunziger Jahre und damit zu einer Zeit formuliert wurde, als eine Expansion jenseits „des Zauns“ trotz der ungebremst weiter steigenden Nachfrage der Fluggesellschaften noch als Tabu galt. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hatten sich dieses Versprechen stillschweigend gegeben. Der Schrecken über die Eruption der Gewalt an der Baustelle Startbahn West saß ein knappes Jahrzehnt nach den Todesschüssen noch immer tief.

          Die Lehren aus dem Kampf um die Startbahn West

          So gesehen, war die Arbeit der vergangenen zweieinhalb Jahre, in denen 220 Hektar Wald gerodet, die 2800 Meter lange Landebahn nebst Rollwegen in 100.000 Kubikmeter Beton gegossen und zwei gigantische Brücken über die Autobahn gelegt wurden, die bei weitem leichtere Übung im Vergleich dazu, den Widerstand gegen das Projekt in den Köpfen zu überwinden. Heute noch kann die Behauptung, eine schweigende Mehrheit im Umfeld des Flughafens sei, um die Wirtschaft zu stärken und Arbeitsplätze zu sichern, schon lange für den Ausbau gewesen, Menschen anderer Meinung in Rage bringen. Die Ungewissheit, wie stark die Expansion des Luftverkehrs das Leben im Umfeld des Flughafens beeinträchtigen wird, ist bei einem großen Teil geblieben.

          Szenen des Protests gegen den Flughafenausbau: Campierer im mittlerweile gerodeten Kelsterbacher wald, aufgenommen im Juni 2008

          Es ist freilich eine Ungewissheit auf hohem Niveau. Der Ausbau des Frankfurter Flughafens ist das am akribischsten vorbereitete und am intensivsten durchleuchtete Infrastrukturprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik. Eine Lehre aus dem Bau der Startbahn West, aus der Eskalation lautete: nie wieder Hass und Gewalt am Bauzaun, lieber ein Gremium und ein Dutzend Gutachten mehr. Und viel Geduld, wenn es gilt, ein Hüttendorf zu räumen und Umweltaktivisten aus den zu rodenden Bäumen abzuseilen.

          So holprig die Mediation, das Experiment, einen Konsens über den eigentlich nicht konsensfähigen Ausbau zu finden, auch verlaufen war und so groß der Spielraum für Interpretationen etwa in der Frage der Nachtflüge auch elf Jahre später geblieben sein mag: Dieser Versuch, das Für und Wider öffentlich abzuwägen, wirkt heute noch insofern nach, als man sich überwiegend in der Sache auseinandersetzt, so hoch die Emotionen auf mancher Bürgerversammlung auch schlagen mögen. Das Wagnis, das damals die rot-grüne Landesregierung unter Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) allein schon deswegen eingehen musste, weil die Koalition vermutlich auseinandergebrochen wäre, hätte man sofort entscheiden müssen, war seiner Zeit weit voraus, wie nicht zuletzt „Stuttgart 21“ gezeigt hat.

          Der Lärm um den Flughafen wird zunehmen

          Andererseits wird am Ausbau des Frankfurter Flughafens deutlich, wie mühevoll es auch künftig sein wird, auf diese Weise erzielte Kompromisse in die tradierten, rechtsförmigen Prozesse einfließen zu lassen. Exempel Nachtflugverbot: Es galt den Mediatoren als unumstößliches Junktim, sollte der Flughafen mitten im Ballungsraum tatsächlich eine vierte Betonpiste erhalten. Über Tausende Seiten juristischer Schriftsätze hinweg ist inzwischen die einst vermeintlich klare Bedingung zu einer völlig offenen Frage geworden. Ende des Jahres könnte das Bundesverwaltungsgericht darüber entscheiden.


          Der Lärm wird insgesamt zunehmen, wenigstens darin sind sich alle einig. Das wird sich trotz aller Anstrengungen, schonendere An- und Abflugverfahren zu entwickeln, nicht vermeiden lassen. Von derzeit etwas mehr als 500 000 Starts und Landungen im Jahr auf 700 000 bis 2020 soll nach den Prognosen die Kapazität des Frankfurter Flughafens steigen. Angesichts der aktuellen Steigerungsraten des internationalen Luftverkehrs könnte die Marke sogar schon früher erreicht sein.

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