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Frankfurter Flughafen : „Ohne Klagemöglichkeit vom Ausbau betroffen“

  • -Aktualisiert am

Die geplanten neuen Anflugrouten zum Frankfurter Flughafen rufen bei den Bürgern Kritik hervor Bild: dpa

Auf einer Veranstaltung zu den geplanten neuen Anflugrouten zum Frankfurter Flughafen machen viele Bürger ihrem Ärger Luft.

          3 Min.

          Mit heftiger Kritik haben Besucher einer Informationsveranstaltung zum Thema Flugrouten in Heusenstamm die Vorschläge des „Forums Flughafen und Region“ bedacht, die Anflugrouten zum Frankfurter Flughafen zu ändern. Etwa 1200 Personen füllten das Haus; zahlreiche Interessenten wurden aus Platzgründen nicht mehr ins Kultur- und Sportzentrum Martinsee eingelassen. Zu der fast vierstündigen Veranstaltung mit Vertretern des Forums und weiteren Fachleuten hatten die Bürgermeister von Hainburg, Heusenstamm, Mainhausen, Neu-Isenburg, Obertshausen, Rodgau und Seligenstadt gemeinsam mit ihrem Amtskollegen aus Großkrotzenburg eingeladen. Die acht Städte und Gemeinden befürchten, dass sie künftig deutlich stärker von Fluglärm belastet werden.

          Bisher verläuft die Anfluggrundlinie von Osten her über Hanau, Mühlheim und Offenbach. Die neue Anflugroute sieht vor, die Maschinen zunächst südlich der bisherigen Linie zu führen. Zwei Routen, die von Hainburg und Seligenstadt her kommen, treffen sich bei Obertshausen; erst etwa neun Kilometer vor dem Flughafen – bei Neu-Isenburg – schwenken die Flugzeuge auf die bisherige Anfluggrundlinie ein. Die Vorschläge gehören zum Maßnahmenpakets des Expertengremiums „Aktiver Schallschutz“ des Forums. Im Dezember soll nachts der Probebetrieb beginnen.

          „Wir wollen in Ruhe schlafen“

          „Wir wollen in Ruhe schlafen“: Mit diesem Sprechchor stimmten knapp 40 Grundschüler und Kindergartenbesucher aus Rembrücken die Besucher vor dem Eingang ein. Kurz vor Beginn der Veranstaltung zogen die Kinder durch die Halle; das Publikum spendete lauten Beifall.

          Der Heusenstammer Bürgermeister Peter Jakoby (CDU) sagte, die Empfehlung des Expertengremiums habe „nicht nur die politisch Verantwortlichen unserer Städte schockiert, sondern einen großen Teil unserer Mitbürger betroffen gemacht“. In den Kommunen habe man daraufhin eine Resolution gegen die neue Anflugroute und für ein Nachtflugverbot beschlossen. Quer durch die Parteienlandschaft sei „eine so große Übereinstimmung noch nie erzielt worden“. Nachträglich werde man vom Ausbau betroffen, „ohne vorher die Möglichkeit der Klage gehabt zu haben“.

          Forderung nach einem Nachtflugverbot müsse alle Betroffenen zusammenführen

          Landrat Oliver Quilling (CDU), der dem Vorstand des Forums angehört, wies darauf hin, insgesamt werde die Region durch das Maßnahmenpaket entlastet. Nach Ansicht von Quilling, der früher Bürgermeister von Neu-Isenburg war, muss die Forderung nach einem Nachtflugverbot alle Betroffenen zusammenführen. Seine Haltung sei seit jeher klar: „gegen den Ausbau und für das Nachtflugverbot“.

          Auch der Vorsitzende des Forums, Johann-Dietrich Wörner, äußerte die Hoffnung, dass das „Mediationspaket“ zum Flughafenausbau, das ein Nachtflugverbot vorsah, weitgehend wiederhergestellt werde. Man wisse, dass es beim ersten Maßnahmenpaket zum aktiven Schallschutz Regionen gebe, „die nicht von Anfang an zu den Gewinnern gehören“.

          Michael Kraft von der Deutschen Flugsicherung, der dem Expertengremium angehörte, stellte die Vorschläge vor. An einigen Stellen sei es nicht gelungen, „die Nachteile einer Maßnahme durch Vorteile einer anderen Maßnahme auszugleichen“. Nach Angaben von Regine Barth vom Öko-Institut verringert sich der Fluglärmindex durch die vorgeschlagenen Maßnahmen um rund 20 Prozent, bei den hochbelasteten Menschen in der Region um etwa 40 Prozent.

          „Großflächige Lärmkontamination“

          Viele Bürger gaben sich damit nicht zufrieden. Tobias Taetzner von der Heusenstammer Bürgerinitiative „Anflug mit Ruhe“ sprach sich dafür aus, tagsüber zu fliegen und die bisherigen Anflugrouten beizubehalten. Er äußerte Zweifel an der Belastungsbilanz, wonach in Offenbach, Mühlheim und Hanau rund 60 000 Personen weniger belastet und nur 22 000 Personen in Heusenstamm, Obertshausen, Rodgau und Neu-Isenburg/Gravenbruch mehr belastet würden. Setze man das Belastungskriterium herab, zeige sich, dass nur 30 000 Menschen entlastet würden, hingegen 79 000 in mehreren Kommunen mit mehr Lärm zu rechnen hätten. Taetzner sprach von einer „großflächigen Lärmkontamination“.

          Eberhard Greiser, Arzt und emeritierter Professor für Epidemiologie an der Universität Bremen, präsentierte die Ergebnisse seiner Studie in der Umgebung des Flughafens Köln. Danach steigt mit nächtlichem Fluglärm das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einer Krebserkrankung erheblich an.

          Eine Zuhörerin fragte nach einem „Evakuierungsplan für Kranke“. Ein anderer Redner kündigte an, man wolle mit Hilfe von Anwälten aus der Region versuchen, ein Nachtflugverbot durchzusetzen. Ein ehemaliger Pilot sagte, das Paket des Expertengremiums gehe zurück, „weil wir die Annahme verweigern“. Ein anderer Pilot bewertete den Anflug nach den neuen Routen als „schwierig, kompliziert und laut“. Er bezweifle, dass tatsächlich dort geflogen werde, wo es in den Karten eingezeichnet sei. Den zusätzlichen Kerosinverbrauch schätze er auf 500 Liter pro Flug. Kraft hielt dem entgegen, man könne „ohne weiteres“ nach dem neuen Verfahren fliegen.

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