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Frankfurt und Wiesbaden : Attraktiv für ambitionierte Zuwanderer

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In Frankfurt und Wiesbaden leben überdurchschnittlich viele leistungsorientierte und weltoffene Zuwanderer. Das geht aus einer neuen Erhebung des Marktforschungsinstituts Microm hervor.

          In Frankfurt und Wiesbaden leben überdurchschnittlich viele leistungsorientierte und weltoffene Zuwanderer. Das geht aus einer neuen Erhebung des Marktforschungsinstituts Microm hervor, das eigene Datenquellen mit den Erkenntnissen der Sinus-Studie über Migranten-Milieus verknüpft hat. Demnach ist in beiden Städten aber auch der Anteil von Zuwanderer-Jugendlichen mit unzureichender Lebensperspektive etwas höher als im Durchschnitt. Demgegenüber leben in Frankfurt und Wiesbaden weniger dem Arbeitermilieu zugehörige Migranten sowie weniger sozial entwurzelte und streng religiöse Zuwanderer.

          In der Sinus-Studie, die auch für das neue Integrationskonzept des Frankfurter Magistrats herangezogen wurde, werden acht Zuwanderermilieus in vier Gruppen voneinander unterschieden – und zwar nicht nach ethnischer Herkunft, sondern nach Wertvorstellungen und Lebensstilen. Zu den „Ambitionierten Milieus“ zählen die Forscher ein „Multikulturelles Performermilieu“ aus jungen, leistungsorientierten Migranten, die sich mit dem westlichen Lebensstil identifizieren, und ein „intellektuell-kosmopolitisches Milieu“. Diese beiden Lebenswelten sind der Micom-Studie zufolge in Frankfurt größer als im Bundesdurchschnitt; in Wiesbaden sind die Werte ähnlich.

          Wenig „entwurzelte“ Migranten

          In beiden Städten leben laut Micom auch mehr Migranten, die die Sinus-Studie zu einer zweiten Gruppe, den „Bürgerlichen Milieus“, zählt: eine pragmatische, moderne Mitte im „Adaptiven bürgerlichen Milieu“ und nach Wohlstand strebenden klassische Aufsteiger im „Statusorientierten Milieu“. Die Werte für das „Traditionelle Arbeitermilieu liegen in Frankfurt mit 11,8 und Wiesbaden mit 12,2 Prozent klar unter dem Bundesdurchschnitt von 16 Prozent. Diese Lebenswelt gehört in der Sinus-Studie gemeinsam mit jener der religiös-verwurzelten Menschen, die in den patriarchalischen und religiösen Traditionen der Herkunftsregion verhaften sind, zu den „Traditionsverwurzelten Milieus“, der dritten Gruppe. Der Anteil der Menschen, die religiösen Traditionen verhaftet sind, ist laut Micom-Untersuchung in Frankfurt und Wiesbaden etwas niedriger als bundesweit.

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          Die vierte Gruppe schließlich bilden die „Prekären Migranten-Milieus“: Dazu gehören sozial und kulturell entwurzelte Migranten und das „Hedonistisch-subkulturelle Milieu“ mit unangepassten Jugendlichen, die eine „defizitäre Identität und Perspektive“ haben und sich den „Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft verweigern“. Laut Microm leben in Frankfurt und Wiesbaden relativ wenige solcher „entwurzelten“ Migranten, unangepasste Jugendlichen dagegen ein wenig mehr als im Bundesdurchschnitt von 15 Prozent.

          Zu statisch

          Mit noch detaillierteren Berechnungen von Microm wird es möglich, Städte so zu kartographieren, dass deutlich wird, welche Milieus in welchen Vierteln stark repräsentiert sind. Die Stadt München hat solche Karten schon erstellen lassen. Auch Wiesbaden hat die Microm-Daten gekauft, sie aber noch nicht vollends ausgewertet und überprüft. Die Stadt erhofft sich von den Daten, „Stärken und Schwächen integrationspolitischer Maßnahmen“ deutlicher benennen zu können, wie Klaus Burgmeier, der stellvertretende Leiter der Integrationsabteilung im Amt für Zuwanderung und Integration sagt. Frankfurt hat die Daten bisher nicht erworben; sie könnten jedoch für die Erstellung einer eigenen Datensammlung interessant sein – zumal das neue Integrationskonzept sozialräumliche Analysen als wichtig erachtet.

          Mit den Sinus-Milieus hat sich auch der Frankfurter Gesellschaftswissenschaftler Thomas Kunz befasst. Er sieht die Gefahr, dass sie für ein Standortmarketing benutzt werden könnten – sprich eine Kommune damit werben könnte, dass in ihr „gute“, integrationszugewandte Milieus stärker vertreten seien als „schlechte“, integrationsabgewandte. Kunz hält die Benennung von eigenen Migranten-Milieus ohnehin für zu statisch. Besser sei es, zu schauen, wie Zuwanderer in den Lebenswelten der Gesellschaft allgemein repräsentiert sind, die Sinus auch identifiziert hat. Für eine gemeinsame Betrachtung sprechen Kunz zufolge zwei Feststellungen in der Sinus-Studie über Migranten: Erstens fänden sich Integrationsdefizite in den „unterschichtigen Milieus“ der Zuwanderer genauso wie in jenen der deutschen Bevölkerung. Zweitens seien viele, besonders in den modernen Zuwanderer-Milieus längst in der Mehrheitsgesellschaft „angekommen“.

          „Immer wieder neu bilden sich Gruppen und Milieus“

          Kunz sieht die derzeitige Diskussion über Integration als Indiz für eine „neue Phase der gesellschaftlichen Entwicklung“, in der es um die Identität der Gesellschaft gehe und die Frage, wer dabei mitreden dürfe. Begriffe wie „Leitkultur“ wertet er als Zeichen von „Abwehrreflexen“, mit denen eine bestimmte Art von Deutsch-Sein konserviert werden solle. Wer so argumentiert, befindet sich Kunz zufolge jedoch in einem „Rückzugsgefecht“. Er sieht es im Gegenteil als notwendig an, Zuwanderer nicht als Gefährdung zu sehen und - bezogen auf Muslime - beispielsweise Kopftücher oder Moscheen als Teil der deutschen Gesellschaft zu begreifen und nicht als einen Gegensatz zu ihr, was eine religionskritische Position nicht ausschließe.


          „Immer wieder neu bilden sich Gruppen und Milieus“, jenseits sozialer Schichten und Herkunftsgruppen, heißt es im Frankfurter Integrationskonzept, dem die Stadtverordneten morgen zustimmen wollen. Dieses enge und sich beständig wandelnde Miteinander sei anstrengend und erfordere „fortwährende Adaptionsleistungen“ von allen Gruppen und von jedem einzelnen. Integrationspolitik versteht das Konzept als eine auf dem Fundament des Grundgesetzes stehende „Strategie und ein System von Maßnahmen, die immer wieder neu Gemeinsamkeit herstellen“. Das Konzept soll ein mehrere Jahre gültiger Rahmen für die Integrationspolitik werden. Kunz wagt einen noch weiteren Blick in die Zukunft: „In 60Jahren wird die Gesellschaft Differenzen nicht mehr an Zuwanderern festmachen.“

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