https://www.faz.net/-gzg-9es65

Sexueller Missbrauch : Forscher beklagt mangelnden Aufklärungswillen in katholischer Kirche

  • Aktualisiert am

Erschüttert vom Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen als auch auch „der Umgang der Verantwortlichen damit“: Forscher Harald Dreßing. Bild: EPA

Die Katholische Kirche tut zu wenig, um Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche aufzuklären. Das meint der Wissenschaftler Harald Dreßing, der im Auftrag der Kirche an einer Studie gearbeitet hat.

          Der Wissenschaftler Harald Dreßing, der das Studienprojekt über Missbrauch in der deutschen katholischen Kirche geleitet hat, beklagt einen mangelnden Aufklärungswillen in weiten Teilen der Institution. Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen als auch auch „der Umgang der Verantwortlichen damit“ hätten die Forscher erschüttert, sagte Dreßing in Fulda bei der Vorstellung der Untersuchung (siehe auch Kasten unten).

          Er sagte, die Missbrauchsthematik sei keineswegs überwunden. „Das Risiko besteht fort“, sagte der forensische Psychiater, der am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim arbeitet. „Unsere Studienergebnisse legen nahe, dass es in der katholischen Kirche Strukturen gab und gibt, die den sexuellen Missbrauch begünstigen können“, sagte er.

          Gründe dafür seien beispielsweise der Missbrauch klerikaler Macht, die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) sowie ein innerkirchlich „problematischer Umgang“ mit dem Thema Sexualität, vor allem mit der Homosexualität.

          Dreßing sagte, wenn die Kirche die Missbrauchsthematik in Zukunft wirklich überwinden wolle, müsse sie sich mit diesen Themen „ernsthaft und mit dem Mut zur Veränderung“ befassen.

          Die Studie ergab unter anderem, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen. Dreßing gehört einem unabhängigen Forschungskonsortium an, das von der Deutschen Bischofskonferenz vor viereinhalb Jahren mit dem Studienprojekt beauftragt worden war.

          Offiziell 85 Missbrauchsopfer im Bistum Limburg

          Das Bistum Limburg hat sich im Umgang mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche selbstkritisch gezeigt. „Im Bistum Limburg sind wir in der Vergangenheit falsche Wege gegangen, uns diesem Thema wirklich zu stellen“, sagte Generalvikar Wolfgang Rösch anlässlich der Vorstellung einer Studie, die den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche in den vergangenen Jahrzehnten bundesweit dokumentiert. Bei dieser Aufarbeitung seien 85 Opfer von Übergriffen im Bistum bekannt geworden, teilte die Diözese mit. Es gebe 92 Beschuldigte, sowohl Priester als auch Diakone und kirchliche Mitarbeiter, ein Teil davon gilt als überführt.

          Rösch bat die Opfer um Entschuldigung. „Die Studie zeigt uns, dass wir aus Sorge um das Ansehen der Kirche die Folgen des Missbrauchs und das Leid der Opfer nicht genug wahrgenommen haben“, sagte er. Das dürfe sich nicht wiederholen. „Der Schutz der Opfer muss oberste Priorität haben“, sagte der Generalvikar. Nichts dürfe mehr vertuscht oder verschleiert werden. Das Bistum Fulda wollte ebenfalls noch am Dienstagnachmittag zur Studie Stellung nehmen.

          Die Untersuchung ergab unter anderem, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen. Kritikern geht die Analyse nicht weit genug. (lhe)

          Weitere Themen

          Fassbinder wird Frankfurter

          Filmgeschichte : Fassbinder wird Frankfurter

          Das neue Fassbinder Center eröffnet im Deutschen Filminstitut in Frankfurt. Fast der gesamte Nachlass des Filmregisseurs Rainer Werner Fassbinder wird hier zukünftig untergebracht.

          Topmeldungen

          Österreichs Regierung am Ende : Pech für die Wirtschaft

          Das Aus der schwarz-blauen Regierung ist folgerichtig. Doch wirtschaftlich hat das Bündnis mehr hinbekommen als die Vorgängerregierung. Hoffentlich fällt das Land nicht zurück in Stillstand.
          Die 45. Internationale Waffen-Sammlerbörse im März in Luzern

          Mit rund 64 Prozent : Schweizer stimmen für schärferes Waffenrecht

          Die Eidgenossen haben sich den Verbleib im Schengen-Raum gesichert: Eine Mehrheit sprach sich für die Übernahme der verschärften Waffenrichtlinie der EU aus. Bei einer Ablehnung wäre die Mitgliedschaft automatisch nach sechs Monaten erloschen.
          Werner Bahlsen

          Bahlsen gibt Fehler zu : „Es muss alles auf den Tisch“

          Der Bahlsen-Verwaltungsratsvorsitzende kündigt an, dass die Geschichte des Unternehmens fundiert aufgearbeitet werden soll. Was seine Tochter gesagt habe, sei falsch.

          Wie weiter mit dem Brexit? : Das britische System liegt in Trümmern

          Womöglich kann das britische Parlament einen „No Deal“ nach der Europawahl nicht mehr verhindern. Dann müsste die EU sich auch an die eigene Nase fassen – sie hat zur Polarisierung der Politik im Vereinigten Königreich beigetragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.