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Neues Coronavirus : Kein Klasse-Vier-Killer, aber nicht zu unterschätzen

Virus mit Kränzchen: Die S-Proteine bilden die „Corona“ Bild: EPA

Gießener Forscher haben an der Gen-Analyse des Erregers aus China mitgewirkt. Er ist eng mit dem Sars-Virus verwandt – über seine Gefährlichkeit sagt das wenig aus.

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          So unheimlich das neue Coronavirus auch ist: Zu den Schlimmsten der Schlimmen gehört es nicht. Für Labore, die mit potentiell gefährlichen Mikroorganismen arbeiten, gibt es vier Sicherheitsstufen, und der Erreger aus China wurde nur in die zweithöchste einsortiert. Die schärfsten Auflagen gelten für Viren, die kaum behandelbare und oft tödliche Erkrankungen verursachen: Ebola, Lassa, Pocken.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Sars-Coronavirus 2, wie es jetzt genannt wird, steht dagegen auf einer Stufe mit dem 2002 entdeckten Sars-Virus, dem Erreger der Spanischen Grippe von 1918 und dem Pestbakterium. Während mit Klasse-Vier-Killern nur in wenigen Hochsicherheits-Einrichtungen wie in Marburg hantiert werden darf, können Spezies der Stufe drei in einer Vielzahl entsprechend ausgestatteter Labore untersucht werden. Dazu gehört auch das Institut für Medizinische Virologie der Uni Gießen.

          Virus-Probe aus Deutschland im Labor

          „Wir haben das neue Coronavirus hier, sogar ein Isolat aus Deutschland“, sagt Institutsleiter John Ziebuhr. Die Proben könnten für Diagnostik und Impfstoff-Entwicklung verwendet werden. Um seine eigenen Forschungen voranzutreiben, braucht Ziebuhr sie nicht. Seit 2014 leitet der Professor eine Studiengruppe des Internationalen Komitees für die Taxonomie von Viren, die sich mit den Verwandtschaftsverhältnissen der Coronaviren beschäftigt. „Jedes Jahr schauen wir uns die Daten hunderter, tausender Viren an.“ In den vergangenen Wochen waren Ziebuhr und seine Kollegen damit beschäftigt, dem Einwanderer aus Wuhan seinen Platz im Stammbaum dieser Virenfamilie zuzuweisen.

          Wie der Vergleich des Erbmaterials ergeben hat, ähnelt der Verursacher der Lungenkrankheit Covid-19 – so lautet jetzt der offizielle Name – stark dem Erreger der Sars-Epidemie von 2002. Beide Viren gehören zu derselben Art, und beide sind von Tieren auf den Menschen übergesprungen. Ziebuhr warnt allerdings davor, aus dieser engen Verwandtschaft falsche Schlüsse zu ziehen. Obwohl die Erreger von Sars 1 und Sars 2 sich genetisch kaum voneinander unterschieden, seien die von ihnen verursachten Krankheiten nur eingeschränkt vergleichbar.

          Bei Viren genüge es schon, einige wenige Bausteine im Erbgut auszutauschen, um ihre Gefährlichkeit drastisch zu verringern oder zu erhöhen. Die besten Beispiele dafür seien das Masern-Wildtypvirus und der Stamm, der für Impfungen eingesetzt werde. „Beide sind nahezu identisch.“ Auch die Sars-Viren gleichen einander weitgehend. Entscheidend für Infektiosität und Krankheitsverlauf sind wohl vor allem einige Abweichungen in der Zusammensetzung der sogenannten S-Proteine. Diese mit Zuckerbestandteilen verbundenen Eiweiße sitzen auf der Oberfläche der Viren und sind sozusagen die Schlüssel, die ihnen Einlass in die Körperzellen verschaffen.

          Offenbar bewirken die Veränderungen im S-Protein, dass der Sars-2-Erreger leichter an die Zellen der oberen Atemwege andocken kann als der Sars-1-Typ. Das könnte die Ansteckungsgefahr erhöhen, gleichzeitig aber das Risiko schwerer Lungenentzündungen verringern. So ließe sich die nach jetzigem Erkenntnisstand geringere Todesrate während der aktuellen Sars-Epidemie erklären.

          „Schutzvorkehrungen absolut angemessen“

          Verharmlosen will der Virologe Ziebuhr die neue Krankheit aber keineswegs. Die Schutzvorkehrungen, die in China und anderen Ländern getroffen werden, hält er für absolut angemessen. Bisher habe sich das Virus genetisch kaum verändert, aber dies müsse nicht so bleiben. Als warnendes Beispiel nennt der Forscher den Erreger der Felinen Infektiösen Peritonitis – ein Coronavirus, das Katzen befällt. Praktisch alle steckten sich irgendwann damit an, sagt Ziebuhr. Die meisten Tiere blieben symptomfrei, doch bei einigen mutiere das Virus und verursache eine Bauchfellentzündung, die immer tödlich ende.

          Ziebuhr ist es lieber, wenn die Gefährlichkeit eines neuen Erregers zunächst überschätzt wird. So war es 2009 bei der Schweinegrippe. Sie wird vom einem Influenzavirus des Typs H1N1 verursacht, das nahe mit dem Erreger der Spanischen Grippe verwandt und doch weit weniger aggressiv ist. Nach Ziebuhrs Worten ein weiterer Beleg für die These, dass genetische Ähnlichkeit von Viren nichts über die Schwere der von ihnen verursachten Erkrankung aussagt.

          Impfstoff-Entwicklung schwieriger als bei Grippe

          Ein wichtiger Unterschied zwischen Sars2 und der Schweinegrippe ist, dass die Entwicklung eines Impfstoffs deutlich länger dauern dürfte. Vakzine gegen Influenza seien einfach herzustellen, sagt Ziebuhr; dafür gebe es vielfach erprobte Verfahren, die auf dem Baukastenprinzip beruhten. Für Coronaviren existiere eine solche Routine noch nicht.

          Wie stark der Druck auf die Impfstoffentwickler wächst, wird auch davon abhängen, wie oft Covid-19 schwer oder gar tödlich verläuft. Im günstigen Fall etabliert sich das neue Virus laut Ziebuhr als „ganz normaler Erreger“ von Atemwegserkrankungen. Und auch das wäre kein Bruch mit familiären Traditionen. Der Professor verweist auf Schätzungen, wonach fünf bis 20 Prozent aller grippalen Infekte – im Volksmund „Erkältung“ genannt – von Coronaviren ausgelöst werden.

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