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Gießener Forschung : Zweigleisig zu neuen Virus-Medikamenten

  • -Aktualisiert am

Kämpft gegen Covid-19: der Gießener Virologe Friedemann Weber Bild: Marcus Kaufhold

Eine Forschergruppe der Uni Gießen sucht nach Wirkstoffen gegen Corona – und will für künftige Pandemien eine Pipeline entwickeln. Doch mit schnellen Ergebnissen ist nicht zu rechnen.

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          Wo ist die Achillesferse des Coronavirus, das derzeit die Welt in Atem hält? Das internationale Netzwerk MAD-CoV-2 von neun Partnern aus Forschung und Industrie will das herausfinden und ein Medikament gegen den Krankheitsverlauf entwickeln. Von der Justus-Liebig-Universität Gießen ist eine Arbeitsgruppe der Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin unter Leitung von Friedemann Weber beteiligt. Die Europäische Union fördert das Projekt mit 3,75 Millionen Euro in den nächsten vier Jahren, 600.000 Euro fließen nach Gießen.

          Das Konsortium arbeitet zweigleisig. Zum einen geht es um eine schnell verfügbare Notfallmedizin, zum anderen darum, auch für künftige Virus-Pandemien gewappnet zu sein. Für Ersteres hat der österreichische Genetiker Josef Penninger einen vielversprechenden Ansatz gefunden. Die Blockierung des Rezeptors für das Enzym ACE 2 verhindert das Andocken des Sars-Virus. Eine klinische Studie dazu ist weit fortgeschritten.

          Friedemann Weber und seine Mitstreiter forschen auf der anderen Schiene, die langfristig angelegt ist. „Anhand von Sars 2 wollen wir eine Technologieplattform etablieren, die mit allen möglichen Viren umgehen kann. Einfach ausgedrückt: eine Pipeline, in die vorne ein Virus gesteckt wird und hinten ein Medikament herauskommt“, erklärt der Virologe.

          Wenn er über die Zusammenarbeit in dem Netzwerk spricht, klingt er regelrecht euphorisch. Die zentrale Frage laute: Was braucht das Coronavirus zur Vermehrung? Ziel sei es, zelluläre Faktoren zu finden, die für das Virus wichtig sind, für normale Körperzellen aber nicht. „Schließlich wollen wir möglichst geringe Nebenwirkungen“, sagt der Fünfundfünfzigjährige. Die Interaktion des Virus mit den Zellfaktoren müsse stark, für die Zelle aber möglichst schonend gestört werden. Das erinnere an die Quadratur des Kreises. Ideal wäre auch, wenn die Forschung auf Ebene der Molekularbiologie ein Medikament aufzeigen könne, das bereits zur Bekämpfung anderer Krankheiten zugelassen ist.

          Weber warnt vor überzogenen Erwartungen. Mit schnellen Ergebnissen sei nicht zu rechnen. Und ein Wundermittel werde es auch nicht geben. Eine antivirale Therapie kann aber, wenn die Infektion frühzeitig genug diagnostiziert ist, die Bildung gefährlich hoher Viruslasten vermeiden.

          Weber: „Interferone sind ein mächtiges Tool“

          Im Mittelpunkt der Gießener Forschung standen bisher Interferone. Das sind im menschlichen Körper produzierte Botenstoffe, die beliebige Zellen zur Virusabwehr umprogrammieren. Im Gegensatz zu den vom MAD-CoV-2-Konsortium gesuchten Wirkstoffen wirken Interferone breit und unspezifisch. In konzentrierter Form gibt es sie auch als Medikament. Sie werden gegen virale Hepatitis, Tumoren sowie bei multipler Sklerose eingesetzt. „Interferone sind ein mächtiges Tool“, sagt Weber. „Aber die Nebenwirkungen sind bei den bisher zur Verfügung stehenden Therapien beträchtlich.“

          Erstaunlicherweise reagiert das Sars-2-Virus empfindlicher auf diesen Botenstoff als Sars-1 vor fast 20 Jahren. Das ergab eine vergleichende Untersuchung der Arbeitsgruppe Weber. „Nun gehen wir der Frage nach, warum das so ist“, sagte der Gießener Virologe. Er betont, dass es bei seiner Arbeit um die Behandlung von infizierten Personen geht. Einzudämmen sei die Sars-2-Pandemie nur durch eine Prophylaxe in Form von Impfungen.

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