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Flutkatastrophe : Noch 50 Menschen aus Hessen in Asien vermißt

  • Aktualisiert am

Mit Fotos suchen Urlauber in Asien nach vermißten Angehörigen Bild: dpa/dpaweb

Nach der Flutkatastrophe in Südasien werden aus Hessen noch knapp 50 Menschen vermißt. Wie das Innenministerium am Sonntag in Wiesbaden weiter mitteilte, stammt einer der bisher identifizierten Toten aus Hessen.

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          Nach der Flutkatastrophe in Südasien werden noch knapp 50 Menschen aus Hessen vermißt. Wie das hessische Innenministerium gestern in Wiesbaden weiter mitteilte, stammt einer der bisher identifizierten Toten aus Hessen. „Wir müssen davon ausgehen, daß sich die Zahl der Vermißten noch verändert“, sagte Ministeriumssprecher Michael Bußer. Die Listen würden ständig überarbeitet und aktualisiert. „In Südostasien hat sich eine Tragödie ereignet, die uns fassungslos macht“, äußerte Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in seiner Neujahrsansprache. „Wir sind in Sorge und befürchten, da auch viele unserer Landsleute, auch Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Hessen ihr Leben bei dieser Flut verloren haben. “Mit der Aktion „Hessen hilft den Flutopfern“ wolle die Landesregierung einen Beitrag zur aktuellen Hilfe und zum langfristigen Wiederaufbau leisten.
          Die Anstrengungen der deutschen Behörden konzentrieren sich unterdessen weiter darauf, schwer- und schwerstverletzte deutsche Urlauber zurückzubringen, Leichen zu identifizieren und die restlichen Touristen auszufliegen, wie Jens Plötner, Sprecher des Auswärtigen Amtes. dieser Zeitung sagte. Im Auftrag des Krisenstabes des Auswärtigen Amtes startete am vergangenen Mittwoch abend auch eine Boeing 767, die die Frankfurter Feuerwehr gemeinsam mit der Lufthansa und Frankfurter Notärzten gechartert und für Krankentransporte umgebaut hatte, in die thailändische Ferienregion Phuket. An Bord waren sechs Notärzte aus Frankfurter Kliniken und vier Rettungsassistenten der Feuerwehr, wie deren Sprecher Thomas Debus mitteilte.
          „Wir wußten beim Hinflug noch gar nicht, was uns erwartet“, berichtet der Unfallchirurg Andreas Bonk. Ständig seien andere Nachrichten eingegangen. Während das Team unterwegs war, hielt nach Aussagen von Debus der Katastrophenschutzstab der Feuerwehr unter Leitung von Reinhard Ries ständigen Kontakt mit den Ärzten der drei Kriseninterventionsteams, die das Auswärtige Amt bereits am Dienstag nach Phuket geschickt hatte. Deren Aufgabe besteht laut Plötner darin, in sämtlichen Krankenhäusern der Region nach deutschen Touristen zu suchen und Informationen an das Krisenreaktionszentrum nach Berlin zu liefern. In enger Zusammenarbeit mit den thailändischen Hilfskräften hätten die Teams die verletzten Touristen auf den Heimflug vorbereitet und an den Flughafen gebracht.
          Mit 120 Patienten sei die Maschine der Feuerwehr am Silvestermorgen um 5 Uhr auf dem Frankfurter Flughafen gelandet, so Reinhard Hoffmann, Ärztlicher Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik. Davon seien etwa 60 verletzt gewesen. 14 hätten liegend transportiert werden müssen. In der Hauptsache habe es sich bei den Verletzungen um Knochenbrüche und tiefe, infizierte Wunden gehandelt. Medizinisch sei die Versorgung an Bord kein Problem gewesen, belastend sei jedoch das Leid der Menschen gewesen. „Als Notarzt hat man ja viel mit dem Tod zu tun, aber eben nicht in solcher Masse.“
          Die Hälfte der Fluggäste habe Angehörige verloren, viele hätten unter Schock gestanden. Einige hätten geweint, während andere still und zusammengekauert dagesessen hätten. Den Rückflug aus Phuket bezeichnet Hoffmann daher als Albtraum. „Es waren grausame Erlebnisse, die uns einige der Leute erzählten. Da war alles dabei.“ Ein älterer Mann beispielsweise und sein Sohn, die beide ihre Frauen in der Flut verloren hatten. Oder ein Mann, der Frau und Tochter verloren hatte. „Manchen wurden ihre Angehörigen von der Flut wortwörtlich aus den Händen gerissen.“ Einer der Heimkehrer war mit gebrochenen Knochen mehrere hundert Meter ins Land gespült und dabei von seiner Frau getrennt worden. Später trafen sie sich im Krankenhaus zufällig wieder, nur um beim Heimflug wieder getrennt zu werden.
          Vor Jahren hat sich Hoffmann um die Opfer der Eisenbahnkatastrophe von Eschede gekümmert, „aber dieser Einsatz war viel härter“. Überrascht hat ihn die Arbeit seiner thailändischen Kollegen. Die Patienten seien gut versorgt an Bord gekommen. Das bestätigt auch der Unfallchirurg Bonk. „Ich bin von meinen bisherigen Rückholflügen so einiges gewohnt.“ Die Heimkehrer seien jedoch vorbildlich operiert und teilweise mit Röntgenbildern ausgestattet am Flughafen erschienen. „Das hätte ich von einem solchen Land in so schwieriger Situation nicht erwartet.“
          Während des Fluges habe der Stab der Frankfurter Feuerwehr per Flugtelex Patientenlisten erstellt, berichtet Debus, so daß die Verletzten gleich nach ihrer Ankunft am Freitag morgen soweit wie möglich in Kliniken ihrer Heimatorte gebracht werden konnten. Auch Seelsorger seien sofort nach der Landung an Bord der Maschine gegangen.
          Ein für Samstag geplanter zweiter Flug der Maschine wurde vom Auswärtigen Amt abgesagt, weil die meisten der mittelschwer Verletzten bereits nach Deutschland zurückgebracht worden seien, wie eine Sprecherin sagte. Die Schwerverletzten könnten ausschließlich mit einem Spezial-Airbus der Bundeswehr transportiert werden, der in dieser Woche noch zweimal fliegen soll. Um die restlichen Leichtverletzten auszufliegen, starteten gestern abend zwei Maschinen der Condor, ebenfalls mit Frankfurter Ärzten sowie mit Rettungsassistenten verschiedener hessischer Feuerwehren an Bord. Im Lauf dieser Woche sollen die Rückholflüge aus Thailand abgeschlossen werden. Aus Sri Lanka wurden nach Angaben des Auswärtigen Amtes bereits vergangene Woche alle heimkehrwilligen Touristen ausgeflogen, während in Indonesien keine verletzten deutschen Urlauber vermutet werden.






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