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Flughafengegner im Porträt : Der Unermüdliche

  • -Aktualisiert am

Dirk Treber und das Objekt des alten Zorns: Die Startbahn West am Frankfurter Flughafen, 30 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme. Bild: Michael Kretzer

Dirk Treber kämpft seit 50 Jahren gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens, zog 1982 als einer der ersten Grünen in den Landtag ein. Die Startbahn West war nicht zu verhindern. Jetzt geht er gegen die Folgen an.

          Ob das politisch korrekt war, darüber machte sich Kurt Oeser damals keine Gedanken. Der „Umweltpfarrer“ aus Mörfelden fragte seine Konfirmanden, wer mithelfe, Flugblätter zu verteilen. So begann Mitte der sechziger Jahre für Dirk Treber der Kampf gegen den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Ein halbes Jahrhundert später wird der Sozialwissenschaftler immer noch nicht müde zu erklären, weshalb er in der Auseinandersetzung, wie groß und wie laut der schier übermächtige Nachbar noch werden dürfe, nicht resigniert hat. In der Politik lasse sich nur etwas bewegen, wenn man den Druck aufrechterhalte, sagt Treber. Er muss es wissen.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Unter den Hunderten von Demonstranten, die sich immer noch Montag für Montag im Terminal 1 versammeln, um gegen die inzwischen nicht mehr ganz so neue Landebahn, gegen ein drittes Terminal und für ein längeres Nachtflugverbot zu demonstrieren, wirken Dirk Treber und seine mindestens ebenso engagierte Frau Wilma Frühwacht-Treber mitunter etwas wie aus der Zeit gefallen.

          Dabei gehören sie zu denen, die von Anfang an diese erstaunlich ausdauernde Protestbewegung organisiert haben und weiterhin versuchen, mit Gesang, Lesungen und Umzügen das Interesse wachzuhalten. Aber neben manch einem der von der Landebahn Nordwest „Neubetroffenen“, neben Bürgern aus Flörsheim, Mainz und dem Frankfurter Süden, die ihre Wut und Empörung noch immer herausschreien und mit ihren Trommeln und Pfeifen in der Flughafenhalle den Ton angeben, erscheinen die Trebers ruhig und abgeklärt.

          Er ist kein Altachtundsechziger

          Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, mit welchem Gegner es der Flughafenbetreiber, die Fraport AG, zu tun hat und wie er seine Anklage, der Flughafen zerstöre Lebensraum und Lebensqualität, zu begründen vermag. Wie kaum ein Zweiter hat Dirk Treber über die Jahrzehnte Wissen erworben über Flugzeugflotten, Lärm- und Schadstoffemissionen, über die Verhältnisse an anderen Flughäfen. Und er hat gelernt, was er und wann er es in die Debatte werfen muss. Sein Arbeitszimmer ist vollgestopft mit Aktenordnern, Gutachten, Bildbänden. Vieles daraus hat er präsent, wenn er diskutiert.

          Nachhaltigkeit verkörpert Dirk Treber heute nach einem bewegten Leben, das er stets von seinem Heimatort Mörfelden aus führte. Der Dreiundsechzigjährige steht für den Teil einer Generation, dem man mit der Plakette Altachtundsechziger nicht gerecht wird. Für ihn war es Überzeugung, nicht nur so eine Phase, sich für den Erhalt der Natur einzusetzen. Das galt umso mehr, als Anfang der achtziger Jahre das sich schon 20 Jahre hinziehende Projekt der Startbahn West forciert wurde. Treber, der die ersten „Waldspaziergänge“ mitorganisierte, baute in einer „Allianz aus Grau- und Langhaarigen“ am Hüttendorf mit, für ihn so etwas wie die Keimzelle des „zivilen Ungehorsams“.

          Treber faszinierte, wie er sich erinnert, auch das Gefühl, selbstbestimmt zu leben. Sich im Unterholz abzurackern, mit eigenen Händen gewissermaßen eine archaische Kultur des Widerstandes zu entwickeln, darüber spricht er heute noch gern. Er denkt an die Lesungen „im Dorf“ unter anderen mit dem seit Ende der sechziger Jahre in Mörfelden lebenden Schriftsteller Peter Härtling, an die Liederabende, die Sonntage mit Kaffee und Kuchen, die Kirche im Wald. Sie wurde als einziges Relikt wieder aufgebaut.

          Montäglich: Fluglärmgegner demonstrieren im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens.

          Nicht nur viele Hektar Baumbestand, eine reichhaltige Fauna und Flora seien durch die Schneise, die man für die Startbahn durch den Wald schlug, zerstört worden, sagt Treber. Ausgelöscht worden sei auch eine jahrhundertealte Geschichte voller Emotionen, die die Menschen in seinem Heimatort mit dem Wald verbunden habe. Früher sei man morgens durch den Wald zur Arbeit nach Frankfurt gegangen und am Abend wieder zurück, die Urgroßväter sammelten Holz, ließen die Schweine nach Bucheckern und Eicheln suchen.

          Dirk Treber verbrachte im Herbst 1981 manche Nacht im Hüttendorf, ging morgens nur noch einmal kurz nach Hause, um sich vor der Arbeit zu duschen. Er, der Sozialwissenschaften und Volkswirtschaft studiert hatte, war damals unter anderem an den sogenannten Shell-Jugendstudien beteiligt, forschte über Migration und Segregation.

          Der 2. November 1981, als das Hüttendorf geräumt wurde, war für Treber ein tiefer persönlicher Einschnitt. Er erkannte die eigene Ohnmacht gegen, wie er es noch immer sieht, übermächtige Fremdbestimmung und Missachtung der Interessen jener, in deren Lebensraum eingegriffen werde. Es folgten Szenen, die manche Beobachter als „bürgerkriegsähnlich“ beschrieben, die Blockade der Autobahn, Zehntausende strömten zwei Wochen in Wiesbaden zusammen, um dem Volksbegehren gegen den Bau der Startbahn West Nachdruck zu verleihen. In Frankfurt kam es mehrere Tage lang zu Straßenschlachten mit der Polizei.

          Acht Prozent für die Grünen im Jahr 1982

          Viele der ehemaligen Aktivisten gaben nach und nach auf. Die Schüsse an der Startbahn, als auf den Tag sechs Jahre nach der Räumung des Hüttendorfs zwei Polizisten starben, hatten mit der einstigen Bewegung nichts mehr zu tun. Aber sie war damit, sagt Treber, desavouiert.

          Noch heute, beim Kräutertee an seinem Wohnzimmertisch, spricht der Mörfelder von einem „Kahlschlag aus Staatsräson“, von einem nicht wieder gutzumachenden Eingriff in die Natur. In der Rückschau sorgte der damals ausgelöste Impuls für die ökologische Protestbewegung jedoch auch dafür, dass der damals Einunddreißigjährige rund ein Jahr später dort einzog, wo die Exekutive sich rechtfertigen muss. Er gehörte zu den neun Abgeordneten, die die Grünen nach ihren sensationellen acht Prozent bei der Landtagswahl 1982 stellten.

          Auf den Fotos aus jener Zeit blickt ein junger Mann mit sorgfältig gestutztem Backenbart etwas ernst, aber entschlossen in die Kamera. Doch es gibt auch ein Bild von Dirk Treber im Hintergrund einer improvisierten Pressekonferenz, auf dem er die Hände vor das Gesicht schlägt. Es sei eine sehr bewegte, aber sehr interessante Zeit gewesen, erinnert er sich heute. Dazu gehörten turbulente Redeschlachten im Landtag, ein unbedingtes imperatives Mandat, soll heißen, politische Orders aus teils chaotischen Mitgliederversammlungen oder die Blutspritzattacke des Grünen-Abgeordneten Frank Schwalba-Hoth auf einen amerikanischen General.

          Für Treber dauerte das Warmlaufprogramm der jungen Protestpartei im politischen Betrieb zweieinhalb Jahre, dann wurde der stellvertretende Fraktionsvorsitzende rausrotiert, kurz bevor die Realos unter Führung von Joschka Fischer die Tolerierung der SPD-Regierung durchsetzten. Der Sozialwissenschaftler blieb allerdings im Parlament als Mitarbeiter der „Landtagsgruppe“, wie man sich in Abgrenzung zu den etablierten Parteien nannte. Aus dieser Zeit ist er noch freundschaftlich mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann verbunden, den Fischer 1986 als Grundsatzreferenten ins hessische Umweltministerium geholt hatte.

          Treber wechselte in die Kommunalpolitik, zunächst als Fraktionsvorsitzender im Landkreis Groß-Gerau, von 1989 an als hauptamtlicher Stadtrat in Mörfelden-Walldorf, unter anderem zuständig für Wasser, Energie und Abfall. Später arbeitete er frei, auch journalistisch, inzwischen ist er im Vorruhestand.

          Er will sich nicht total verweigern

          Sein Mentor Kurt Oeser hatte sich vor fast eineinhalb Jahrzehnten bereit erklärt, an der Mediation mitzuwirken. Dass es Ziel dieses vom damaligen Ministerpräsidenten Hans Eichel (SPD) angestrebten Dialogs mit der Region war, die Startbahn bauen zu können, daran zweifelte Oeser nicht. Aber er hielt seinen vielen Kritikern unter den Ausbaugegnern stets entgegen, wenn er sich verweigere, werde es am Ende weniger Schutz für sie geben.

          Dirk Treber ist heute sehr skeptisch, ob seiner Partei in der Koalition mit der CDU in Hessen die „Quadratur des Kreises“ gelingen und sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Flughafens und zugleich die Lebensqualität der Menschen sichern könne. Dennoch ist er in gewisser Weise Oesers Erbe angetreten. Er sieht sein Engagement in der Fluglärmkommission, deren Vorstand er seit 2006 angehört, ähnlich pragmatisch, obwohl er diese Vokabel eigentlich nicht so mag.

          Treber, nun selbst ergrauter Kämpfer, ist sich des Spagats bewusst, den Ausbau weiterhin nicht als legitim anzuerkennen und dennoch darüber zu beraten, wie die Folgen abgemildert werden könnten. Aber das sei, sagt er, immer noch sinnvoller, als sich total zu verweigern.

          Zur Person

          Dirk Treber wurde 1951 in Mörfelden geboren und lebt dort noch heute. Er studierte in Frankfurt Sozial- und Politikwissenschaften und Volkswirtschaft. Nach dem Studium blieb er zunächst an der Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter, später betrieb er Feld- und Marktforschung. 1982 zog er als einer der ersten Politiker der Grünen in den Hessischen Landtag ein, wurde einer der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden. Zweieinhalb Jahre später musste er nach dem sogenannten Rotationsprinzip den Platz im Parlament räumen, blieb aber zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fraktion im Landtag.

          1989 wurde Treber hauptamtlicher Stadtrat in Mörfelden-Walldorf. Schon elf Jahre zuvor hatte er in seiner Heimatstadt die Bürgerinitiative gegen die Erweiterung des Flughafens mitgegründet. Er wirkt seit damals zudem bei der Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms mit, dem ersten Verein dieser Art in Deutschland. Er ist „kritischer Aktionär“ des Flughafenbetreibers Fraport AG und gehört seit vielen Jahren der Kommission an, die das hessische Verkehrsministerium berät, wie Fluglärm zu vermeiden oder zu verringern sei.

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