https://www.faz.net/-gzg-ryfi

Flughafenausbau : Ticona kämpft weiter gegen Landebahn

  • Aktualisiert am

Das Chemiewerk Ticona hält seinen Widerstand gegen den Bau einer Landebahn in seiner unmittelbaren Nachbarschaft aufrecht. Aus Sicht des Mutterkonzerns Celanese ist die geplante Nordwestbahn eine „Torheit“.

          2 Min.

          Das Chemiewerk Ticona hält seinen Widerstand gegen den Bau einer Landebahn in seiner unmittelbaren Nachbarschaft aufrecht. Der Vorstandsbeauftragte des Mutterkonzerns Celanese, Ralf Christner, nannte am Donnerstag beim Erörterungstermin zum geplanten Ausbau des Frankfurter Flughafens die beantragte Nordwest-Variante eine „Torheit“, zu der sich der Flughafenbetreiber Fraport offenbar durch Sachzwänge gedrängt sehe. Sein Unternehmen wehre sich dagegen, daß ein Risiko mutwillig eingegangen werde, obwohl es zwei andere mögliche Standorte für die Landebahn gebe. Ticona stützt sich unter anderem auf eine Stellungnahme der Störfall-Kommission beim Bundesumweltministerium. Sie hatte die Gefahr eines Absturzes auf die Produktionsanlagen beim Landeanflug als inakzeptabel hoch eingestuft.

          Sein Unternehmen, das den Standort Rhein-Main auch wegen seiner Infrastruktur ausgewählt habe, wende sich nicht generell gegen den Ausbau des Flughafens, sagte Christner. Werksleiter Joachim Gersdorf erläuterte, man steuere die Produktion von Industriekunststoffen weltweit von Kelsterbach aus. Das von der Störfall-Kommission geschätzte Risiko (ein Absturz mit verheerenden Folgen in 25.000 Jahren) ist aus der Sicht von Celanese weder gegenüber den mehr als 1000 Mitarbeitern - von denen 500 selbst Einwendungen gegen den Ausbau in der Nordwest-Variante erhoben haben - noch gegenüber den Nachbarn des Werkes zu verantworten. Den Vorwurf, Ticona gehe es nur ums Geld - spekuliert wird über eine Entschädigung für eine eventuelle Betriebsschließung in Höhe bis zu einer Milliarde Euro -, wies Christner zurück. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hatte eine Schließung Ticonas, um den Ausbau zu sichern, als „ultima ratio“ in die Debatte gebracht.

          Nebeneinander von Chemie und Landebahn möglich

          Fraport-Projektleiter Horst Amann wiederholte am Donnerstag in der Offenbacher Stadthalle die Position seines Unternehmens, ein Nebeneinander von Chemieproduktion und Landebahn sei unter bestimmten Bedingungen technisch möglich und zu verantworten. Auch für Fraport stehe Sicherheit an erster Stelle, man habe sorgfältig geprüft. Mit den Antragsunterlagen eingereichte Gutachten schlagen vor, bei Ticona Schornsteine zu kürzen oder Produktionsstätten zu verlagern, um Überflüge zwischen 50 und 80 Metern Höhe zu gestatten.

          Raum- und Umweltplaner Gerhard Steinebach von der Technischen Universität Kaiserslautern, der im Auftrag Ticonas seine Stellungnahme präsentierte, hält eine solche Umgestaltung für kaum machbar. Der zu erwartende Fluglärm von mehr als 100 Dezibel beeinträchtige nicht nur die Gesundheit der Mitarbeiter, sondern gefährde auch die Betriebssicherheit, weil womöglich Warnsignale überhört würden. Wirbelschleppen bis zur Windstärke zehn bedrohten im Freien tätige Mitarbeiter, aber auch einige Bauten. Schließlich sei nicht untersucht, ob sich die für die Landebahn erforderlichen Funk- und Radaranlagen elektromagnetisch mit der Sicherheitstechnik bei Ticona vertrügen.

          Sicherheit kontra Wirtschaftlichkeit?

          Allerdings sind diese Erwägungen vorerst theoretischer Natur: Am Donnerstag wurde bekannt, daß noch kein Sachverständiger im Auftrag des Flughafens die Produktionsanlagen in Augenschein nehmen konnte, weil Ticona bisher den Zutritt verweigert hat. Der Rechtsvertreter des Unternehmens, Dieter Sellner, bezweifelt, ob sein Mandant an einer Erhebung dazu mitwirken müsse, welche technischen und wirtschaftlichen Konsequenzen für den Betrieb mit solchen Veränderungen verbunden seien. Er kündigte entschiedenen juristischen Widerstand gegen womöglich im Planfeststellungsbeschluß verfügte Eingriffe in die Produktion an.

          Sellner und Rechtsanwalt Heribert Fislake, der Kelsterbach vertritt, halten neben dem Bestandschutz für das an diesem Standort seit mehr als 40 Jahren existierende Chemiewerk die Seveso-II-Richtlinie der Europäischen Union für entscheidend. Diese lasse eben nicht zu, Sicherheit etwa gegen die wirtschaftliche Entwicklung einer Region abzuwägen. Auch dürfe das bisherige Risiko, das sich aus den Überflügen ergebe, nicht angerechnet werden. Das Wirtschaftsministerium wird sich laut Sellner nicht „ungestraft“ über das Votum der Störfall-Kommission hinwegsetzen können, die sich ebenfalls auf die Seveso-Richtlinie gestützt hatte. Er kündigte an, der Prozeß werde bis zu einer Entscheidung durch den Europäischen Gerichtshof geführt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gefahr durch Coronavirus : Keine Panik

          Es beruhigt, dass Deutschland auf Szenarien wie den Ausbruch des Coronavirus vorbereitet ist. Wenn aber nun nach jeder Hustenattacke die Notaufnahme angesteuert wird, stößt jeder noch so gut aufgestellte Krisenstab an seine Grenzen.
          Ein Kuss sagt mehr als 1000 Worte: Die britische Prinzessin Eugenie bei ihrer Hochzeit im Oktober 2018 mit Ehemann Jack Brooksbank.

          Ein wahres Feuerwerk : Was im Gehirn passiert, wenn wir uns küssen

          Wenn sich Lippen berühren, bricht im Gehirn ein Feuerwerk aus. Nervenzellen und Synapsen befinden sich im Ausnahmezustand. Mit Hilfe moderner Technik können Wissenschaftler die Leidenschaft nun abbilden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.