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Nur in Härtefällen : Hochschwangere im Kirchenasyl

  • -Aktualisiert am

Auf wenigen Quadratmetern: Heran mit ihrem Lebensgefährten Jared, der eigentlich eine eigene Wohnung hat Bild: Klaus Nissen

Erkennt die evangelische Kirche einen Härtefall an, erhalten Flüchtlinge durch Kirchenasyl Schutz und Unterstützung. Das zuständige Bundesamt teilt diese Sicht allerdings nur selten.

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          Mehr als 60 Menschen haben die evangelischen Landeskirchen seit Jahresbeginn Kirchenasyl gewährt. Momentan leben etwa 30 Geflüchtete im Schutz der Kirche, berichtet Andreas Lipsch, Leiter der Abteilung Flucht, Interkulturelle Arbeit und Migration bei der Diakonie Hessen. Das Kirchenasyl sei leider nötig, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge humanitäre Notfälle immer seltener berücksichtige. Als Beleg führte er ein Beispiel aus Friedberg an.

          Der ehemalige Gruppenraum im früheren evangelischen Kindergarten an der Kaiserstraße ist seit einem Vierteljahr der Lebensmittelpunkt der 29 Jahre alten Heran M.. An den Wänden stehen ein kleiner Tisch, ein Bett, ein altes Sofa und ein niedriges Regal mit einem zerbrochenen Spiegel. Eine Campingliege kam hinzu, damit auch ihr Lebensgefährte Jared D. im Kirchenasyl übernachten kann. Dabei habe er in Frankfurt eine eigene Wohnung, sagt der gebürtige Äthiopier in fließendem Deutsch. Er lebt seit mehr als zehn Jahren in Deutschland, hat Arbeit und steht kurz vor der Einbürgerung.

          Trotzdem ist seine hochschwangere Lebensgefährtin von der Abschiebung nach Polen bedroht, berichten Lipsch und Ines Welge von der Diakonie Hessen. Die an Schwangerschaftsdiabetes erkrankte Frau erwartet Anfang Oktober das gemeinsame Kind – ein Mädchen. In Polen ist sie noch nie gewesen und hat dort auch keine Kontakte. Das Bundesamt will Heran M. gemäß der Dublin-Regelung nach Polen abschieben, weil sie ein polnisches Visum bei sich hatte, als sie 2018 ihren Asylantrag in Deutschland stellte.

          Die Kirche trage alle Kosten, der Staat zahle nichts

          Wenn das Kind der nach eigenen Angaben politisch verfolgten Frau in Polen zur Welt kommt, hat es laut Lipsch die äthiopische Staatsbürgerschaft. Der Vater könnte Mutter und Kind erst nach einem langwierigen Familienzusammenführungs-Verfahren nach Deutschland holen. Wenn das Kind in Deutschland zur Welt kommt, hätte es die deutsche Staatsangehörigkeit – die Familie könnte bleiben.

          Aus Angst vor der Polizei verlasse seine Lebensgefährtin den ehemaligen Kindergarten so gut wie gar nicht, dolmetscht der angehende Vater. Noch schlimmer geht es einer anderen Frau im Friedberger Kirchenasyl. Sie ist seit 14 Monaten im „Hausarrest“, berichtet Pfarrerin Susanne Domnick. Die Kirche müsse alle Kosten für Lebensmittel und medizinische Behandlung übernehmen, der Staat zahle nichts. Das erste Kirchenasyl gewährten die Friedberger 2014 einer fünf Personen umfassenden somalischen Familie, die nach Ablehnung ihres Asylantrages obdachlos war. Inzwischen habe die Familie einen gesicherten Aufenthaltsstatus.

          Fast jeder Antrag auf Kirchenasyl werde abgelehnt

          „Wir haben täglich mehrere Anfragen für Kirchenasyl“, sagt Lipsch. Die Fälle würden gründlich geprüft und nur angenommen, wenn man einen humanitären Notfall sehe. Seit 2015 haben die Kirchen eine Vereinbarung mit dem Bundesamt. In diesen Fällen schreiben die Kirchenleute ein ausführliches Dossier über die hilfesuchenden Menschen. Anfangs habe das Bundesamt 30 bis 60 Prozent der Betroffenen als Härtefall akzeptiert und sei selbst ins Asylverfahren eingetreten, damit die Menschen nicht in andere Dublin-Staaten abgeschoben wurden. Doch seit Juli 2018 wird laut Lipsch beinahe jedes Dossier abgewiesen. Zudem habe das Bundesamt die „Überstellungsfrist“, in der die Flüchtlinge ausgewiesen werden können, von sechs auf 18 Monate verlängert.

          Humanitäre Härten würden vom Bundesamt nun oft als unerheblich angesehen, sagt ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Die Behörde richte sich nach Zuständigkeiten und nicht mehr nach berechtigten Interessen der bedrohten Menschen, finden Pfarrerin Domnick und ihr Amtskollege Christian Brost aus der Nachbargemeinde Friedberg-Fauerbach. Deshalb gewähre man Menschen wie Heran M. Kirchenasyl. Anfangs habe es in der Gemeinde durchaus Widerstände dagegen gegeben, sagt die Fauerbacher Kirchenvorsteherin Erika Lipowitz. Inzwischen sei man sich aber einig: „Wenn ein Mensch in Not ist, schlagen wir die Türe nicht zu. Wir gewähren ihm Schutz.“

          Die Geschichte von Heran M. und Jared D. wird wahrscheinlich gut ausgehen. Wenn ihre Tochter im Kirchenasyl geboren wird, ist sie Deutsche, und die Eltern haben das Recht, bei ihr zu bleiben. Sie wollen heiraten, sobald die Mutter gültige Papiere bekommen hat. Im Kirchenasyl ist sie noch, weil die Ausländerbehörde ihr trotz des Mutterschutzes bislang keine Duldung bescheinigt hat.

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