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Florstadt : Ein neues Leben für den alten Mischling

  • -Aktualisiert am

Lena Kraft holt Sam zum Spaziergang über die Felder ab Bild: F.A.Z. - Foto Cornelia Sick

Des Menschen bester Freund fristet hier sein Hundeleben. Das Tierheim Florstadt beherbergt rund 120 Tiere. Auf dem Birkenhof bekommen die Vierbeiner ihr Gnadenbrot.

          Totgesagte leben länger. Als der heute 17 Jahre alte Dackel-Terrier-Mischling Ende 2002 vom Tierheim Frankfurt an die Außenstelle für alte und schwer vermittelbare Tiere, den Birkenhof in Florstadt, abgegeben wurde, hieß es, er könne kaum noch laufen und werde die nächsten zwei Monate nicht überleben.

          So kam es, daß Daniela Müller, die Leiterin des ehemaligen Bauernhofes, der nun dem Tierschutzverein Frankfurt und Umgebung gehört, einem offenen Scheunentor keine größere Beachtung schenkte - bis der vermeintlich gehbehinderte Capper schon kurz nach seiner Ankunft entwischte. Wieder eingefangen, habe er sich als „das reinste Spielkind“ erwiesen, so Müller. Seit er seinen Platz auf dem Birkenhof habe, gehe es ihm so gut, daß er „steinalt“ werden könne. Seine Box ist größer als im Tierheim Fechenheim, und er kann durch eine Klappe nach draußen auf eine Wiese, wo er sieht, wer auf dem Hof ein- und ausgeht.

          Mit gespitzten Ohren

          Ein paar Boxen weiter steht der 13 Jahre alte Sam mit gespitzten Ohren vor dem Gitter. Der Border-Husky-Mix wurde abgegeben, weil sich Herrchen und Frauchen hatten scheiden lassen und im neuen Leben der beiden kein Platz mehr für ihn war. Doch Sam hätte gern wieder ein Zuhause, berichtet Müller. Genauso wie der junge schwarz-weiße Kater Beppo, der seit Ende 2004 die rund 10.000 Quadratmeter des Hofes durchstreift.

          Viele der 50 Katzen auf dem Birkenhof fühlten sich wohl unter ihresgleichen, dennoch sehnten sich manche nach einen Menschen, berichtet Müller. Auch Bella, die 21 Jahre alte dunkelbraune Stute, die Hufrehe hat und deshalb nicht mehr auf die Koppel darf, sei einsam. Sie brauche einen Menschen, der ihr ein größeres Gelände gebe, am besten zusammen mit anderen Pferden, die ebenfalls nicht auf der Wiese gehalten werden könnten.

          Die Menschen haben das Schicksal der Tiere in der Hand. Umgekehrt zeigt die acht Jahre alte Selina aus Limeshain, daß auch das Tier ein Menschenleben bereichern kann. Obwohl das Mädchen nur schlecht laufen kann, holt es ein- bis zweimal in der Woche Hunde zum Gassigehen ab. Selina hilft auch gern, die Tiere zu pflegen und schmust mit ihnen. Selbst Pferdeäpfel habe sie schon freiwillig weggemacht - „auch, wenn es eklig war“, wie sie mit einem Grinsen im Gesicht berichtet. Während Selina mit Capper spielt, erzählt ihre Mutter, daß sie froh über das innige Verhältnis ihrer Tochter zu den Vierbeinern sei, für die diese jedes Spielzeug liegen lasse.

          Zuflucht für 120 Tiere

          Selina lerne dadurch früh Verantwortung zu übernehmen und habe auch mit dem Tod schon Erfahrung gemacht, als ihr Lieblingshund gestorben sei. Müller, die seit ihrem dritten Lebensjahr selbst mit einem Hund aufgewachsen ist, weiß, wovon die Mutter spricht. Doch der Birkenhof ist in ihren Augen mehr als eine Zuflucht für rund 120 Tiere, die entweder im Tierheim nicht gehalten werden können, so wie Bella, oder die einfach niemand haben wollte. Wer hier arbeite, bekomme eine Chance: ein junges Mädchen mache eine Ausbildung zur Tierpflegerin, Arbeitslose erhielten einen Job, sogenannte Gemeinnützige, die aufgrund kleiner Vergehen zu sozialer Arbeit verurteilt worden seien, und ehemals Obdachlose könnten ihr Leben neu gestalten.

          In ihrer Arbeitszeit kümmern sie sich unter anderem um Jutta, das Schaf, das dem Schächter nur entkam, weil es nicht mehr in den Lastwagen paßte, um die Geschwister Harry und Sally, die das Ergebnis des Booms um George Clooneys Minischweine waren, und um Amelie, die schneeweiße Edelziege, die von der Polizei auf der Straße aufgegriffen wurde und nach ihrer Ankunft auf dem Birkenhof in die Wohnung der Leiterin stolzierte, sich auf der Couch einrollte und einschlief.

          Bevor Müller vom lebhaften Bornheim auf den von Feldern umgebenen Birkenhof gezogen ist, wo sie auch in ihren Räumen mit einem Hund und mehreren Katzen zusammenwohnt, war sie als Werbetexterin tätig. Der Auslöser, daß sie der Welt des Marketings vor knapp vier Jahren den Rücken gekehrt habe, sei eine „Sinnkrise“ gewesen. Man streite sich „mit einer unglaublichen Vehemenz um bunte Bildchen“ und verliere dabei den Blick für das Wesentliche. Lange Arbeitszeiten hat die Sechsunddreißigjährige jetzt zwar auch, aber „am Ende des Tages weiß ich, was ich gemacht habe - besser, als bei jedem Bürojob, den ich bisher kennengelernt habe“.

          Ein neues Zuhause

          In jeder Box sind ein bis zwei Hunde, im Katzenzimmer herrscht reichlich Betrieb, und die Ställe sind vollauf bewohnt von Schafen, Ziegen, Gänsen, Enten, Hühnern und Kaninchen. Müller bedauert, daß sie kaum noch Kapazitäten frei habe, denn die knapp dreißig Tiere, die jährlich ein neues Zuhause bekämen, schafften noch nicht ausreichend Platz für neue. Trotzdem wähle sie die neuen Halter sorgfältig aus. Sie informiere sich über die Personen, sehe sich das künftige Heim an und vereinbare eine „Probezeit“.

          Auf die Frage, ob sie schon Vermittlungen abgelehnt habe, antwortet sie mit einem strikten „Ja!“. Sie ist davon überzeugt, daß es ihrer kritischen Prüfung zu verdanken ist, daß nur ungefähr fünf Prozent der Tiere zurückgegeben werden. Im Tierheim Fechenheim sei die „Rücklaufquote“ höher, da dort die Erkundigungen aus zeitlichen Gründen bescheidener ausfallen müßten.

          Die meisten Tiere, die von Fechenheim auf den Birkenhof kämen, seien alt oder krank, erklärt Müller. Und mancher, der seinen Hund loswerden wolle, binde ihn heimlich nachts am Zaun des Hofes an. Müller wünscht sich, daß die Leute nachdenken, bevor sie sich ein Tier anschaffen, und daß mehr „ihr Herz öffnen für alte Tiere“. Diese seien dankbar und stellten sich - anders als alte Menschen - leicht auf neue Besitzer ein. Der vermeintlich todkranke Capper ist von seinem Spaziergang zurück, steht schwanzwedelnd in seiner Box und schaut mit glänzenden Augen die vorbeigehenden Menschen an. Auch Hunde wie Capper könnten Menschen glücklich machen, stellt Müller fest, denn: „Es muß nicht immer ein Welpe sein!“

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