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Kritik an Flächenversiegelung : Naturschutz als neue Aufgabe im „Hotspot der Biodiversität“

Geschädigt, aber wichtig: Auch wenn Darmstadts Westwald unter der Dürre leidet ist er eines der bedeutendsten Ökosysteme der Stadt. Bild: Cornelia Sick

Ein Darmstädter Biologe warnt vor Flächenversiegelung in der Stadt mit einem Grünen-Rathauschef. Begründung: Die Biodiversität soll bewahrt werden. Das hat auch mit der Gesundheit der Bürger zu tun.

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          Es gibt Phänomene, die einen Laien auf den ersten Blick verwundern mögen. Zum Beispiel das von Wissenschaftlern ziemlich exakt ermittelte Verhältnis zwischen der Größe einer Stadt und der Zahl und Vielfalt der in ihr lebenden Pflanzen. Als Grundregel gilt: „Je größer die Kommune, desto höher die Biodiversität“. Berlin gilt auf diesem Gebiet mit 1300 Pflanzenarten als Spitzenreiter in Deutschland. Obwohl Darmstadt viel kleiner ist als die Bundeshauptstadt, sind bei der bisher letzten Kartierung aber fast ebenso viele, nämlich 1100 Arten festgestellt worden. Die Stadt stellt damit für den Botaniker Christian Storm ein „Hotspot der Biodiversität“ dar. Leider wird nach seiner Ansicht dieses „Naturkapital“ von Bürgern und Politik nicht hinreichend gesehen und geschützt, obwohl es um die Zukunftsfähigkeit unserer Städte gehe.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Storm arbeitet an der Technischen Universität Darmstadt und ist Mitglied im Naturschutzbeirat. In dieser doppelten Funktion gehört er zu jenen, die im Zeitalter der Klimakrise immer wieder hervorheben, dass die Biosphäre der Erde nicht minder von einer Krise der Biodiversität gefährdet wird. Der Verlust von Tier- und Pflanzenarten sowie der Vielfalt an Lebensräumen in den vergangenen 25 Jahren sei dramatisch und stelle eine „der größten Herausforderungen für uns Menschen dar“, sagte der Wissenschaftler auf einer Veranstaltung des Bundes für Umwelt und Naturschutz zu „Naturschutz in der Stadt“.

          Viele Gefäßpflanzen weg

          Allein in Darmstadt seien innerhalb weniger Jahre 13 Prozent der Gefäßpflanzen verlustig gegangen und „zwar weitgehend unbemerkt“. Sollte sich die Tendenz weiter verstärken, laufe dies auf eine humanitäre Katastrophe hinaus. Denn auch der Mensch in der Stadt brauche Natur. Ohne Bäume werde die Sommerhitze noch lebensbedrohender und die Luft schlechter. Längst stehe zweifelsfrei fest, dass Natur in einem sehr umfassenden Sinne eine heilende und therapeutische Wirkung habe. So zeigten wissenschaftliche Untersuchungen, dass zum Beispiel das Maß an Erkrankungen durch Depression mit der Zahl der Bäume in einer Kommune in Korrelation stehe.

          Mehr Bäume bedeute weniger seelische Erkrankungen. In der Stadtforschung werde deshalb mit dem Begriff der „Umweltgerechtigkeit“ gearbeitet: „Wenn ökonomisch weniger gut gestellte Schichten der Bevölkerung in jenen Vierteln leben, in denen die Umweltbelastung hoch und der Naturanteil niedrig ist, stellt sich die soziale Frage neu“.

          Eine „zweite Heimat in der Stadt“

          Nach Ansicht des Biologen kommt den Städten bei dem Versuch, den Verlust biologischer Vielfalt zu verlangsamen oder gar aufzuhalten, eine Schlüsselrolle zu. Denn angesichts der Industrialisierung der Landwirtschaft suchten immer mehr Pflanzen oder Insekten eine „zweite Heimat in der Stadt“. So seien allein an einem kleinen Mauerabschnitt der Orangerie 34 verschiedene Flechtenarten registriert worden.

          Diese Bedeutung der Städte wird nach den Beobachtungen Storms mittlerweile von immer mehr Kommunen gesehen. Salzburg zum Beispiel habe per Deklaration erklärt, noch vorhandenes Grünland um den Stadtkern – das in Darmstadt in den vergangenen 100 Jahren nahezu vollständig verlorengegangen ist – dauerhaft zu erhalten. Dresden versuche, in Form von Inselstrukturen die Stadt systematisch mit einem „grünen Gewebe“ zu überziehen. Unter dem Motto „Speichern und Strahlen“ plane Frankfurt, nicht nur den Grünanteil und die vorhandenen Freiräume zu erhalten, sondern weiter auszubauen. Hannover wiederum wage es, Brachflächen als Areal für „neue Stadtwildnis“ zur Verfügung zu stellen.

          Die Situation in Darmstadt beurteilt Storm deutlich kritischer. Für neue Grünflächen gebe es nach Auskunft der Umweltdezernentin keinen Platz. Gleichzeitig finde ein „Überbietungswettbewerb in der Flächenversieglung“ statt. Das zeige die Diskussion um neue Wohn- und Gewerbegebiete in Arheilgen und Wixhausen. Was Storm grundsätzlich vermisst, ist die Anwendung von zeitgemäßen Instrumentarien zur Gestaltung einer ökologischen Stadt. Zum Beispiel die Einführung eines Biotop-Flächenindikators, der für jeden Stadtteil eine Vorgabe für den Mindestanteil an Grün- und Naturflächen mache und damit automatisch die Grenze der zulässigen Verdichtung definiere. Solch ein Indikator könne ein Elemente für den notwendigen Masterplan „grüne Infrastruktur“ sein, der Stadtentwicklung vom Grünraum her denke und nicht umgekehrt. „Noch sind wir nicht soweit, aber eine solche langfristige ökologische Strategie wäre notwendig, denn nur eine Stadt mit Stadtnatur kann human, gesund, lebenswert und sozial sein“.

          Warum Kiesgärten?

          Ansatzpunkte, Darmstadt schnell grüner zu machen, sieht Storm viele. Warum keine Wildwiese auf dem Rasenstück der Rudolf-Müller-Anlage? Warum kein „Grünhochhaus“ auf dem Saladin-Eck nach Turiner Vorbild? Warum Kiesgärten – die Pflanzen und Tieren keinen Lebensraum bieten, aber zur Aufheizung beitragen – statt Naturgärten? Auch zum stark geschädigten Westwald, über dessen Zukunft an einem von der Stadt einberufenen „Runden Tisch“ beraten wird, hat Storm eine dezidierte Meinung: „Im Westwald sind viele Bäume gestorben, aber er ist nicht tot. Es ist ein extrem wichtiges Ökosystem, das in seiner Regeneration unterstützt werden sollte.“

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