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Fastnacht : Seit 500 Jahren Äla statt Helau

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Exponat der Ausstellung „500 Jahre Dieburger Fastnacht” Bild: Michael Kretzer

In Dieburg gelten eigene Fastnachts-Regeln, und das seit einem halben Jahrtausend. Sie werden derzeit in einer Ausstellung dokumentiert. Dort zu sehen: Karnevalsorden, Büttenreden, Kostüme und Uniformen sowie die bekannten Schwellköpp.

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          Fast so alt wie die Stadt Dieburg ist auch ihre Fastnachtstradition. Seit 500 Jahren wird dort in der „Fünften Jahreszeit“ geschunkelt, gesungen und gefeiert. Pünktlich zu Beginn der närrischen Zeit ist nun am 11.11. die Ausstellung „500 Jahre Dieburger Fastnacht“ im Museum Schloss Fechenbach eröffnet worden. Noch bis zum 21. Januar gibt es all das zu sehen, was für die Dieburger Fastnacht bedeutend ist: Karnevalsorden, Büttenreden, Kostüme und Uniformen sowie die bekannten Schwellköpp.

          Die Ausstellung entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen dem Museumsteam und dem Karnevalsverein Dieburg. So werde nicht nur das Jubiläum der Dieburger Fastnacht gefeiert, sondern auch ein wichtiger Teil der Dieburger Stadtgeschichte präsentiert, sagt Museumsleiterin Maria Porzenheim. Sie freut sich vor allem darüber, dass der Karnevalsverein mit seinen vielen Leihgaben die Ausstellungsstücke aus dem Museumsbestand ergänzt hat. So gibt es schon jetzt die neuen Trachten des Prinzenpaares zu sehen, und das, obwohl das Paar erst am Sonntag vor Fastnacht von den Mitgliedern des Karnevalsvereins in geheimer Wahl bestimmt wird. Erst seit 1939 gibt es ein Prinzenpaar in Dieburg, vorher „regierte“ allein ein Prinz. Dass sich auch die Prinzen und Prinzessinnen nach der Frisuren- und Brillenmode ihrer Zeit richteten, lässt sich anhand ihrer Porträts in einer Art „Ahnengalerie“ verfolgen. Der Karnevalsverein hat auch seine Bütt, die die Form einer Eule hat, ausgestellt. Die Eule ist das Symbol der Athena, der griechischen Göttin der Weisheit – denn in der Bütt werde die Wahrheit gesprochen.

          „Dieburger Originale“

          Neben den vielen bunten Ausstellungsstücken gibt es auch Informationen zur Geschichte der Fastnacht und den einzelnen Dieburger Fastnachtsgruppen. Jede Fastnachtsgruppe hat seine eigenen Orden, die in einer Vitrine bewundert werden können. Informationstafeln und ein Begleitheft erläutern nicht nur die Herkunft des Fastnachtsfestes, sondern auch wie die „Fassenacht“ nach Dieburg kam, wie sich das Fest im Laufe der Jahrhunderte verändert hat, und welche alten Traditionen noch heute beibehalten werden. Erste Belege für Fastnachtsfeiern in den Hochburgen Mainz, Köln, Düsseldorf und Aachen stammen aus dem 14. Jahrhundert. Dass in Dieburg seit 1508 Fastnacht gefeiert wird, kann mit der ältesten erhaltenen Dieburger Stadtrechnung belegt werden, die aus jenem Jahr stammt und einen Eintrag über eine Feier am Aschermittwoch enthält. Auch die Tradition des Verkleidens zu Fastnacht ist fast genauso alt. Es gibt Belege dafür, dass eine in Männerkleider gehüllte Magd aus Hergershausen 1599 wegen Singens schändlicher Lieder vor Gericht gestellt wurde.

          Die Dieburger Fastnachtsfarben Rot, Weiß, Grün und Gelb seien allesamt „Schandfarben“, erklärt Porzenheim. So hätten Prostituierte im Mittelalter ein gelbes Band als Erkennungszeichen am Gewand tragen müssen. Neben Ausstellungsstücken, die ebenfalls typisch für das Fastnachtsfest in anderen Städten sind, gibt es auch „Dieburger Originale“ zu sehen: die Kostüme der „Diebojer Oalten“, des „schwarzen Domino“ und des „Haxe Karl“ sowie Fotografien des Fastnachtspärchens „Verrer Gunkes un soi Bawett“, in deren Rollen jedes Jahr zwei andere Dieburger schlüpfen dürfen.

          Programm mit Vorträgen, Weinproben und Sonderführungen

          Auch wenn die Dieburger Fastnacht vor allem von der Mainzer Fastnacht beeinflusst wurde – Dieburg gehörte einst zum Kurfürstentum Mainz –, so gibt es doch einige Besonderheiten in der Ausstellung zu entdecken. Warum die Dieburger nicht wie die Mainzer und Südhessen „Helau“, sondern „Äla“ rufen, sei nicht überliefert. Woher der Ruf kommt, jedoch schon: „Früher wurden mit dem Ruf in Dieburg die Gänse getrieben“, sagt Porzenheim.

          Die Ausstellung wird von einem Programm mit Vorträgen, Weinproben und Sonderführungen begleitet. Jeden Mittwoch bietet das Café im Schloss Fechenbach „Kräppelkaffee“ an.

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