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Büttenredner : Narrenmund tut Wahrheit kund

Gruppenwechsel im Minutentakt: Auch der MAinzer Carneval-Verein veranstaltet inzwischen eine „Stehung“, um junges Publikum anzuziehen. In Aktion: Bock Brothers and Friends. Bild: Michael Kretzer

Büttenredner streiten sich und erhalten Drohbriefe. Derweil versucht die Fastnacht mit neuen Formaten, ein unruhiges Publikum zu packen.

          Es geht ein Riss durch die Bütt. Und am Ende der Kampagne sind sich etliche Mainzer Fastnachtsredner, vor allem jene des politischen Fachs, nicht mehr grün. Weil die einen - allen voran Frontmann Hans-Peter Betz in seiner Paraderolle als „Guddi Gutenberg“ - eher mal die Keule auspacken, um die von ihnen ausgemachten Fehlentwicklungen, gerade am rechten Rand der Gesellschaft, mit deutlichen Worten und deftigen Kommentaren anzuprangern. Wenn der Gonsenheimer die AfD etwa als „die Bremsspur in der Unterhose Deutschlands“ bezeichnet oder von ihr als „NPD für Besserverdienende“ spricht. Was Betz, aber auch dem als „Obermessdiener“ bekannten Andreas Schmitt („vom Gauland zum Gauleiter ist es gar nicht so weit“), der am Freitag zudem den Präsidenten in der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ gab, in diesem Jahr üble Beschimpfungen und Drohbriefe einbrachte.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Derweil andere Vortragende, die von sich behaupten, lieber mit dem Florett zu fechten, den Provokateuren eine Mitschuld daran geben, wenn sie zum Beispiel als „fette SPD-Sau“ beschimpft oder im Fall von Betz als „Volksverhetzer“ verunglimpft werden. Während die Angegriffenen aus der Politik unter anderem von Oberbürgermeister Michael Ebling und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (beide SPD) sowie der Bundestagsabgeordneten Tabea Rößner (Die Grünen) Rückendeckung erhielten, zeigten sich einige närrische Mitstreiter zurückhaltend bis vorwurfsvoll. Die fehlende Solidarität der Rednerkollegen erzürnte wiederum Betz, der am Freitag zum letzten Mal als „Guddi Gutenberg“ auf der großen Fernsehbühne stand, dermaßen, dass er sich sogleich in einem offenen Brief Luft verschaffen musste, wie auf der Internetseite „seines“ Gonsenheimer Carneval-Vereins nachzulesen ist. „Neid und Missgunst auf Erfolge anderer in der Bütt sind in der Mainzer Fastnacht durchaus nicht selten“, heißt es da.

          Quotenrisiko Feinsinnigkeit

          Das Gleiche gelte für „Beschimpfungen von sogenannten besorgten Bürgern, die sich anonym zu Wort melden. Geschenkt!“ Diesmal gehe es aber um etwas anderes. Das Recht auf freie Rede und freie Meinungsäußerung des Narren werde von Mitgliedern der eigenen Zunft in Frage gestellt. Statt Solidarität zu zeigen, grenzten diese sich ab. Ein Kollege verweise etwa öffentlich auf seine geschliffenen Reime, ein anderer lobe seinen eigenen „subkutanen Vortrag“. Beide seien sich im Urteil einig: Wer draufhaue, müsse halt auch einstecken können. Sind die bedrohten „Polterer“ am Ende also selbst schuld? Betz hält dagegen, dass sich mit „geschliffenen Paarreimen“ und „subkutanen Vorträgen“ wenig bis nichts gegen Despoten und „braunes Gesindel“ ausrichten lasse. Dabei fällt es der unverändert von Männern dominierten Büttenrednerriege ohnehin zunehmend schwerer, ein Publikum bei Laune zu halten, das ungeduldig auf den nächsten Kracher wartet und längeres Zuhören offenkundig verlernt hat.

          Zumindest die auf Quote bedachten Fernsehmacher setzen deshalb eher auf die groben Typen, die Klartext reden, als auf die leisen Töne. Der geschliffene „Till“, Friedrich Hofmann, der sich auf der Reichstagskuppel sitzend seine Gedanken über Deutschland und die Welt macht, hat es diesmal nicht ins „Mainz bleibt Mainz“-Team geschafft. Die von ihm gepflegte Art des feingeistigen und hintergründigen Vortrags scheint bei zum Zappen bereiten TV-Zuschauern zumindest risikobehaftet zu sein. Und sosehr die alten Recken, wie der vor wenigen Tagen verstorbene Dieter Brandt als „Till“ und der nicht minder scharfzüngige Willi Scheu als „Bajazz mit der Laterne“, auch heute noch verehrt werden: Aktuell wären wohl nur wenige im Saal in der Lage, an einem Freitagabend den ebenso geistreichen wie langatmigen Vorträgen der Altvorderen zu folgen.

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