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Fastnacht : Ein Weltverdreher und Wortkaskadenverschwender

Herbert Bonewitz 1974. Bild: Verlag Bonewitz

Mit siebenundsiebzig Jahren: Ein Narr packt aus. Herbert Bonewitz – weder Fastnachter noch Kabarettist oder doch beides – stellt am Samstag auf der Bücher-Messe sein Werk vor.

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          Getreu dem Motto „Die besten Fragen stelle ich mir selbst“ hat Herbert Bonewitz ganz zum Schluss seiner 344 Seiten umfassenden Autobiographie „Ein Narr packt aus“ noch einmal kritisch nachgehakt: „Welche Vorstellung hast du eigentlich von einem guten Programm?“ will er im Selbstinterview von sich wissen: „Wenn das Programm eine gute Vorstellung hat.“ Und was denn seine größte Sorge vor einem Auftritt sei? „Dass sich mehr Personen auf der Bühne befinden als im Saal.“

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Bei seinen Engagements ist das dem mittlerweile sieben Mal elf Jahre alten früheren Fastnachter und Kabarettisten weder bei einer der vielen Narren-Zusammenkünfte noch in einem der Kleinkunsttheater je passiert. Wofür er dereinst vom Mainzer Unterhaus mit der Ehrenglocke „Wider den leeren Stuhl“ ausgezeichnet wurde. „Liebst Du eher ein ruhiges angenehmes Leben oder eine harte, aber erfolgreiche Karriere?“ fasst Bonewitz nach, ehe er sich auch diese Frage selbst beantwortet: „Ich liebe meine Frau.“

          Der Jazzanarchist

          Seiner Barbara, die ihren „Hasenbär“ zwar als merkwürdiges, alte Hosen liebendes und morgens bisweilen recht muffeliges Wesen, aber dennoch als den besten Ehemann der Welt beschreibt, überließ der wortgewaltige Gatte immerhin vier Seiten seines Buchs zur freien Verfügung. Den ganzen Rest des im Bodenheimer Verlag von Sohn Michael erschienenen Werks brauchte das am Neubrunnenplatz groß gewordene „Mainzer Urgestein“ dann aber schon selbst für all die schönen, bisweilen allerdings auch nicht so schönen Erinnerungen.

          Ein Aufs-Maul-Schauer sei der Herbert. Ein Weltverdreher, Wortkaskadenverschwender und Jazzanarchist, meint gleich auf Seite fünf, mit Foto freundlich grüßend, sein 2005 verstorbener Mentor Hanns Dieter Hüsch; und ein „im letzten Augenblick dem Karnevalismus Entsprungener“ noch dazu. „Du warst einer der originellsten Fastnachter und ein superorigineller Kabarettist. Du bist ein auf vielen Musikinstrumenten virtuos spielendes Allroundtalent, wie es wenige gibt“, urteilte Johannes Gerster bei der Vorstellung des „genussvoll und amüsant zu lesenden Buchs“. Doch längst nicht alle sehen und sahen Bonewitz so eindeutig positiv wie der frühere Mainzer Bundestagsabgeordnete, der viele Jahre Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel war und bis heute Generalfeldmarschall der Mainzer Ranzengarde ist. Der ehemalige Werbeleiter des Mainzer Hygienepapier-Herstellers Hakle, der sich stets für die „Volksfassenacht“ einsetzte und gegen den „Pracht-, Prunk- und Protz-Karnevalismus“ ins Feld zog, provozierte die Granden etwa mit seinen vorwitzigen „Prinz Bibi“-Auftritten; und galt fortan manchem Vereinsoberen als närrischer Nestbeschmutzer.

          Ein kurzes Comeback

          1975 erhielt der Flüchtling aus der Fastnachtsszene Exil im Mainzer Forumtheater Unterhaus: „Ein Narr packt aus“, hieß damals auch sein erstes Kabarettprogramm, und die Menschen standen geduldig in einer langen Schlange vor dem Kassenhäuschen. Der über Nacht vollzogene Rollenwechsel habe beide Seiten kurioserweise auf Jahre irritiert, meint Sohn und Verleger Michael Bonewitz: „Den Fastnachtern war er fortan zu kabarettistisch, und so manch etabliertem Kabarett-Fundamentalisten war er schlicht zu fastnachtlich.“ Vor zehn Jahren begann für den durch Sohn, Tochter und etliche Enkel beglückten Familienmenschen, der sich bis 2001 beruflich „zwischen allen Stilen“ bewegte, der Ruhestand – oder wie der zweite Teil seines Buches heißt: die satirische Spätlese.

          Obwohl es 2005 für den Gonsenheimer noch ein kurzes Comeback bei der Nostalgiesendung „50 Jahre Mainz bleibt Mainz“ gab, hat sich die frühere „Gonsbachlerche“ längst neue Aufgabenfelder gesucht: Bonewitz, der in Mainz schon zu Lebzeiten mit einem „Stern der Satire“ Geehrte, zeichnet mit spitzer Feder, schreibt Hintersinniges, manchmal gar im Dialekt und lässt sich auch nicht lange bitten, wenn Lesungen für einen guten Zweck anstehen. Obwohl der am 9. November sieben Mal elf Jahre alt gewordene Bonewitz „noch immer die Energie eines Sechsundsiebzigjährigen“ hat, macht er nach einer schweren Erkrankung inzwischen Zugeständnisse an das Alter – Rückengymnastik am Morgen und drei bis vier Spaziergänge in der Woche gehören für ihn nun zur Normalität. Oder anders ausgedrückt: „Früher war ich auf meinen Kabarett-Tourneen sozusagen ein ,grauer Star’. Jetzt habe ich ihn!“

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