https://www.faz.net/-gzg-a4j0p

Hermann Otto Solms : Fast das halbe Leben im Bundestag verbracht

  • -Aktualisiert am

„Die Regierung schüttet die Probleme mit Geld zu“: Hermann Otto Solms, Elder Statesman der FDP. Bild: Lando Hass

Seine Ambitionen auf das Amt des Bundesfinanzministers zerschlugen sich 2009. Hermann Otto Solms blieb bei den Liberalen der Mann im Hintergrund. Nach 40 Jahren plant er seinen Rückzug aus dem Bundestag.

          5 Min.

          Ein freidemokratisches Urgestein tritt von der politischen Bühne ab. Hermann Otto Solms, am 24. November wird er 80 Jahre alt, kandidiert bei der Wahl im Herbst 2021 nicht mehr für den Bundestag. Seit 1980 – mit einer Unterbrechung von 2013 bis 2017, als die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte – gestaltete er Deutschland im Parlament an vorderster Front mit. In seinem Zuhause im mittelhessischen Lich blickt er auf sein Lebenswerk zurück und räsoniert über die Kunst, rechtzeitig aufzuhören.

          „Willkommen im Schweinestall“, sagt Solms lächelnd mit dem für ihn typischen Understatement zur Begrüßung. Sein privates Domizil war in der Tat früher der Schweinestall des Hofguts neben dem Schloss, das seiner Familie gehört. Vor Jahrzehnten wurde das Hofgut umgebaut. Heute beherbergt es Eigentumswohnungen, Arztpraxen und Büros.

          Für einen Politiker sei es häufig schwer, den richtigen Zeitpunkt zum Abtreten zu erkennen, meint der Grandseigneur der FDP. Aber klar sei, dass mit fortschreitendem Alter die Gefahr bestehe, nicht mehr ernst genommen zu werden. Sein Parteifreund Hans-Dietrich Genscher habe den Absprung 1992 nach Vollendung der deutschen Einheit geschafft, Helmut Kohl nicht. Angela Merkel sei auf einem guten Weg.

          Ehrenvorsitzender der Partei

          Er selbst habe die Politik schon einmal an den Nagel gehängt, als die Freien Demokraten 2013 den Einzug in den Bundestag verpassten. Damals war er 72 Jahre alt. Doch dann bat ihn der neue Vorsitzende Christian Lindner, beim Wiederaufbau der Partei, die sich auch finanziell in einer dramatischen Situation befand, zu helfen. Nach ein paar Tagen Bedenkzeit willigte Solms ein, knüpfte sein Mitwirken aber an die unverhandelbare Bedingung, dass der Neuanfang mit neuen Gesichtern erfolge. Die Zusage kam, der Rücktritt vom Rücktritt war perfekt. „Von Anfang an war klar, dass ich endgültig gehe, wenn die Sanierung abgeschlossen ist“, sagt der Neunundsiebzigjährige. Das sei jetzt der Fall. „Die FDP ist in jeder Hinsicht solide aufgestellt. Auftrag erfüllt.“ Seine Kandidatur bei der Bundestagswahl 2017 wollte er als Ermutigung für ältere Menschen verstanden wissen, sich gesellschaftlich zu engagieren.

          Solms: Ein steter Mahner für einen sorgsamen Umgang mit Steuergeldern.
          Solms: Ein steter Mahner für einen sorgsamen Umgang mit Steuergeldern. : Bild: Lando Hass

          Für seine Verdienste um die Partei wurde Solms beim Bundesparteitag am 19. September zum Ehrenvorsitzenden ernannt. „Das hat mich überrascht. Diese Ehre wird normalerweise nur ehemaligen Vorsitzenden zuteil. Und das war ich ja nie“, wundert er sich.

          Pflichtbewusst, akkurat, geradlinig, verantwortungsvoll, sachlich und distanziert – diese Charaktereigenschaften verbindet man mit Hermann Otto Solms. Niemand käme auf die Idee, ihn einfach zu duzen. Wirklich befreundet könnten Politiker untereinander nicht sein, meint er. Schließlich seien sie immer auch Mitbewerber, vor allem innerparteilich. Selbst mit dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle, mit dem er eng und vertrauensvoll zusammenarbeitete, habe er sich gesiezt.

          „Ich arbeite lieber inhaltlich im Hintergrund“

          Solms drängte nie in die erste Reihe. In drei Zeitabschnitten war er insgesamt 26 Jahre lang Bundesschatzmeister der FDP, von 1991 bis 1998 Fraktionsvorsitzender. Parteichef wollte er nie sein. „Ein Vorsitzender muss ein Verkäufer sein“, sagt er. „Ich habe darüber in der Tat schon einmal nachgedacht, bin aber zu dem Schluss gekommen, dass das nicht mein Ding ist. Ich arbeite lieber inhaltlich im Hintergrund und versorge die Verkäufer mit Material.“ Das habe er stets glaubwürdig vermitteln können und so eine Konkurrenzsituation mit den Vorsitzenden vermieden. Außerdem sei seine adelige Herkunft, die offizielle Anrede lautet Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich, für eine Position in vorderster Linie kontraproduktiv. „Da wäre ich gleich polemischen Angriffen ausgesetzt gewesen und in die Defensive geraten“, meint Solms. „Und aus der Defensive heraus kann man nicht gestalten.“

          Weitere Themen

          Frankfurt und die Weltverschwörung

          Heute in Rhein-Main : Frankfurt und die Weltverschwörung

          Hessen bereitet sich unaufgeregt auf den ungewissen Start der Corona-Impfungen vor. Trumps Anwalt macht Frankfurt für den angeblichen Wahlbetrug mitverantwortlich. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Hildburghausen in Thüringen

          Corona in Ostdeutschland : Hildburghausen schließt sich ein

          Lange gab es im Osten kaum Corona-Fälle, doch nun häufen sich dort die Infektionen. Ausgerechnet während des „Lockdown light“ steigen die Zahlen teils dramatisch. Einen Landkreis in Thüringen trifft die Pandemie besonders stark.
          Scheinbar kühlschranktauglich: der in Oxford entwickelte Corona-Impfstoff

          Anti-Corona-Serum aus Oxford : Haben die Briten den Impfstoff für alle?

          Es passt nicht in das britische Selbstverständnis, dass deutsche und amerikanische Forscher zuerst einen Impfstoff präsentiert haben. Also preist man im Königreich die Kühlschranktauglichkeit der Substanz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.