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Darmstadt : Viele ignorieren das Fahrverbot

  • -Aktualisiert am

Messwerte: Weil die Luft schlechter war als erlaubt, ist ein Teil der Hügelstraße für alte Autos gesperrt. Bild: dpa

Seit einem Jahr sind Teile der Hügel- und der Heinrichstraße in Darmstadt für alte Autos gesperrt. Jetzt will die Stadt das Verbot mit einer neuen Methode durchsetzen.

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          Seit einem Jahr müssen Fahrer bestimmter Autos in Darmstadt Umwege in Kauf nehmen: Auf Teilen der Hügel- und der Heinrichstraße gilt ein Fahrverbot für ältere Diesel, Benziner und Lastwagen. Beide Straßen zählen bis heute zu den am stärksten frequentierten der Stadt, die Luftqualität dort war entsprechend schlecht.

          Darmstadt ist wiederholt durch hohe Stickstoffkonzentrationen aufgefallen. An der Hügelstraße, am Ausgang eines Tunnels, wurden 2018 die höchsten Werte in ganz Hessen festgestellt, wie das Umweltbundesamt im vergangenen Jahr mitteilte. Der maximale Jahresmittelwert 2018 betrug dort 67 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft. Der EU-Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm. 2019 lag der Wert an der Hügelstraße bei rund 55 Mikrogramm.

          Um die mitunter deutlich erhöhten Werte zu vermeiden, waren vergangenen Sommer auf zwei Abschnitten der innerstädtischen Hauptverkehrsachsen die Fahrverbote für ältere Fahrzeuge erlassen worden. Sie gelten auf einem gut 600 Meter langen Abschnitt der Heinrichstraße zwischen Heidelberger und Karlstraße sowie auf 300 Metern entlang der Hügelstraße von der Tunnelausfahrt in Richtung Karlstraße. Damit ist Darmstadt bis heute die erste Stadt in Hessen, in der es überhaupt Fahrverbote gibt. Zustande gekommen war dieses Konstrukt nach einem Vergleich des Landes Hessen mit der Deutschen Umwelthilfe und dem Verkehrsclub Deutschland.

          Fast 70.000 Menschen pendeln täglich in die Stadt

          Dass Fahrverbote, selbst, wenn sie nur für wenige hundert Meter gelten, in einer Pendlerstadt wie Darmstadt nicht nur auf Zustimmung stoßen, war zu erwarten. Fast 70.000 Menschen pendeln täglich in die Stadt, viele davon mit dem Auto. Und auch ortsansässige Unternehmer fürchteten vor einem Jahr, Schwierigkeiten zu bekommen, wenn sie etwa Kunden in den Verbotszonen beliefern oder dort entlang fahren müssten, so die Industrie- und Handelskammer Darmstadt (IHK).

          Viele Unternehmer hätten gefragt, ob und wie sie an Ausnahmegenehmigungen für die gesperrten Abschnitte kämen oder ob sie größere Umwege in Kauf nehmen müssten, sagte Daniel Kaeding, Verkehrsreferent der IHK.

          Gut 16.000 Verstöße bis zu diesem Frühjahr aufgedeckt

          Inzwischen haben sich die Sorgen offenbar in Luft aufgelöst. „Bei uns kommt nichts mehr an.“ Auch bei der Handwerkskammer meldeten sich keine besorgten Mitglieder mehr. „Man hat sich offenbar arrangiert.“ Das gilt aber wohl nicht für alle. Aktuelle Zahlen zeigen, dass viele Fahrer das Verbot einfach ignorieren. Aufgeflogen waren die Verkehrssünder bislang erst, wenn sie von festinstallierten Säulen in der Stadt wegen zu schnellen Fahrens geblitzt wurden. Beim Abgleich der Kennzeichen zeigte sich, dass zahlreiche Fahrer dort, wo sie zu viel Gas gegeben hatten, ohnehin nicht hätten fahren dürfen. Gut 16.000 Verstöße waren so bis zu diesem Frühjahr aufgedeckt worden.

          Seit einigen Wochen versucht die Stadt, anhand von Fotos auch jenen Fahrern auf die Schliche zu kommen, die mit angemessener Geschwindigkeit auf Straßen unterwegs sind, auf denen sie nicht fahren dürfen. Verdachtsunabhängiges Blitzen heißt die Methode, bei der nach einem festgelegten Modus in gewissen Abständen Fahrzeuge erfasst werden, auch wenn sie nicht zu schnell fahren. Bei jedem Foto wird anhand des Kennzeichens geklärt, ob der Fahrer gegen das Verbot verstoßen hat.

          Unabhängig von den Kontrollen hieß es jedoch im März aus dem Rathaus, dass die Konzentration von Stickstoffdioxid in der Luft deutlich zurückgegangen sei. An der Hügelstraße etwa lag der Jahresmittelwert einer amtlichen Messstation 2019 bei 38 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Somit ist der mittlere Grenzwert eines Jahres unterschritten worden.

          Seit Inkrafttreten des Fahrverbots liegt der Wert noch weiter darunter. Ein sogenannter Passivsammler am Tunnelausgang an der Hügelstraße verzeichnete dagegen höhere Werte. Dort lag die Konzentration von Stickstoffdioxid in der zweiten Jahreshälfte 2019 bei knapp 49 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.

          Eine Prognose für einen Ausstieg aus den Fahrverboten gibt es demnach nach Angaben der zuständigen Dezernentin Barbara Akdeniz (Die Grünen) noch nicht. Erst wenn dauerhaft die Grenzwerte unterschritten würden, sei dies möglich. Darauf setzt man vor allem bei der IHK: „Wenn die Werte regelmäßig unter dem Grenzwert liegen, gibt es keinen Grund mehr für ein Fahrverbot“, sagt Kaeding.

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