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„Etwas Sinnvolles tun“ : Vom Banker zum Heilpraktiker

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Früher Spitzenbanker, jetzt Heilpraktiker: Jürgen Röthig Bild: F.A.Z. - FOTO DIETER RÜCHEL

Jürgen Röthig war Partner beim Frankfurter Bankhaus Metzler und fast drei Jahrzehnte in der Finanzbranche tätig. Jetzt betreibt er eine Heilpraktiker-Praxis in Oberursel. „Ich möchte jetzt etwas Sinnvolles, etwas für die Menschen tun.“

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          Nur wenig erinnert in der Heilpraktikerpraxis in Oberursel an den alten Beruf von Jürgen Röthig. Wäre da nicht ein schwarzes Sparschwein, das ein ehemaliger Kollege mit einem Augenzwinkern zur Praxiseröffnung geschenkt hat. „Schwarzgeld“ steht darauf. „Das kommt von einem befreundeten Investmentbanker“, sagt der gelernte Bankkaufmann.

          Fast drei Jahrzehnte ist Röthig in der Finanzbranche tätig gewesen. Bilderbuchartig verlief seine Karriere. Während der Lehre bei der Deutschen Bank in Dortmund entdeckt er sein Interesse für den Kapitalmarkt. Es folgten Jahre als Devisenhändler, schließlich wurde er Geschäftsführer von Barings Securities und der BZW, der Investmentbank von Barclays. Nach einem kurzen Intermezzo in New York wurde Röthig Partner beim Frankfurter Bankhaus Metzler. „Das war meine schönste Zeit in der Branche“, erinnert sich der gebürtige Westfale. Anschließend verließ er den aktiven Handel und wechselte als Leiter des Geschäftsbereichs Operations zur Deutschen Börse.

          Im Jahr 2008 folgte die Zäsur in Röthigs Leben. Sein Schwiegervater starb plötzlich. Daraufhin reifte der Entschluss, noch einmal etwas völlig anderes zu machen - „Sinnvolles“, wie er sagt.

          In finanzieller Unabhängigkeit

          Seit seiner Zeit beim Katastrophenschutz in den achtziger Jahren habe er sich für medizinische Themen interessiert, berichtet Röthig. Allerdings sei er während der Dienstzeit schon erfolgreich im Job und deshalb zufrieden gewesen. An eine berufliche Veränderung habe er damals keinen Gedanken verloren. Zwanzig Jahre später sah es anders aus. Durch die Karriere in der Bankbranche war er in der glücklichen Situation finanzieller Unabhängigkeit. Zunächst überlegte er, ein reguläres Medizinstudium zu beginnen. „Aber dann wäre ich 55 gewesen, bis ich mich hätte niederlassen können.“ Eine Alternative war die Ausbildung zum Heilpraktiker.

          Rund eineinhalb Jahre lernte Röthig das Handwerk des medizinischen Heilpraktikers. „Ich habe keinen Tag blau gemacht, habe noch nie so intensiv gelernt“, sagt er über die Zeit an der Frankfurter Paracelsus-Schule. Medizinische Heilpraktiker dürfen Diagnosen stellen und Patienten behandeln. Anders als ein Arzt ist es ihnen aber verboten, verschreibungspflichtige Medikamente zu verabreichen. Schon nach der theoretischen Ausbildung kann die Praxis eröffnet werden. Für Röthig kam dieser Schritt aber zu früh. Er wollte das Gelernte bei Praktika in Krankenhäusern anwenden.

          Eine Zeit im mongolischen Winter

          Doch der ehemalige Banker erhielt nur Absagen. In Deutschland fand er keine passende Klinik. Röthig beschloss deshalb, im Ausland zu hospitieren. Eine Agentur, die sich auf Praktika für Ärzte und andere medizinische Berufe spezialisiert hat, vermittelte ihm zwei Plätze - in Jamaika und in der Mongolei. „Jamaika klingt gut“, dachte sich Röthig. Doch die Zeitplanung machte ihm einen Strich durch die Rechnung. So fiel die Wahl auf die Mongolei.

          Zwei Monate lang wollte der frisch ausgelernte Heilpraktiker in einem Krankenhaus in Ulan Bator, der Hauptstadt des zentralasiatischen Staates, Praxiserfahrung sammeln. Doch schon nach wenigen Tagen kamen ihm Zweifel, ob er die Zeit durchsteht. „Im Winter sind es in der Mongolei minus 35 Grad“, erzählt er. Außerdem hing eine Smogglocke über der Stadt. Nach drei Tagen wollte Röthig aufgeben. „Ich hatte Depressionen und habe nur geheult“, erzählt er. Seine Frau, die mit den Kindern in Deutschland geblieben war, konnte ihn aber zum Bleiben überreden. „Unsere Tochter wollte damals für mehrere Monate nach Australien. Da konnte der Vater natürlich nicht mit schlechtem Beispiel vorangehen.“

          Röthig stand die Zeit im mongolischen Winter durch, schaute Ärzten über die Schulter und lernte, Patienten zu behandeln. Der „Kulturschock“ verging aber erst auf dem Rückflug in die Heimat. Wieder zu Hause, ergaben sich weitere Praktika in deutschen Krankenhäusern. Durch die praktischen Erfahrungen sah sich Röthig nun gerüstet für die eigene Praxis.

          „Ich mache den Heilpraktiker nicht wegen des Geldes“

          Als ein befreundeter Werbekaufmann aus der Bürogemeinschaft mit einer Psychologin und einer Ernährungsberaterin auszog, stieg Röthig dort ein. Zu dritt sei die Praxis für ganzheitliche Therapien ideal. Sein Schwerpunkt sei die heilpraktische Behandlung von Kindern und Sportverletzungen. Viele Symptome könnten aber auch durch eine Ernährungsumstellung oder psychotherapeutische Behandlung kuriert werden.

          Seit Mitte Mai hat die Praxis nun geöffnet. Röthig setzt vor allem auf Mundpropaganda, Werbeanzeigen werde er nicht schalten. Außerdem überlegt er, einen Tag in der Woche die Behandlung für einen geringen Geldbetrag anzubieten. Da die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für heilpraktische Therapien nicht übernähmen, könnten sich viele Menschen einen Besuch in seiner Praxis nicht leisten, sagt er. „Ich mache den Heilpraktiker nicht wegen des Geldes. Ich möchte jetzt etwas Sinnvolles, etwas für die Menschen tun.“

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