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Eschborn : Die Stadt ehrt den Begründer ihres Erfolgs

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Bei weitem nicht so groß wie Frankfurt, aber viele Firmen aus der benachbarten Metropole zieht Eschborn schon an. Bild: Marcus Kaufhold

Dem Ehrenbürger Hans Georg Wehrheim (SPD) verdankt Eschborn viel – ohne ihn hätte die schuldenfreie Kleinstadt kaum rund 100 Millionen Euro im Stadtsäckel. Heute wird der frühere Bürgermeister mit einem Empfang im Rathaus gefeiert.

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          Was wäre nur aus Eschborn geworden, wenn es den jungen Verwaltungsbeamten Hans Georg Wehrheim nicht in die weite Welt gezogen hätte? Diese Frage muss keiner beantworten, denn Wehrheim zog es hinaus, und er brachte Ideen mit, die heute längst Realität geworden sind. Der SPD-Politiker entwickelte als Zweiunddrißigjähriger für das „ganz arme Kaff“ – Originalton Wehrheim – mit Misthaufen an den Hofreiten und fehlender Kanalisation eine echte Zukunftsvision, nachdem er bei einem Besuch in den Vereinigten Staaten von Amerika erstmals riesige Großmärkte auf der grünen Wiese gesehen hatte. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort mitten im Rhein-Main-Gebiet schaffte er als Bürgermeister von 1961 bis 1979 Grundlagen für die Zukunft seiner Gemeinde, von denen diese bis heute nachhaltig profitiert.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Wehrheim, der in der Nachbarstadt Schwalbach lebt und sportlich durchtrainiert bei bester Gesundheit und hellwachem Geist heute seinen achtzigsten Geburtstag feiert, wies jene Gewerbeflächen aus, die Eschborns Wohlstand markieren. Vertreter der Stadt verbeugen sich vor dem Visionär heute mit einem Empfang im Rathaus.

          Erster Berufswunsch war Architekt

          Das Potential der Ortschaft direkt an der Frankfurter Gemarkungsgrenze in unmittelbarer Nähe des Flughafens und an den Autobahnen 5 und 66 sei für ihn offenkundig gewesen, erinnert sich Wehrheim. Auf jener Amerika-Reise, berichtet Wehrheim, beeindruckten ihn diese ungeheuer großen Selbstbedienungsmärkte, da es damals, wie er sagt, „in Deutschland doch nur Tante-Emma-Läden gab“. Gleichzeitig habe der rasante Aufstieg der Computerindustrie „einfach in der Luft gelegen“. Da sei ihm klargeworden, dass dies prosperierende Zukunftszweige seien , für die man in Deutschland bald Gewerbeflächen benötigen werde.

          Er stamme eben aus einer Bad Homburger Bauunternehmerfamilie und habe zunächst den Wunsch gehabt, Architekt zu werden. Das Gestalten liege ihm im Blut. „Nur Verwalten liegt mir überhaupt nicht“, gesteht Wehrheim. Das langweile ihn. So sei er auch nur so lang Vorsitzender seines Tennisclubs gewesen, bis das neue Clubhaus samt Anlagen in gewünschter Weise errichtet gewesen sei. Und auch der Leitung des Rechnungsprüfungsamts in Oberursel wurde Wehrheim bald überdrüssig, so dass er nur zu gerne dem Ruf als Bürgermeister ins damals noch „rote“ Eschborn folgte. Sein Meisterstück, die Grundlagen für die „Boomtown Eschborn“ zu legen, hat für den Gestalter im Rückblick nur einen Schönheitsfehler: Weil Wehrheim nach 18 Jahren im Amt aufgrund neuer Mehrheiten im Rathaus abgewählt wurde, konnten zwei herausragende Verkehrsprojekte auf seiner Agenda zu seinem Leidwesen nicht abgeschlossen werden: der kreuzungsfreie Anschluss Süd und die Verbindung der Gewerbegebiete Süd und Ost. Diese Tangente, die den Verkehr aus der Stadt heraushalten sollte, sei schon geplant gewesen. Leider warteten die Eschborner immer noch darauf.

          Großmärkte nach amerikanischem Muster

          Leichter ging dem Bürgermeister der eigentliche Coup von der Hand: ohne eigene städtische Grundstücke und mit wenig Geld in der Stadtkasse Gewerbegebiete auszuweisen. Es sei ihm klar gewesen, dass das Dienstleistungsgewerbe einen Aufschwung in Deutschland erfahren, das Rhein-Main-Gebiet dabei eine zentrale Rolle einnehmen würde und Eschborn, wenn man es geschickt anstellte, vom Frankfurter Kuchen ein Stück abhaben könnte. Darauf habe schon Anfang der sechziger Jahre eine Regionalstudie hingewiesen, die Eschborn und Sossenheim ausdrücklich für großflächigen Einzelhandel und Dienstleistungsstandorte empfahl, erinnert sich Wehrheim.

          Während die Frankfurter aber ihre Bürostadt Niederrad bauten, habe sich parallel Eschborn mit den Großmärkten nach amerikanischem Muster und mit Bürohochhäusern entwickelt. „Sossenheim ließen die Frankfurter links liegen.“ Fingerspitzengefühl, wohl aber auch eine gehörige Portion Bauernschläue waren bei den Verkaufsverhandlungen mit den Eschborner Landwirten nötig, denen die für die Gewerbegebiete benötigten Äcker damals gehörten. Für das Gewerbegebiet Süd kreierte Wehrheim eine eigene, später sogar prämierte Bodenpolitik. Einstimmig verabschiedete das Stadtparlament unter dem Titel „Bürger, es geht um deine Gemeinde“ die Art und Weise des Grundstücksankaufs. Unter „leichtem Zwang“ – wie Wehrheim augenzwinkernd beschreibt – sei den Grundstückseigentümern das notwendige Gelände abgekauft worden. Die freiwillige Übertragung des Areals an die Stadt geschah jedoch unter Vorbehalt. Erst wenn der letzte Grundstückseigentümer an die Kommune verkauft hatte, wurden die Verträge wirksam. Damit konnte Wehrheim zufolge verhindert werden, dass Einzelne, in der Hoffnung, bessere Preise zu erzielen, das Geschäft verzögerten. Die Flächen wechselten so zunächst für umgerechnet zehn Euro je Quadratmeter den Besitzer.

          Eschborns Gewerbesteuerquellen sprudeln bis zum heutigen Tag

          Um den Kauf der etwa 100 Hektar großen Gewerbeflächen überhaupt finanzieren zu können, musste die Stadt Wehrheim zufolge die damals gigantische Summe von umgerechnet 15 Millionen Euro aufnehmen. Dazu sei sogar eine Ausnahmegenehmigung des Innenministeriums vonnöten gewesen. Und es habe ihn manch schlaflose Nacht gekostet, als 1967 mit der ersten Wirtschaftskrise der Absatz schlagartig stagnierte, die Kommune aber immer noch auf Flächen im Wert von heute zehn Millionen Euro saß.

          Wehrheims Rechnung ging letztlich auf: Eschborns Gewerbesteuerquellen sprudeln bis zum heutigen Tag, weil in den Gewerbegebieten ansässige Computeranbieter, Bankzentralen und Großmärkte kräftig zahlen und mit 20 000 Pendlern fast mehr Menschen in der Kleinstadt arbeiten als wohnen.

          Er radle noch immer gerne und häufig durch Eschborn, gesteht Wehrheim, der seine freiberufliche Tätigkeit als Entwickler erst vor einem halben Jahr aufgegeben hat. Und dabei beobachtet er ein wenig stolz die Bauarbeiten am neuen Standort der Börse AG und tröstet die Frankfurter mit den Worten: „Besser doch, die Gewerbesteuern bleiben der Region erhalten, als Londons Kassen zu füllen.“

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