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Eschbacher Klippen : Ganz oben wartet die „Trau-Dich“-Ente

  • -Aktualisiert am

Am Ziel: Der körperlich leicht behinderte Luis hat die Eschbacher Klippen erklommen – Monika Gruber sichert ihn Bild: Lucas Wahl

Körperlich behinderte Kinder klettern an den Eschbacher Klippen im Taunus. Ihre Lehrer und Betreuer wissen, wie wichtig Bewegung für die Kinder ist. Die Frankfurter Sektion des Alpenvereins hilft.

          Simon hängt in fünf Meter Höhe an einer Klippe. Nicht sehr hoch also, könnte der Mann denken, der Simons Sicherheitsseil hält: Karl-Ludwig Waag besteigt in seiner Freizeit Achttausender. Doch für Simon sind fünf Meter viel, weshalb Waag auch nicht mit Lob spart; sein „bester Mann“ sei der Junge, sagt er, als Simon wieder auf festem Boden steht. Der strahlt. „Kraft“, sagt Simon, sei das Geheimnis seiner Kletterkunst. Er besucht eine Schule für Körperbehinderte; nicht allzu oft hören er und seine Mitschüler Lob für ihre sportlichen Leistungen.

          Doch ihre Lehrer und Betreuer wissen, wie wichtig Bewegung für die Kinder ist. Katrin Shaw ist eine von ihnen. Der Ergotherapeutin haben es die neun Schüler zu verdanken, dass sie an diesem Donnerstag nicht im Klassenzimmer in Nieder-Olm sitzen, sondern vor den Eschbacher Klippen stehen. Shaw leitet die Klettergruppe an der Schule: „Wer krabbeln kann, kann auch klettern“, sagt sie. Deshalb können sogar Rollstuhlfahrer und spastisch Gelähmte die rund zehn Meter hohen Klippen erklimmen. Damit dabei nichts schief geht, unterstützen 15 Mitglieder der Frankfurter Sektion des Alpenvereins den Ausflug. Kennengelernt haben sich die „Rentnerband“, wie ein Mitglied die Gruppe nennt, und die Kinder natürlich in der Kletterhalle.

          Der Vater staunt

          Vor sieben Jahren war das. Die Frankfurter Bergfreunde trainierten wieder einmal in der Kletterhalle in Nieder-Olm; die Fahrt nach Rheinland-Pfalz träten sie bis heute an, weil die Halle dort moderner sei, als nähergelegene Übungsplätze es seien, sagt Waag. Die Kinder aus der nahegelegenen Schule übten zur selben Zeit wie jede Woche an der Kletterwand. Die Gruppen verstanden sich bestens, und sie beschlossen, einmal im Jahr eine gemeinsame Exkursion zu machen. Jedes Jahr sind andere Kinder dabei, denn die Schule hat viele Schüler, und jeder, der will und kann, soll klettern dürfen.

          Für Paul ist der Ausflug ganz besonders wichtig: Seine Großmutter aus Russland und sein Vater schauen zu. Beide sind spontan aus Mainz nach Eschbach gefahren, um zu sehen, wie der Spross sich an den Klippen macht. Dass der spastisch gelähmte Paul in der Halle in einer Minute an der Wand hochkommt, obwohl er vor kurzem noch „schreckliche Höhenangst“ hatte, weiß der Vater wohl. Doch als er sieht, wie der Junge auch an der zerklüfteten Quarzit-Wand rasch emporklettert, staunt er. Ein schönes Gefühl sei das, sagt er gerührt; als Paul wieder unten steht, schließt er ihn in die Arme. Die Großmutter küsst Paul immer wieder – dass ihr Enkel so sportlich ist, hatte sie nicht gedacht. „Die ganze Woche klettern, dann kurz schlafen, dann wieder klettern“, schildert Paul seinen Wunschtraum.

          „Guck mal, ich bin oben“

          Nicht nur die Bewegung tut den Kindern gut. Der Erfolg, eine hohe Klippe zu erklimmen, ist für sie ebenso wichtig. „Guck mal, ich bin oben“, tönt es immer wieder herab. Sogar die neun Jahre alte Jessica zieht sich mit ihren dünnen Armen an den Felsvorsprüngen empor. Als sie später eine blutige Schürfwunde am Knie entdeckt, sagt sie schulterzuckend: „Geht schon“. Und die 16 Jahre alte Sarah, die am Boden nur sehr unsicher gehen kann, bewegt sich am Berg plötzlich ganz geschmeidig. Der neun Jahre alte Nils entdeckt „geheime Wanderwege“ hinter den Klippen und zieht sich mit einem Stück Schokoladenkuchen zum Picknick zurück – doch als er ein Eichhörnchen sieht, rennt er zurück zu den anderen, um davon zu berichten.

          Monika Gruber vom Alpenverein kümmert sich unterdessen um die, die noch ein viertes und fünftes Mal klettern wollen. Natalie wünscht sich die kleine Plüschente „Trau-Dich“ herbei; sie hängt in der Halle ganz oben an der Kletterwand, um die Kindern zum Weiterkraxeln zu animieren. Das Stofftier ist natürlich mit im Gepäck und wird an der Klippe befestigt. Dann klettert Natalie, die wie alle Kinder einen Helm auf dem Kopf trägt und mit einem Seil gesichert ist. Kinder mit schwereren Behinderungen bekommen einen Mitkletterer an die Seite, der neben ihnen bleibt und hilft, wenn es mal nicht weitergeht. Luis wünscht sich den Beistand eher aus mentalen Gründen; Monika Gruber klettert gern mit. Sie organisiert mit einem Vereinskameraden die Ausflüge und hat, bevor die Kinder ankamen, schon Pavillons aufgebaut, unter die sich bei Regen alle flüchten können. Doch es bleibt trotz dunkler Wolken über dem Taunus trocken. Unter dem Zelt stehen die Kuchen, Käsespieße und Wurstbrötchen, mit denen die Kinder sich stärken.

          Das erste Training unter freiem Himmel

          Kurz vor der Rückfahrt möchte Simon noch einmal an die Klippen. Er ist das einzige Kind, das in den Sommerferien noch einen zusätzlichen Kletterkursus belegt hat. Aber auch für ihn ist es das erste Training unter freiem Himmel. Der 72 Jahre alte Waag hält das Sicherungsseil. Als „besessenen Bergsteiger“ bezeichnen die Vereinsfreunde ihn, der noch vor wenigen Jahren den 8201 Meter hohen Cho Oyu erklomm. Doch das Training mit den Kindern macht den Alpinisten Spaß; soviel sogar, dass sie in der Kletterhalle, die sie in Frankfurt planen, künftig selbst Kletterkurse als Therapie anbieten wollen.

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